It’s the democracy stupid.

Am Wochenende fand das Strategiecamp der Piratenpartei in Leipzig statt. Etwa 75 Piraten, darunter der Bundesvorsitzende Bernd Schlömer, der politische Geschäftsführer Johannes Ponader oder die Berliner Abgeordneten Christoper Lauer, Martin Delius sowie Oliver Höffinghoff. Ziel der Veranstaltung war es, über die strategische Ausrichtung des Wahlkampfes zu sprechen. Im Grunde genommen, war es eine typische Piraten-Veranstaltung. Man will über das große Ganze sprechen und landet plötzlich bei völlig nebensächlichen Details wie Bierdeckeln. Aber das macht die Partei und deren Leute ja auch so sympathisch.

Es gab viel Diffuses in diesen beiden Tagen. Die größte Enttäuschung war für mich Daniel Domscheit-Berg. Er spulte einen eher uninspirierten Standardvortrag runter, bei dem außer „lasst uns zusammen reden und sehen was passiert“ nichts kommuniziert wurde, was nicht schon bekannt war. Was daran Netz-Campaigning war, erschloss sich mit in keinster Weise. Meiner Meinung nach, wurden nur in zwei Veranstaltungen wirklich konkrete Vorschläge gemacht:

So gab Bernd Schlömer als Ziel vor, dass die Piraten bei der Bundestagswahl 6,5% erreichen wollen. Anhand dieser Vorgabe wurde diskutiert, wie dieses Ziel zu erreichen ist. Es wurde nicht klar, wie Schlömer auf die 6,5% kam. Es hätten auch 10% oder 16% sein können. Es gab also keine statistische Grundlage, auf der man zu dieser Zahl kam. Aber immerhin war es mehr als ein “es könnte“, „es sollte“ oder „es dürfte“ – zu oft regiert in dieser Welt und auch in der Partei der Konjunktiv ( der dann mit 100%).

Der zweite Vortrag mit einem konkreten Vorschlag, war der an dem ich selbst beteiligt war. Zusammen mit Katja Dathe, fRED und Christopher Lauer stellte ich das Konzept .NEUSTART vor. Ich möchte hier noch einmal kurz die Gelegenheit nutzen, um diese strategische Idee vorzustellen, zu erklären (und auch dafür zu werben).

1. .NEUSTART signalisiert Aufbruch und den Beginn einer (politischen) Veränderung. Dabei funktioniert der Neustart sowohl allgemein als Begriff für den Anfang (z.B. Auto neu starten) als auch im Hinblick auf die eigene Sprache/Codes der Piraten. Dadurch finden sich die Anhänger der Piratenpartei in diesem Slogan wieder, ohne dass er beispielsweise für den Rest der Bevölkerung unverständlich ist. Jeder benutzt das Wort Neustart zum Beispiel im Hinblick auf sein Auto.

2. Darüber hinaus ist .NEUSTART sowohl für positive als auch negative Wahlkampf-Aussagen einsetzbar. Wenn die Piratenpartei eine neue Drogen- oder Bildungspolitik fordern passt Neustart als Slogan genauso gut, als wenn wir gegen INDECT oder ACTA ins Feld ziehen: Ändert eure Politik, wir fordern einen .NEUSTART. Das heißt, .NEUSTART eignet sich perfekt für einen Wahlkampf, in dem man sich selbst vorstellt und den politischen Gegner bloßstellt.

3. Nicht zuletzt hat der Slogan/diese Idee eine Außen- und Innenwirkung: Nach außen kommunizieren wir den Wählern, dass die Piraten für eine neue Politik stehen: BGE statt Hartz4-Demütigung, Entkriminalisierung vor Drogen, Religion privatisieren etc pp. Nach innen sagt Neustart, dass die Piraten im Jahr 2013 neu anfangen, die Querelen und persönlichen Befindlichkeiten vergessen und sich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig wird: 2013 in den Bundestag einzuziehen: Für den .NEUSTART. Gerade diese Innenwirkung, wäre ein Signal an alle: stellt das Ego hinter die Sache zurück.

