Jan Böhmermann: der Jean-Paul Sartre, der Generation Schmähgedicht.

In seiner abgerüsteten Friedfertigkeit, die das Fragmentarische nicht mehr in Frage stellt, sondern.

Keine Angst: ich belästige euch nicht mehr mit dem Quatsch!!!

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5 Aufgaben die Roboter wirklich übernehmen sollten.

Der digitale Wandel ist so rasant, da kommt selbst Usain Bolt nicht mehr hinterher. Kühlschränke unterhalten sich mit dem Supermarkt, Fabriken werden intelligenter, als deren Chefs und immer mehr Berufe werden von Robotern übernommen. Wo jedoch früher nur für Schichtarbeiter Schicht war, weil der freundliche Löt-Roboter deren Aufgaben übernahm, da sind heute ganz andere Berufsgruppen gefährdet: Journalisten müssen um ihre Jobs bangen, ebenso wie Call-Center-Mitarbeiter, denn Roboter schreiben bessere Texte und antworten freundlicher, als ihre menschlichen Pendants.

Für die Vordenker ist es keine Frage des ob, sondern nur noch des wann. Aber was wäre, wenn mal ganz andere Berufe durch Roboter gefährdet wären. Wir wagen einen Blick in die Zukunft.

  1. Roboter-Vorstände und -Aufsichtsräte

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden (nein, nicht aus einem Labyrinth): Der Vorstand von heute lässt sich ganz einfach von einem Roboter ersetzen. Ein einfaches Sprachprogramm formuliert bei Krisen ohne weiteres Sätze wie: „Ist ohne mein Wissen gelaufen.“ Oder „Wir werden eine umgehende Untersuchung einleiten.“ Beziehungsweise „Trotz des Diesel-Skandals bestehe ich auf meinen Bonus.“ In Berlin wird gerade ein neuer Roboter-Aufsichtsrat getestet, der simuliert, dass man nichts mitbekommt – selbst von den größten Missständen. Die Wissenschaftler der renommierten Elite-Universität MIT in Boston sind stolz: „Es war nicht einfach den Roboter-Vorständen genau die Verhaltensweisen von menschlichen Vorständen zu programmieren, denn sie sind für eine Maschine teilweise völlig irrational – wer nimmt schon Extra-Geld für eine schlechte Leistung?“ Überhaupt haben sich erste Tests mit Roboter-Vorständen bewährt: „Wir können hunderte Millionen an Vorstands-Boni und horrenden Aufsichtsrats-Vergütungen sparen und müssen sonst keine Mitarbeiter entlassen.“ Einer der Roboter-Vorstände antwortete konsequent auf das Thema Einsparungen: „Das sind für uns Peanuts.“

  1. Roboter-Politiker

So mancher Technokrat an der Spitze von Parteien muss nun um seinen Job bangen. Experten des Frauenhofer Instituts für künstliche Intelligenz gelang es Roboter-Politiker herzustellen. „Es war einfacher als gedacht“, so der Leiter des Instituts, „die Plattitüden von Berufs-Politikern sind sehr leicht berechenbar.“ Vor allem das Aussitzen von Problemen geriet sehr einfach, den Maschinen wurde einfach per Code eingebaut zunächst mal gar nichts zu machen. „Denn bevor man etwas falsch macht, macht man als Politiker erst mal gar nichts“, so das Frauenhofer Institut. Die versammelt Hauptstadt Presse staunte das über das Roboter-Politiker Modell „iSchmidt“ der Sätze formulierte wie: „Wer Visionen zu künstlicher Intelligenz hat, soll zum Roboter-Arzt gehen.“ Das Modell Barschel2.0 brillierte auf der Pressekonferenz mit „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: mein Ehrenwort, dass Roboter niemals Politik machen werden.“ Ein typisches Barschel-Ehrenwort eben. Auch bei anderen Verhaltensweisen wurden die Roboter-Politiker auf ihre menschlichen Vorbilder eingestellt. „Sie konsumieren Crystal Meth, Kinderpornos und zu viel fettiges Fleisch – denn wir wollen sie so detailgetreu wie möglich anbieten.“ Böse Zungen behaupten sogar, dass die vorgestellten Roboter-Politiker mehr Emotionen zeigen, als Angela Merkel.