Als Begriff impliziert .NEUSTART also sehr vieles, wenn nicht fast alles, wofür die Piraten stehen: Innovatives Denken, positiv ausgedrückter Skeptizismus und in einem passenden Begriff gepackter Protest gegen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft. Zudem ist er eine klar und verständlich formulierte Forderung, die dem Wähler deutlich macht, wofür die Piraten stehen. Er vereinigt Kopf mit dem Bauch – gerade die Kopfpartei Piraten braucht einen emotionalen Türöffner in die Herzen der Menschen. Wir neigen oft zu sehr, uns in vollkommen verkopfte Details zu verlieren. Und wer sich darin verliert, verliert: die Kampagne der Piraten in Niedersachsen war das beste schlechte Beispiel dafür. Meine Meinung zu dieser Kampagne hatte ich hier: http://bit.ly/T1aZnd geäußert.

Was wir brauchen ist eine klare Kommunikation unserer Positionen mit einer Idee, die unsere Inhalte transportiert und die den Menschen sagt, warum man uns wählen soll und nicht jemand anderes. Wir müssen erklären, dass eine Phantom-Diskussion über eine Rente mit 67 utopischer ist, als ein BGE. Wir müssen deutlich machen, dass wir die innovativste Partei in Deutschland sind. Und wir müssen klar sagen, dass mit den Piraten eine neue Opposition in den Bundestag einzieht, die für ein ganz eigenes Gesellschaftsbild steht. zwischen den Fixpunkten individuelle Freiheit, neue Demokratie und uneingeschränkte Information.

Zeit für einen .NEUSTART.

 

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Was Sölden das bitte?

In dieser Woche war das Thema „Sexismus“ Programm. In fast allen wichtigen Talkshows des Landes wurde drüber und drunter geredet. Mal banal, mal aufgeregt, mal völlig am Thema vorbei. Es wurde marginalisiert, relativiert, abgewehrt oder eben schon Wahlkampf gemacht. Insbesondere letzteres zerstört sachliche Diskussionen im Keim. Talk-Sendungen tragen sowieso immer nur Tröpfchenweise etwas zu einer Debatte bei, diesmal beschränkte sich der Beitrag auf Homöopathische Dosen. Meine eigentlich überraschendste Erkenntnis dieser Woche: Ein über 80-jähriger Heiner Geissler hat ein moderneres Gesellschafts- und Frauenbild, als so mancher weitaus jüngerer Mann. Auf der anderen Seite auch wieder erschreckend.

Fast unbemerkt strahlte Pro7 gestern einen Themenabend Sexismus aus, der leider von den richtigen Leuten gar nicht bemerkt wurde (einfach weil die Solche Sendungen nicht schauen). Eins vorweg: das Format „The Beauty and the Nerd“ ist menschenverachtende Kackscheiße. Im Grunde schlimmer als das Dschungelcamp. In dieser Sendung tummeln sich die typischen mediengeilen Durchschnittsschönheiten aus den Friseursalons und Arztpraxen-Vorzimmern der Nation. Das ganze garniert, mit echten oder gecasteten Männern, die sinnbildlich für die Krise des Mannes stehen. Hier gleichförmig gemachte Frauen der so genannten Individualgesellschaft, dort Jungs, die jetzt in dieser Gleichförmigkeitsmaschine Fernsehen entindividualisiert werden sollen. Beauty and the Nerd ist vollkommen Idee befreites Voyeur-Programm für die zynische Social-TV Meute da draußen. Nerds mit einem eigenen Stil werden vorgeführt, während auf der anderen Seite junge Frauen – die vollkommen angepasst sind – als Prototyp des (sexuellen) Erfolgs dargestellt werden. In beiderlei Hinsicht ein einziger Horror. Wichtigste Frage: hat sich Pro7 wenigstens mit RTL die Kosten für die Bachelor-Villa in Südafrika geteilt?

Gleich danach ging „We love Sölden“ auf Sendung. Dieses Scipted Reality Format um eine Gruppe desperater Ruhrgebiets-Gigolos und deren weiblichen Pendants funktioniert nach dem klassischen Schema. Jungs machen Mädchen klar, oder wie einer der Protagonisten mit Blick auf den Whirlpool meinte: „Hier werden die Hühner weggeflankt.“ In Sölden ist Alkohol der Treibstoff des Triebs. Die Mädchen machen sich die Brüste und ansonsten wenig aus der Sexismus-Diskussion. Hier stimmt das Leben noch: die Chicks werden zunächst mal nach den körperlichen Parametern abgecheckt und auch die Damen sind im Grunde nur damit beschäftigt Männern zu gefallen. Es stört sie auch gar nicht und ein Dirndl-Spruch ala Brüderle ist in dieser Welt wahrscheinlich das höflichste, was man so hört. Wahrscheinlich müsste mal Lory Glory, Bauer, Maikiboy und dem Polen erst mal erklären, was eine Tanzkarte ist. Denn der Dancefloor in den Söldener Großraum-Diskotheken dient vorzugweise als Basis für einen „Trockenfick.“

Ich zappte einige Male zwischen Illner und „We love Sölden“ hinterher. Zum einen, weil ja eigentlich schon alles nicht gesagt wurde zum #aufschrei, zum anderen weil die Aussagen der Diskutanten so wunderbar konterkariert wurden, durch das Bumsfallera auf Pro7. Während Maybritt Illner darüber philosophiert , dass junge Männer von heute doch mit einem anderen Frauenbild aufwachsen, werden in Sölden die Chicks weggeflankt – von Twentysomethings. Hier regt sich Claudia Roth über den Begriff „linke Fotze“ auf, dort gehört so ein F-Wort zum Standard-Vokabular. Auf der ARD sinniert man über den Zusammenhang von Wein, Brüderle und verbaler Übergriffigkeit und auf Pro7 fließt der Alkohol in Strömen und die Tanzfläche wird zum „Trockenfick“-Revier. Durch das Zappen wurde manches klarer.

In diesen Momenten hat man gesehen, dass es parallele Wirklichkeiten gibt. Auch wenn Pro7 eine Scripted Reality Geschichte erzählt, so wird doch auch dadurch viel über das Frauen- und Männerbild klar. Vor allem das Bild der Programmmacher.

 

 

 

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McCann’t Erickson.

Ich arbeite seit 15 Jahren in der Kommunikationsbranche. Einen nicht unerheblichen Teil dieser Zeit verbrachte ich in Berlin beim McCann Erickson Communications House oder kurz M.E.C.H.. Besser gesagt, ich war bei der Dialogtochter MRM Worldwide zunächst als Texter und dann CD Text angestellt. Damals war der Digital/Dialog-Bereich eher ein Stiefkind, heute haben sich aufgrund der geänderten Mediennutzung die Dinge umgekehrt: McCann Frankfurt ist zum Beispiel Geschichte, dafür gibt es dort im Hasenpfad immer noch MRM Worldwide und die betreuen sogar Opel. Wahnsinn. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass McCann die Digitalisierung der gesamten Kommunikationskette verschlafen hat. Statt eine Gemeinschaftsagentur zu gründen, wie Tribal DDB oder BBDO/Proximity, wurschtelten MRM und McCann fröhlich nebeneinander her. Bis McCann als klassische Werbeagentur so modern wirkte, wie eine Doppelseite im Stern.