  1. Roboter-Satiriker

Nie mehr Anzeigen und Strafverfahren wegen ünterürdischen Beleidigungen. Denn wer kann schon Roboter-Satiriker zur Rechenschaft ziehen? Niemand. „Kein Mensch kann Roboter vor Gericht zerren – das lässt unsere Rechtslage derzeit nicht zu“, so ein Fachmann für Satire-Recht, der ungenannt bleiben will. Unser Modell „Roboter-Böhmermann“ kann also ungestraft alles und jeden als Ziegenficker bezeichnen, sogar Menschen, die wirklich Ziegen ficken. „Unsere Software muss nur noch mit etwa 100.000 deutschen Beleidigungen upgedatet werden, dann steht einer Karriere beim ZDF als Humorist eigentlich nichts mehr im Wege.“ Die Hersteller-Firma hat sogar ein älteres Modell Namens Roboter-Hallervorden im Angebot, dass singen kann. „Wenn er nicht wieder mal den Text vergisst, wir Hacker nennen das ‚Honig im Kopf’.“ Die Roboter gibt es in „Lustig“ und in „Mario Barth“. „Es gibt für alles einen Markt“, so die Entwickler. Das Modell Roboter-Böhmermann findet rasenden Absatz, besonders aus dem kurdischen Teil der Türkei hagelt es Bestellungen. „Die haben da scheinbar eine besondere Vorliebe für Gedichte“, vermutet man bei der Hersteller-Firma.

  1. Roboter-BILD Chefredakteur

Kritiker der Boulevard-Zeitungen behaupten seit Jahrzehnten steif und fest: BILD Mitarbeiter sind keine Menschen. Daher ist der nächste logische Schritt die Einführung eines echten Roboter BILD Chefredakteurs. Matthias Döpfner zur Digital-Strategie des Axel-Springer Verlags: „Wir setzen konsequent auf dem Umbau unseres Hauses von ‚Lügen wie gedruckt’ auf ‚Lügen wie digitalgedruckt’ – daher macht es natürlich Sinn, den Chefredakteur zu einem Roboter zu machen.“ Unterstützt wird er dabei von Cyborgs wie Julian Reichelt und seinem Klon Paul Ronzheimer. Der Roboter-BILD Chefredakteur sieht aus wie Kai Diekmann, nur mit mehr menschlichen Zügen. „Wir haben ihn mit einem empathischen Wesen ausgestattet, einfach weil wir gespannt waren, was passiert.“ Sein erstes Werk war ein Interview mit Jan Böhmermann. Die Humorversuche waren noch etwas ungelenk und das Lachen geriet arg mechanisch. Der Titel-Terminator verdrückte einige künstliche Tränen – also alles wie bei seinem ‚menschlichen’ Vorbild. „In den nächsten Tagen spielen wir noch die Software für Populismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechthaberei auf, dann ist er fertig.“ Was macht eigentlich Tanit Koch? Laut Döpfner: „Ein Auslaufmodell.“

  1. Roboter-NetzfeministInnen

Endlich eine Lösung für Trollerei und Hate-Speech gegen weibliche Netzfeminnist*Innen: die Roboter-Netzfeminist_innen. „Unsere Roboter haben keine Gefühle, daher perlen Beleidigungen einfach an denen ab“, so die EntwicklerInnen. Unsere Roboter-Netzfeminist*innen analysieren per Algorithmus die gängigen Beleidigungen und blocken sofort. Die Roboter kommunizieren ständig untereinander und blenden alles andere aus – „wir wollten sie so realistisch wie möglich programmieren.“ Die Roboter-Netzfeminist_innen zeichnen sich durch hohen Aktionismus und Hashtag-Kreativität aus. Als Roboter haben sie eine Mechanik entwickelt, sehr laut zu sein, aber im Grunde real nichts zu ändern. Alle paar Jahre diskutieren sie die gleichen Dinge nur unter anderen Hashtags. Aber zum Glück sind es ja Roboter, denen nie langweilig wird. Erst Maskus fühlen sich natürlich diskriminiert und fordern männliche NetzfeministInnen. Die HerstellerInnen sind sich sicher: „Die Roboter-Netzfemist*innnen werden für einen #Aufschrei sorgen!“

 

 

 

 

 

 

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Ein neuer Konservatismus muss her.

Gestern Abend stand der Spitzenkandidat der AfD in Rheinland-Pfalz Uwe Junge gut gelaunt in den Wahlstudios und feierte seinen Sieg. Uwe Junge ist Oberstleutnant der Bundeswehr und war lange Mitglied der CDU, bis er sich der AfD zuwandte. Junge ist ein Prototyp der AfD, kein Nazi wahrscheinlich, aber sehr konservativ. Zumindest kann man das für Länder wie Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz sagen. Menschen, die jahrelang oder gar Jahrzehnte CDU wählten, entscheiden sich jetzt lieber für die erzkonservative Alternative für Deutschland. So wie früher die CDU mal war: gegen Homo-Ehe, gegen Einwanderung und für manche Deutschtümelei mit braunen Tendenzen. So war das in den 80ern, während die CDU von heute sogar bei Grünen-Wählern beliebt ist. Das hat mit Konservatismus nichts mehr zu tun. Solche Leute wurden früher von der CDU und heute noch teilweise von der CSU abgeholt. Aber die Bindung löst sich auf.