Meine Zeit bei McCann in Berlin war toll. Ich durfte auf großen Etats arbeiten, spannende Projekte umsetzen und mit inspirierenden Kollegen zusammenarbeiten. Außerdem gewann ich in dieser Zeit eine Menge Werbepreise, was zwar nicht direkt die Brieftasche fütterte, aber wenigstens das Ego. Aber schon damals zeigte sich hier wie unter einem Brennglas die Probleme, die später zur großen McCann Krise führten: Zwar war der Grundgedanke, alle Spezial-Agenturen unter einem Dach zu vereinen damals modern. Andererseits scheiterte der damals integrierte Kommunikation genannte Ansatz an zwei Dinger: intern achtet jeder Geschäftsführer nur darauf, dass möglichst viel von jedem Etat bei ihm und seiner Spezial-Disziplin verblieb. Und die Kunden haben den Ansatz damals selbst noch nicht verstanden. Heute ist es selbstverständlich, dass man Kampagnen On- wie Offline denkt, dass in jedem Ansatz Dialog-Möglichkeiten bis zu Social Media eingebaut werden. In jeder Zeit beherrschte das: 3 Anzeigen, 1 Film und 1 Radiospot Denken die Kreation und den Marketingleiter. Diese Zeit scheint fern, liegt aber noch gar nicht so lange zurück.

Ich möchte etwas festhalten: Mir tut das echt weh, wenn ich sehe, was in den letzten zwei bis drei Jahren aus der stolzen McCann Erickson geworden ist. Warum ich heute darüber schreibe, ist dieser unglaubliche Zynismus, mit dem die Agentur gerade geführt wird: ich mache dies – auch wenn ich ihn nicht persönlich kenne – an der Person Andreas Trautmann fest. Ganz klar: Auch in unserer Zeit wurden Mitarbeiter „im gegenseitigen Einvernehmen“ verabschiedet oder sie suchten sich die berühmten neuen Herausforderungen außerhalb des Networks. Kreativchefs kamen mit großen Vorschusslorbeeren und verschwanden ohne ein Wort des Abschieds wenige Monate später. Ab einer gewissen Position ist der Gesichtsverlust einer Entlassung eben noch schwerer zu ertragen. Warum eigentlich? Meistens bekommt man noch sehr viel Geld hinterhergeworfen.

Was aber in den letzten Monaten, in immer kürzeren Abständen an vollkommen unglaubwürdigen Pressemitteilungs-Sprech auf die Menschheit losgelassen wird, widerspricht in allem den alten Agentur-Motto: „Truth well told.“ Aktuelles Beispiel ist die Entlassung der Düsseldorfer Geschäftsführer. Ich habe mir nach der gestrigen Meldung einfach mal die PMs angesehen, als der jetzt entlassene Richard Dolphin Ende 2011 (!) Chef in der Rheinmetropole wurde. Zitat:  „Richard Dolphin war mein Wunschkandidat. Er bringt nicht nur ein breites Spektrum an Markenerfahrung und digitaler Kompetenz mit, sondern bewegt sich auch sehr sicher auf dem internationalen Großkunden-Parkett. Er ist ein lösungsorientierter Macher mit klarem Fokus auf das optimale Ergebnis“, erklärt Trautmann. Nur ein Jahr später liest sich da so: „Nach gemeinsamen Gesprächen sei man jedoch zu dem Schluss gekommen, die Agentur mit flacheren Management-Strukturen aufzustellen. Das Ziel: Ein “gesundes Wachstum von unten zu ermöglichen.” Natürlich machte Dolphin trotz allem: „einen „hervorragenden Job“ – trotzdem fragt man sich, wann mal eine Skala für die größte Heuchelei eingeführt wird.

Was McCann Ericson zur Zeit fehlt ist vor allem eines: Glaubwürdigkeit. Und die wird im Zeitalter des ständigen Dialogs mit den Menschen und Kunden immer wichtiger. Man kann nur hoffen, dass die Agentur die Kurve langsam bekommt. Sonst kann man sich jetzt schon darauf freuen, dass eine Pressemitteilung zu Andreas Trautmann herausgegeben wird, in der man sich „im gegenseitigen Einvernehmen“ trennt, er „Aufgaben auf internationaler Ebene“ übernimmt (auch sehr beliebt) oder der dann E-CEO einfach das macht, was alle machen: „sich neue Herausforderungen suchen.“

 

 

 

 

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Der Herrinwitz.

„Unter den Linden ist der Einäugige König“, so lautet ein uraltes Berliner Sprichwort, welches mich auf meinen Weg ins Studio der Talksendung ZDFLogin begleitet. Das Thema: Sexismus. Gerade deswegen musst ich an diesen Spruch denken: Einen Tag vorher zerwaberte die Diskussion bei Jauch genau darüber zwischen Alt-Herrenwitzen, Zynismus und einem Moderator, der das alles irgendwie lustig fand und am Schluss launig an die Bar bat. Da konnte es bei ZDFLogin eigentlich nur besser werden. Eigentlich.

Es wurde zwar besser – was angesichts von Jauch kein Wunder war – aber es wurde nicht gut. Im Gegenteil. Das liegt auch daran, dass ZDFLogin neben der unsäglichen Ego-Show eines Michel Friedman die männlichste Talkshow des Deutschen Fernsehens ist: Die Gäste stehen sich konfrontativ gegenüber und dürfen sich in regelmäßigen Abständen ihre Argumente in „die Fresse“ bellen. Die Gäste werden zudem danach ausgesucht, dass ihre Positionen sich am besten relativ unversöhnlich gegenüber stehen.

So kam es, dass an diesem Tag auf der einen Seite Anne Wizorek (die Initiatorin von #aufschrei) und Laura Dornheim (engagiert im feministischen Kegelklub der Piratenpartei) standen und auf der anderen mit Maximilian Pütz Deutschlands selbsternannter Frauenaufreißer Nummer 1. Bei Pütz musste ich immer an seinen Namensvetter Jean denken, denn fast wie in der Hobbythek bastelte er sich Do-it-Yourself ein Männerbild zusammen, was mit der Realität schwer Deckungsgleich zu bringen ist. In seiner Welt sind Männer alle Weicheier geworden, die sich nicht mehr trauen Frauen anzusprechen. Und wer ist Schuld? Der Feminismus! Also wieder mal die Frauen, die ja auch Schuld sind, dass man sie anspricht. Es ist also ziemlich egal, was Frauen machen: am Ende haben immer sie den Schwarzen Peter (wenn der schwarze Peter von der CDU sie als Journalistin dumm an einer Hotelbar anquatscht.)

Leider besteht die Aufgabe eines Moderators bei ZDFLogin nicht darin eine Diskussion wirklich zu moderieren. Man hätte ja mal fragen können, wie denn der Feminismus das angestellt hat. Hat er wirklich so eine große gesellschaftliche Kraft, wie behauptet. Ist es denn nicht eher so, dass in den Mainstream-Medien wie einer Gala, Brigitte oder Cosmopolitan genau das Gegenteil passiert: Also das Frauen dort gesagt bekommen, wie man besser im Bett ist um „ihm“ zu gefallen? Das dort immer noch antiquierte Frauenrollen anerkannte Vorbilder sind? Zugegeben: Natürlich wird dort auch die selbstbewusste erfolgreiche Frau propagiert: Aber nicht in einem feministischen Sinne.

Das dies so ist, konnte man in der Sendung gut sehen: Frauen klatschten begeistert zu Aussagen wie „wenn man nicht angeglotzt werden will, muss man sich nicht so anziehen.“ Auch die Aussagen des Pick-Up Artist kamen nicht nur bei den anwesenden Männern gut an. Die Diskussion nahm eine überraschende Wende: es wurde gar nicht mehr so richtig über Sexismus gegen Frauen geredet, sondern über die Tatsache, dass Männer auch Opfer sexueller Belästigung sind. Das Männer gar nicht mehr unsere Gesellschaft dominieren, dass der liebe arme Mann auch nicht schlechter ist, als eine Frau. Das Männer eben arme Schweine sind, die auch nur ein bisschen Liebe brauchen.

Das alles war seltsam und dem Thema nicht gerecht. Als eine anwesende Expertin dann sogar noch einen Herrenwitz riess: „Sie haben großes Potential – Blick Richtung Dekolleté – GROßES POTENTIAL.“, wurde alles noch absurder. Eine richtige Diskussion kam nicht mehr in Gang. Das ist bei ZDFLogin auch nicht vorgesehen. Da geht es um Meinungs-Slots, in denen man reden kann. Mehr nicht. Die Argumente landen in einem geschlechtsneutralen Vakuum. Egal bei welchen Thema.