Woher ich das weiß? Ich bin selber in einer Offizier-Familie aufgewachsen. Und ich war selbst einige Jahre in der Bundeswehr und habe strukturellen Konservatismus erlebt. Als ich Offiziersanwärter war, standen dort Autos auf dem Parkplatz mit Aufklebern, die die Umrisse Ostpreußens zeigten. Überschrift (natürlich in Fraktur): „Deutsches Land in Fremder Hand.“ Aufgeregt hat sich darüber niemand. Dabei hatte die Bundesregierung schon in den Ostverträgen auf die ehemaligen deutschen Gebiete wie Ostpreußen verzichtet. Hier durfte aber noch offen von Deutschland in den Grenzen von 1937 geträumt werden. Unvergessen ist mir auch der Appell zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. Der damalige Kommandeur der Panzertruppenschule durfte damals unwidersprochen verkünden: „Heute ist Mitteldeutschland der Bundesrepublik beigetreten, ich betone: Mitteldeutschland.“ Auch hier lebte der Traum vom Deutschen Reich offen und fröhlich weiter.

Solche Menschen gibt es heute immer noch. Ob in Uniform oder ohne. Bis jetzt waren CDU Rechtsaußen wie Erika Steinbach dafür zuständig, diesen Wählern eine Heimat zu geben. Selbst wenn sie aus der vor langer Zeit mal vertrieben wurden. Man kann ihre Dauer-Provokationen in sozialen Netzwerken als verzweifelten Versuch sehen, diesen Zeitgeist in der CDU weiter zu pflegen. Vergeblich natürlich (hoffentlich). Unter einem Helmut Kohl der 80er wäre die CDU von heute wahrscheinlich als linksradikale Vereinigung eingestuft worden. Und für Frau Steinbach und ihre Anhänger muss es unglaublich klingen, wenn Merkel die Grenzen öffnet und es gutheißt, wenn Homosexuelle Lebenspartnerschaften eingehen dürfen. Sodom und Gomorrha in unserem schönen Heimatland.

Vielleicht bin ich ein eher links gerichteter Mensch geworden, weil ich eben so konservativ aufgewachsen bin. Mein Vater flippte aus, als mein älterer Bruder die Grünen wählte. Das gehörte sich nicht, das waren Terroristen und Friedens-Utopisten. Wenn man heute Kretschmann sieht, bringt man das nicht mehr zusammen. Der wirkt ja staatstragender als Julia Klöckner und Reiner Haseloff zusammen und hat mehr Format, als viele konservative Politiker (wobei Kretschmann wahrscheinlich der Prototyp eines liberalen Konservativen ist). Wie gesagt: Konservatismus muss ja nicht gleich schlecht sein. Er darf eben nicht, wie bei der AfD, als Vehikel dienen, um gleichzeitig Fremdenhass zu schüren.

Überhaupt: Früher fand man konservative Meinungen nicht nur in obskur rechten Blättern wie Compact oder Junge Freiheit. Nein, man fand sie zum Beispiel in der Welt am Sonntag. Mein damaliger Professor für politische Philosophie sagte mal: „Lest nicht die Zeitung deren Meinung ihr teilt, lest die Zeitung, deren Meinung ihr nicht teilt.“ Denn Begriff Filter-Bubble gab es zwar noch nicht, aber er holte mich da raus. Viele Jahre kaufte ich sonntags die WamS und ärgerte mich über das konservative Weltbild darin. Nach langer Zeit machte ich das letztens wieder. Und siehe da: die Zeitung war modern, hatte interessante Berichte und regte mich überhaupt nicht mehr auf. Die WamS war der Blatt gewordene moderne Konservatismus. Nervend, aber immer auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung.

Bis jetzt konnte die CDU alle Versuche abwehren, rechts von ihr eine Partei zu etablieren. Ich bin mir sicher, dass die CDU schon bald nach rechts rücken wird. Julia Klöckner gerierte sich ja schon wie Seehofer als AfD-Light: Geschlossene Grenzen ja, Schießbefehl nein. Was der CDU von heute fehlt ist die richtige Balance zwischen Modernität und Konservatismus. Sie steht irgendwo verloren im Niemandsland und hat das, was früher mal konservativ war, Spinnern, Frustrierten und Pseudo-Nazis überlassen. Vielleicht wäre es mal an der Zeit, dass sich die Christdemokaraten dieses Terrain  zurückholen.