Einmal krachte es ein wenig, ich schaute von meinem Stehtisch nach links. An Kamera 3 stand eine Frau mittleren Alters und versuchte konzentriert das Gespräch der Gäste einzufangen. Hinter ihr ein junger Mann, der als Kabelträger kurz nicht aufgepasst hatte und über etwas gestolpert war. Strenger Blick der Kamerafrau. In dieser Szene steckte für mich so viel mehr, als in der Aufführung einer Diskussion im Scheinwerferlicht. Hier, hinter der Bühne, hatte eine Frau das sagen. In der Sendung war dies – leider schon wieder nicht der Fall. Einfach weil ein Herr Pütz seine seltsamen Ansichten unhinterfragt penetrieren konnte.

Übrigens konnten die Zuschauer während der Sendung abstimmen , ob Frauen nun Macho-Opfer sind oder nicht: 52% sagten „Nein“. ZDFLogin ist eben nicht nur vom Konzept ziemlich männlich, sondern auch von den Zuschauern her. Die vielleicht traurigste Erkenntnis des Abends: Die meisten Männer sind nicht fähig zur Reflektion. Dabei geht es gar nicht um Feminismus ja oder nein. Es geht einfach um Respekt. Unter den Linden und über den Wolken.

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Brüderle im Geiste

Man sollte sich selbst nichts schönreden: man selbst ist auch ein Brüderle. Und zwar immer wieder. Die Geschichte mit dem Sexismus ist wie die mit dem Puff. Man kennt immer jemand, der mal im Bordell war, aber man selbst war es nie. Es stellt sich die Frage, wie solche Etablissements überleben können, wenn kein Mann jemals da war (ich natürlich auch nicht). Ein Wunder, ein Mirakel. Vielleicht denkt die FDP in Zukunft mal über Steuersenkungen für Freudenhäuser nach, damit die irgendwie durchkommen. Schließlich steckt in Stundenhotel ja auch das Wort Hotel.

Aber gefickt wird auch in der Krise. Genau wie Sexismus Alltag ist, unabhängig von den Wirtschaftsdaten. Auch meiner. Ich habe mir heute auf Twitter die Tweets unter dem Hashtag #aufschrei durchgelesen. Frauen berichten da von sexuellen Belästigungen in allen Formen: dumme Anmache, angrapschen, eindeutige Angebote, zweideutige Blicke, Herrenwitze. Das alles kommt jeden Tag vor: im Büro, auf der Straße, in der U-Bahn oder einfach nur so im Vorbeigehen. Für mich als Mann ist das schwer nachzuvollziehen, weil Frauen einen normalerweise nicht betatschen oder mit Blicken ausziehen. Mir ist es zwar auch schon passiert, dass mir eine Kollegin einen Klaps auf den Hintern gab mit der Bemerkung „Knackarsch“, aber ich habe das nicht als sexuelle Belästigung empfunden. Vielleicht auch, weil es einmal vorkam und nicht die Regel war. Im gleichen Betrieb hatten wir einen CEO, der alle jungen Frauen antatschte und von allen weiblichen Angestellten nur „Die Hand“ genannt wurden. Auch wir Männer wussten davon und niemand hat was gesagt. Aus Angst, man würde seinen Arbeitsplatz verlieren.

Wegen der aktuellen Diskussion habe ich mein eigenes Verhalten reflektiert: Gut, ich habe niemals eine Kollegin angetatscht, eine Frau auf offener Straße verfolgt oder wildfremde Damen in der U-Bahn zum Sex aufgefordert. Das käme für mich – Stand jetzt – niemals in Frage. Aber ich habe schon Zoten in Meetings gerissen, oder über blöde Herrenwitze gelacht, wenn andere Frauen dabei waren. Selbstverständlich schaue ich bei allen Frauen erst mal auf den Arsch und stimme mich mit den Kollegen über deren Aussehen ab. Ich will das nicht alles unter das Label Sexismus setzen: Als Mann betrachte ich jede Frau nicht nur als Mensch, sondern eben als Frau.

Andererseits habe ich mir einfach mal selbst ein paar Beispiele aus den letzten Wochen vor Augen gehalten: Meetings, in denen ich Ideen mit sexuellem Inhalt präsentierte (die aber keinesfalls als Anmache gemeint waren, der Kunde wollte selbst ein Konzept, bei dem es um das Thema Erektionsstörungen ging). Ich merkte aber bei der Präsentation, dass einer Kollegin mein Vorschlag zu weit ging und sie unangenehm berührt war. Oder noch was: In den letzten Wochen habe ich ein großes Casting mit geleitet: Viele tausend junge Männer und Frauen hatten sich beworben. Viele Frauen hatten ungefragt statt eines gewünschten Portrait-Fotos Bilder im Bikini gesendet – die habe ich mir natürlich als erstes angesehen. Bei einer sehr hübschen Frau schaute ich mir ihr Facebook-Profil an. Sie war unter anderem Unterwäsche-Model und entsprechend sexy. Ich druckte eines dieser Fotos der Dame in Lingerie aus und hing das Foto zum Spaß an die Bürotür – so konnten/mussten alle Kolleginnen es sehen. Ich persönlich sah darin keine sexuelle Belästigung, sehe dies aber nun anders. Das Bild habe ich heute früh abgehängt.

Es steckt eben in jedem ein Brüderle. Eine Zoten-König oder ein Blicke-Belästiger. Ich sollte mein Verhalten überprüfen, auch wenn ich von mir selbst niemals annehmen würde, ich wäre ein Sexist. Aber vielleicht ist das gerade die Gefahr: ich halte mich für einen modernen Mann, der Frauen ernst nimmt und für die Gleichberechtigung und die Frauen-Quote eintritt. Trotzdem bin ich in einigen Dingen nicht besser als ein Ol’ Dirty Brüderle oder ein Franz-Josef Wagner, der eine Bildungsministerin zunächst mal nach dem Äußeren bewertet.

Daher bin ich froh über die Diskussion – weil ich darin in erster Linie eine Aufforderung sehe, mich selbst zu überprüfen.

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Schrei nach Glück.

Letztens habe ich mein rebellisches Etwas entdeckt: Es hörte auf den äußerst betörenden Namen „Ich“ und hatte mit Instagram „gerade ein Foto hochgeladen“. Eigentlich sollte es ungerade sein, aber so ein großer Rebell war ich dann doch nicht. Erschöpft, ob so viel nie für möglich gehaltene Occupy-Bewegung in mir selbst, schaute ich aus dem Fenster und erkannte, dass ich nichts erkannte.

Der Blick in mein WG-Zimmer geriet deprimierend: Auf dem Boden lag eine alte Matratze, deren Vorbesitzer den Flecken nach Sex gehabt haben musste. An der Wand aufgereiht die wenigen Bücher, dir mir noch geblieben waren. Da ich ein doppelt ironisches Leben führte waren dies Werke wie „Der Arzt von Stalingrad“, „Das Frauen-Bataillon“ von Konsalik oder angestaubte Ratgeber-Bücher wie „1000 legale Steuertricks“. Ich hatte mich davon verabschiedet besonders intellektuell wirken zu wollen. Was ist auch daran besonders intelligent, wenn das Leben zwischen tristen Mini-Jobs und Maxi-Menüs bei McDonalds mäandert. Nichts.