Und vielleicht kann man sich sogar irgendwann über die Welt am Sonntag aufregen – und zwar nicht wegen der nächsten dümmlichen Clickbaiting-Headline im Internet.

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The day before the day AfDer.

Morgen ist Superwahlsonntag, ein Tag, der bestimmt alles wird, nur nicht super. Aber wenigstens ist es dann vorbei. Ein Anfang mit Schrecken. So würde ich das ganze bezeichnen. Denn dann ist endlich Schluss mit der wochenlangen Weltuntergangsstimmung im Netz und den Medien, nach jeder Umfrage, bei der die AfD immer stärker wurde. Die AfD wird jetzt mit einer Stimmung in die Parlamente geführt, die vom Zeitgeist dauernder Krisen befeuert wurde und wird. Sie ist nichts weiter, als ein Krisen-Gewinnler.

Denn die AfD ist ein Kind der Finanz- und Griechenlandkrise Ende der 00er Jahre. Und sie veränderte sich von der Euro-skeptischen Professoren-Partei zu einer rechts-populistischen Partei, die Rechtsextreme anzieht, mit der Flüchtlingskrise. Deren Anhänger wähnen unser Land am Abgrund, während es Deutschland wirtschaftlich so gut geht wie nie. Aber Emotionen haben niemals etwas mit Fakten zu tun. Meistens im Gegenteil.

Morgen wir die AfD wahrscheinlich einen großen Triumph feiern, aber im Grunde wird dies der Anfang vom Ende des Hypes sein. Mit etwas Glück (oder eher Pech) wird sie vielleicht noch von der Flüchtlingspolitik profitieren. Das wird auch vom weiteren Zustrom von Flüchtlingen abhängen. Machen andere Staaten die Grenzen dicht, profitiert davon eben auch die Mutter aller Willkommenskultur, Angela Merkel.

Die AfD wird sich aller Wahrscheinlichkeit im parlamentarischen Betrieb schnell entzaubern. Sie wird feststellen, dass kleine Verwaltungsvorschriften größere Hindernisse darstellen, als ein Grenzzaun mit Schießbefehl. Letztlich ist die Flüchtlingskrise für die AfD das, was für die Grünen vor 5 Jahren Fukushima war: ein unglaublicher Push für das jeweilige Kernthema. Und ehrlich gesagt: ich sehe keinen Politiker mit Format, wie der Grüne Kretschmann, der es in der AfD schafft, von dieser günstigen aktuellen Stimmungslage langfristig zu profitieren.

Eher wird es darauf hinauslaufen, dass sich die AfD-Fraktionen über kurz oder lang zerlegen. Dies geschah u.a. schon in Bremen oder Brandenburg, Fällt das gemeinsame Ziel weg, hier die Begrenzung des Zustroms von Flüchtlingen, werden die Zentrifugral-Kräfte bei neuen Parteien schnell sichtbar. Das konnte man in den letzten Jahren bei der Piraten-Partei erleben. Auch hier wurde relativ schnell sichtbar, wie unterschiedlich die Interessen innerhalb dieser Netz-Bewegung waren. Nicht anders wird dies bei der AfD sein.

Die AfD wird nicht gewählt, weil sie für etwas ist, sondern nur, weil sie gegen die Politik Merkels steht und die Ängste vieler Bürger für sich nutzt. Die meisten werden Protestwähler sein oder vorher eben gar nicht gewählt haben. Da heute die Wählerbindung sowieso immer stärker abnimmt, gelingt es zwar Parteien wie der AfD in bestimmten Situationen wie jetzt, viele Anhänger zu mobilisieren, aber eben nicht nachhaltig. Gelingt es in den nächsten 2 Jahren die Flüchtlingsfrage in den Griff zu bekommen, werden viele wieder CDU, SPD oder Linkspartei wählen. Oder eben eine neue Protest-Partei, die dann von der nächsten Krise profitiert.

Politik ist kein 100 Meter Lauf, sondern ein Marathon, heißt es. Und Politik ist etwas anderes, als Forderungen zu stellen, die man nicht durchsetzen kann. Das erleben die meisten Protest-Parteien spätestens, wenn sie im Parlament sitzen. Freuen wir uns also, wenn die AfD endlich in die Landtage einzieht. Sie wird sich dort selbst demaskieren, zeigen wie handlungsunfähig sie ist und sich in ihre parlamentarischen Einzelteile auflösen. Sie wird verdeutlichen, welche Dummköpfe und Laien plötzlich Politiker sind. Und sie wird erfahren, dass man auf dem Rücken von Nazis nachhaltig nicht erfolgreich sein kann. Der morgige Wahlsieg wird die größte Niederlage sein und der Anfang vom Ende des Schreckens der Populisten.