An einer Seite lag ein Haufen Klamotten. Ungewaschen wie der Arzt von Stalingrad nach 8 Wochen im Kessel. Ich besaß keine Möbel mehr und nannte dies Freiheit. Dabei war ich umzingelt von der Roten Armee. An der Wand hing ein abgegriffenes Bild meiner Ex-Freundin. Sie hatte natürlich mich verlassen, auch wenn ich es vor Bekannten so darstellte, als ob man sich „im gegenseitigen Einvernehmen“ getrennt hätte. Dabei war die Geschichte so: Wir lebten damals, als ich noch ein erfolgreicher Investmentbanker war, in einem 240 qm Loft in Hamburg-Winterhude. Sie wollte mir morgens Kaffee ans Bett bringen. Ich schreckte hoch und verpasste ihr eine knallharte Kopfnuss. Hört sich total unglaubwürdig an und ist es auch. Die Wahrheit: Sie hielt es einfach nicht mehr aus, dass wir uns nichts mitzuteilen hatten. Wir lebten nebeneinander her. Sprachlos. Irgendwann war sie weg. In ihrem Abschiedsbrief stand nichts. Er war ein leeres Blatt Papier.

Ab und an masturbierte ich beim Anblick ihres Bildes und stellte mir vor, wie wir damals Sex hatten. Der war damals gar nicht so berühmt, wirkte aber jetzt im Rückblick wie ein geilster Fick des Lebens nach dem anderen. So verschieben sich die Dinge. Auch die fleischlichen. Ich wollte das Foto von ihr immer mal wieder abhängen, schaffte es dann aber nicht. Mir fehlte der Antrieb. Also lächelte sie immer noch von einer Treppe mitten in der Altstadt von Budapest in die Kamera. Sie trug das Sommerkleid, was ich so sehr an ihr liebte, das sie im Ausverkauf bei H&M Trend für 7,99 Euro erstanden hatte. Die Welt ist gerecht, man muss nur auf der selbstgerechten Hälfte leben.

Über netdoktor.de recherchierte ich meinen derzeitigen Zustand: Depression. Der einzige Lichtblick war, neben den Johanniskraut-Tabletten, die 100 Watt Narwa Birne aus der DDR, die den Raum in einen erbarmungslosen Aggregatzustand Namens Hell tauchte. Nackt hing die riesige Birne von einer Decke, an der die Reste von Spinnenweben klebten, die sich im Rhythmus der Gezeiten langsam hin und her bewegten. Sie gaben meinem Leben Takt. Mein Zimmer verließ ich ungern. Meine Wirklichkeit waren Panzerschlachten in der Tiefe der Taiga. Russische Frauen, die sich nach blonden Deutschen Soldaten sehnten. Ein Dialog blieb hängen: „Wenn sie in die Augen dieser Russinnen schauen, sehen sie das Feuer der Puszta.“ „Die Puszta liegt in Ungarn.“

Eines Tages löschte ich das Licht. Das Stillleben meines Anti-Wallpaper Lebens wurde in gnadenvolles Dunkel geworfen. Ich verließ die Wohnung, ging am Spätkauf vorbei, in dem ich mir sonst Chips mit Currywurst Geschmack und Coke Zero kaufte. Danach kam Bubble-Tea Laden, vor dem ich insgeheim Angst hatte, weil mich größere Kalorienansammlungen in Panik zu setzen pflegten und schließlich das Internet Cafè, welches auch günstige Telefonate in alle Herren Länder anbot. Ich lernte dort die Flaggen mir gänzlich unbekannter Staaten auswendig und fühlte mich wieder ein wenig gebraucht.

Ich surfte auf die Webseite des Online-Shops Zalando. Die sind nicht nur für gute Arbeitsbedingungen bekannt, sondern auch dafür, dass man sich kostenlos Schuhe oder Mode nach Hause in einem Paket senden lassen kann. Diese Pakete bringen einem gehetzte Boten, die von einem besseren Leben träumen und dann in der Knochenmühle der modernen Dienstleistungsgesellschaft gelandet sind. Sklaven des Sub-Unternehmertums. Auf zalando.de fand ich eine wunderschöne 500 Kilogramm TNT Bombe. Ich wählte sie aus und ließ sie zu Zalando liefern. Tage später hörte ich, dass die Zentrale des Online-Unternehmens in die Luft ging, als ein schlecht bezahlter Angestellter das Paket öffnete.

Jetzt musste ich nur noch aus dem Kessel meines Stalingrads ausbrechen.

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Ich heiße Sie alle Willkommen

Zugegeben: komischer Name.

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