Darum: es gibt keinen Grund morgen frustriert zu sein. Im Gegenteil. In jedem Anfang liegt ein Zauber inne: dieser Zauber ist hier das Ende der Hype-AfD.

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Was ich vom Internet gelernt habe.

Herzlichen Glückwunsch! Mit dem Text auf dieser Seite hat Alf Frommer den jetzt.de-Schreibwett­bewerb gewonnen. Die Preisfrage an die jetzt.de-User lautete: Was hast du vom Internet gelernt?

Ich bin mit drei Fernsehprogrammen und einer Gewissheit aufgewachsen: Zum Überleben braucht man Bild, BamS und die Glotze. Die Erkenntnis ist nicht von mir, sondern von einem Menschen, der sehr reale Macht in diesem Lande hatte: Altbundeskanzler Helmut äh Gerhard Schröder.
Dann. Mitte der 90er-Jahre. In grauer Vorzeit. Da gab es wie aus dem Nichts etwas anderes. Nicht Techno. Aber durchaus etwas Technologisches: die Datenautobahn. Den Cyberspace. Das Weltnetz. Man war so überrascht von diesem neuen Medium, dass man ganz vergessen hatte, einen passenden Namen auszusuchen, bevor das Riesenbaby das Licht der Computerscreens erblickte.
Datenautobahn kam mir persönlich etwas daneben vor. Das lag an meiner ersten Begegnung mit dem Internet. Es war abends in einer Werbeagentur in Hamburg. Damals hatten genau drei Leute einen Internetanschluss. Die Sonne wanderte schnell gen Horizont, während zwei Kollegen und ich seit einer Viertelstunde darauf warteten, dass mal endlich die gewünschte Seite geladen würde. Damals bot das Internet viele Möglichkeiten zum Zeitvertreib: Man konnte mit Freunden telefonieren, Sex haben oder (totaler Wahnsinn) ARBEITEN. Denn in der Zwischenzeit passierte meistens nicht viel (tut es heute oft auch nicht, nur viel, viel schneller). Heutzutage bietet die digitale Welt auch ungeahnte Möglichkeiten des Zeitvertreibs. Aber statt zu vögeln, widmet man sich eher Angry Birds.
Jedenfalls hatten wir gerade Dostojewskis Der Idiot ausgelesen, als wir voller Bewunderung die AOL-Homepage betrachteten. Hammer! Ich gab der Sache damals noch etwa ein halbes Jahr. Spätestens dann würden wir wieder alle am Faxgerät stehen und unsere hübschen Kolleginnen dafür bewundern, dass bei ihnen selbst Faxen eine irgendwie faszinierende Tätigkeit war.

Zum Glück bin ich nicht Visionär geworden (wofür ich mich selbstredend halte), sondern leitender Mitarbeiter einer gut gehenden Werbeagentur. Diese zeichnen sich gemeinhin dadurch aus, dass sie keine Trends setzen, sondern Trends nutzen. In diesem Falle den Trend: Internet. Meine erste Community (die damals natürlich noch nicht so hießen) war: Thema1. Ein Boulevard-Trashmassaker, wie man es nur in den Anfangszeiten des Internets wagen konnte, online zu stellen. Alles war neu. Es war ein endloser Raum voller Möglichkeiten. Digitalluft macht frei. Tief einatmen und ausatmen. Das tat gut.

Mein erster Avatar nannte sich: siegstyle. Den nutze ich nun seit elf Jahren. Mit dem Namen habe ich mir jede Menge Freunde gemacht. Bis heute. Dabei war siegstyle ein diesmal wirklich visionärer Blick in die Zukunft. Den Modediktatoren, die heute durch die Urbanität ziehen, würde man nur zu gern ein fröhliches: „Sieg Style!” entgegenbrüllen. Und gleichzeitig denken: Das Internet hat die Urbanität der Hipster gleichförmiger gemacht, bei größerer Individualität. Wie immer: Der Segen kommt immer mit seinem bösen kleinen Bruder Fluch.
siegstyle war für mich wie das Internet: Freiheit und Möglichkeit in einem. Aber ohne die Angst, die man vor der Freiheit hat. Er war und ist mein Mr. Hyde. Aber ich entscheide, wann er zum Vorschein kommt. Er tut und sagt Dinge, die ich als reale Person niemals sage oder getan hätte. Gutes und Schlechtes, Schlaues und Dummes, Wahres und Falsches. Das binäre System Internet: einmal die 0 im wahren Leben und einmal die Nummer 1 im virtuellen. Aus diesen Spannungsfeldern speiste sich meine Begeisterung für das digitale Leben.
Ohne es zu merken, entwickelte sich meine zweite Persönlichkeit. Es kam zu Treffen mit Menschen, mit denen ich online Kontakt hatte. Aber die sahen nicht mich als Person, sondern mich als siegstyle. Ich war nicht ich. Ich und ich. Das war keine Band, sondern zweierlei. Irgendwann habe ich diese Treffen eingestellt. Denn siegstyle war 100 Prozent online. Er hatte in der realen Welt nichts zu suchen. Ich kam mir vor wie ein verirrter spanischer Conquistador auf der vergeblichen Suche nach dem Eldorado. Immer voller Hoffnung und vielleicht auch Gier. Doch immer begleitet von der Vergeblichkeit.
Ich war nie ein Netzwerker. Trotzdem liebten andere User siegstyle. Seinen Wahnsinn. Seinen Blödsinn. Seinen Unsinn. Denn das Leben gaukelt uns immer mehr Sinn vor. Da tut es gut, den Unsinn bewusst zu suchen. Ich lebte mich aus. Es war wie freie Liebe. Der Sex war der Post, und der Orgasmus kam mit den positiven Kommentaren. Im Grund ist dies auch die Droge, die bis heute die sozialen Netzwerke am Laufen hält: die stete Sucht des Menschen nach Anerkennung. Die Währung ist Aufmerksamkeit. Gezählt wird in virtuellen Freunden, Followern oder Likes. Was das angeht, unterscheidet sich das digitale Leben nicht sehr vom echten. Denn sind wir nicht alle ständig auf der Suche nach ein bisschen Liebe?
Nach 14 Jahren Internet lebe ich heute mit vier Medien­welten und einer Gewissheit: Zum Überleben braucht man bild.de, mindestens ein soziales Netzwerk und eine riesengroße DVD-Sammlung. Und vor allem braucht man: Persönlichkeit. Im wahren Leben wie im wahren Leben im Internet.
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Nicht noch ein schnelleres Pferd.

Henry Ford – der große Autobauer der USA – soll mal gesagt haben: wenn er seine Kunden gefragt hätte, was sie sich wünschen hätten sie gesagt „ein schnelleres Pferd“. Heute fragt man im Internet permanent seine Kunden: per Tracking und diversen anderen Analyse-Tools erfahren Webseiten-Betreiber genau, was ihre Kunden oder Leser, anklicken oder eben nicht. Das Ergebnis sind im Grunde immer neue „schnellere Pferde“, aber keine Webseite, die den Mut hat, Dinge mal anders zu machen, als alle anderen. Denn auch dort machen die Leser alle das gleiche und jeder kommt auf die selben Schlussfolgerungen.

Warum ich das schreibe? Die Jugend-Webseite der Süddeutschen Zeitung, jetzt.de, startet einen umfassenden Relaunch. Dieser war wohl dringend nötig, denn seit der letzten großen Überarbeitung der Seite verlor jetzt.de dramatisch an Mitgliedern in der Community, was man unter http://mehrjetzt.tumblr.com/ nachlesen kann. Ich möchte es gleich vorausschicken: ich bin nicht objektiv. Für mich gehörte das jetzt-Magazin und auch die Webseite jetzt.de zu meiner digitalen Seite im Leben. So wie Dick zu Doof gehört. Oder zu einem Zwerg eben noch sechs weitere. Jetzt.de hat mich im Internet sozialisiert, zum  10-jährigen Bestehen der Seite durfte ich dazu auch eine Kolumne schreiben, die im dem dazu erschienenen Magazin gedruckt wurde. Den Text dazu kann man hier noch einmal nachlesen https://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/528914/Was-ich-vom-Internet-gelernt-habe – diese Seite hat mich viele Jahre begleitet, war Facebook und Twitter in einem für mich. Und mein größter Viral-Erfolg im Netz hängt auch mit jetzt.de zusammen. Als Anfang 2011 die Werbe-Agentur Jung von Matt, Judith Holofernes für die BILD-Kampagne verpflichten wollte, veröffentlichte ich dort einen satirischen Text. Es war eine fiktive Antwort der Werbeagentur auf die Absage der Sängerin. Ich veröffentlichte einen Link auf Twitter und danach explodierte das Netz. Hunderte Kommentare unter dem Beitrag, die Webseite an der Belastungsgrenze und der Chefredakteur musste eine Klarstellung veröffentlichen: dieser Text ist nicht von der Redaktion. Hier noch mal zum Nachlesen:

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/520439/3/Die-Antwort-der-Werbeagentur-Jung-von-Matt-auf-Judith-Holofernes

In seinen besten Zeiten war der sogenannte Kosmos von jetzt.de die inspirierendste Community, die ich je erlebt habe. Tolle, intelligente Menschen. Autoren mit einem Sprachwitz und einer -gewalt, die mich immer auch ein bisschen neidisch machte. Aber ist Neid nicht auch ein wenig das größte Lob, was man jemandem geben kann? Ich denke schon. Einige von denen sind später Schriftsteller oder Journalisten geworden. Alles, was ich an dummen Sprüchen jetzt auf Twitter mache, übte ich jahrelang auf jetzt.de. Ich wurde daher nicht Autor, sondern Werbetexter. Nach vielen Jahren konnte ich daraus dann endlich mal eine nationale Werbe-Kampagne machen. Für Lieferando. Auch das habe ich dieser Seite zu verdanken. Vielen satirischen Texten, die ich geschrieben habe, gab die Redaktion ein Forum und präsentierte sie auf ihrer Startseite. Das war Motivation.

Natürlich wurde ich wie fast jeder bei meiner ersten Bewerbung abgelehnt. Und dann noch mal abgelehnt. Genommen wurde ich, weil ich bei irgendeinem Schreibwettbewerb auf jetzt.de zu den beliebtesten Texten gehörte. Da wurde ich freigeschaltet. Ab da gehörte ich zu den Menschen die Texte veröffentlichen durften. Hört sich heute total wahnsinnig an: nicht jeder durfte dort schreiben, sondern nur die, die einen Auswahlprozess überstanden hatten. Das Gegenteil zu heute, wo jeder meint seine Meinung überall kundtun zu müssen, ohne einen geraden Satz aufs Online-Papier zu bekommen. Jetzt.de war von seiner Idee der Zeit voraus. Wo konnte man schon das tun, was man da machen konnte? Facebook und Co. gab es nicht. Meine einzige andere Community war ein Fußball-Netzwerk, wo sich Soccer-Nerds austauschten. Aber nichts hatte die Anziehungskräfte von jetzt.de.

Ich kenne selbstverständlich nicht die internen Gedankengänge der Redaktion. Aber nach jedem Relaunch wurde die ursprüngliche Idee der Einbindung der Community immer weiter zurückgeschraubt. Das tat mir weh. Irgendwann habe ich mir dann auch nicht mehr die Mühe gemacht, dort wirklich Texte zu veröffentlichen und wich auf mein eigenes Blog und zu „Der Freitag“ aus. Zurück blieben die ganz hartgesottenen, die auch kein Relaunch abschrecken konnte. Die schrieben jeden Tag ihren Tagesticker unbeirrt weiter und diskutierten dort, als wäre nichts geschehen. Als würde die immerwährende Beta-Phase des Webs nur eine Laune der digitalen Natur sein. Manchmal noch klickte ich in den Tagesticker und sah dort die gleiche Skatrunde, wie Jahre zuvor. Einerseits schön, andererseits auch traurig. Es war ja abzusehen, dass sich etwas grundlegendes ändern musste.

Denn anders, als etwa vor 5 oder 10 Jahren gibt es jetzt ernsthafte Konkurrenz im Netz. Mit bento oder zett. Und neon.de gibt es ja auch irgendwie noch. Das Problem am Internet ist sein Hang zur grundlegenden Gleichmacherei. Nach innen, wie oben beschrieben durch die Daten, die niemals lügen. Und nach außen eben auch. Jeder kommt heute an alle Informationen. Das Privileg der Jugend, ein eigenes Geheimwissen zu haben, was Erwachsenen nicht verstehen, verschwindet immer mehr. Man kann die gleichen Klamotten kaufen und die selbe Musik hören. Alles nur einen Klick entfernt. Ist Jugend nicht wirklich nur noch ein Alter? Wenn man heute bento Artikel liest, könnten die genauso gut auch auf spiegel.de gepostet werden. Kein Unterschied. Ich hoffe, jetzt.de wird nicht nur ein weiterer Kanal, um ein Jan Böhmermann Video zu promoten. Denn man Ende ist das dann nicht mehr bento, jetzt oder zett, sondern nur noch Facebook. Es schreiben ja eh alle über das gleiche.

Journalismus an sich ist heute auch ein Show-Geschäft: man braucht Rampensäue mit einer hohen Vernetzung im Internet, um wirklich Aufmerksamkeit zu erzielen. Es wird nicht nur alles schneller, sondern auch schriller. Alle reden über Rant-Journalisten wie Matussek, Martenstein oder deren junge Ausgabe von Rönne. Wahrscheinlich glauben die den Kram selbst nicht, den sie schreiben, aber wie soll man noch Awareness schaffen, wenn alles eine unerträgliche Konsens-Soße geworden ist. Gerade auch im jungen Journalismus. Da gibt es unzählige Lebenshilfe-Artikel, aber keine 100 Zeilen Hass mehr. Wir müssen nicht alles und jeden akzeptieren und lieb haben. Scheiße, ihr seid jung. Ihr müsst auf die Kacke hauen und mir nicht erklären wollen, wie man im Bewerbungsgespräch punktet. Oder wie man einen transsexuellen Veganer im Rollstuhl richtig anspricht. Leute, das langweilt.

Ich wünsche dem neuen jetzt.de alles Gute. Ich wünsche euch, dass ihr als Mutter aller jungen Angebote im Netz (aber immer noch eine attraktive MILF), den jungen Journalismus neu definiert. Jenseits von der Gleichmacherei der Themen durch den Moloch Internet. Diesseits des Konsens-Geschreibsels. Mit einer eigenen Stimme. Wieder mehr Rampensäuen in der Redaktion, die Leser auf die Seite ziehen. Die dann – in welcher Form auch immer – eine neue lebendige Community bilden. Ich werde da nicht mehr dabei sein. Denn selbst die erfolgreichsten Berufsjugendlichen gehen irgendwann in Rente.

Aber bitte denkt daran, trotz allen ausgewerteten Daten: das Internet und der Journalismus warten nicht auf noch ein schnelleres Pferd. Geht euren eigenen Weg, einen auf den die Leser vielleicht warteten.

 

 

 

 

 

 

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Woher soll das Vertrauen kommen?

Es ist der der erste Morgen nach der Abstimmung über Olympische Spiele in Hamburg. Eine knappe Mehrheit hat sich gegen diese Sportveranstaltung ausgesprochen. Wie jeden Morgen checke ich als erstes die Nachrichtenseiten auf meinem iPhone. Auch die BILD titelt groß mit einem sportlichen Thema: Warum Tuchel Hummels auf der Bank schmoren ließ. Vielleicht zeigt diese Anekdote, woran es liegt, dass wir Menschen nicht mehr für die Spiele begeistern können: Deutschland ist sportlich zu einer Monokultur verkommen. Die Menschen da draußen interessieren sich nicht mehr für modernen Fünfkampf, Ringen im griechisch-römischen Stil oder Rhythmische Sportgymnastik. Alles was ihre Aufmerksamkeit absorbiert ist: Fußball.

Wahrscheinlich werden wir uns jetzt 2024 eben auf die Fußball-EM in unserem Land freuen dürfen. Sehr wahrscheinlich wird dann auch in Hamburg gespielt und kann sich auf einen der größten Sport-Events der Welt freuen. Natürlich würde auch ich mich sehr freuen, wenn die EURO nach Deutschland kommt. Schließlich bin ich kein Wutbürger, der gegen alles und jedes ist. Im Gegenteil. Ich könnte mich für eine Randbebauung des Tempelhofer Felds in Berlin erwärmen und ich habe auch nichts gegen Großprojekte. Ich freue mich, wenn Stuttgart21 irgendwann mal eingeweiht wird oder die Elbphilharmonie ihre feierliche Eröffnung feiert. Noch mehr gefreut hätte ich mich allerdings, wenn das visionäre Musikhaus nicht zehn Mal so teuer geworden wäre, wie ursprünglich geplant.

Vielleicht haben das die Befürworter von Olympia 2024 einfach nicht auf dem Zettel gehabt: In den letzten Jahren wurde nicht ein einziges deutsches Großprojekt im Kosten- oder Zeitrahmen fertiggestellt. Wie soll man da glauben, dass dies dann in der Hansestadt gelingen sollte? Wie viele kann ich mich da nicht begeistern und sagen: In 9 Jahren stampfen die einen neuen Stadtteil nebst diversen Stadien und Hallen aus dem Boden. Natürlich plus der Infrastruktur, die dazu nötig ist, diese an die Stadt anzubinden. Vertrauen erwirbt man nicht durch tolle Computer-Animationen, bei denen mal schnell aus einem Hafen ein Olympiapark wird. Oder durch Powerpoint-Präsentationen, in denen mal schnell durchgerechnet wird, wie gut alles durchgerechnet wurde. Woher soll dieses Vertrauen kommen?

Zudem ist der Sport in einer Krise. Korruption und Doping beherrschen nahezu alle großen Sportverbände. Ältere Herrschaften geben die immer gleichen Plattitüden des olympischen Sportsgeists von sich. Dabei weiß jeder, dass die vollkommen inhaltsleer geworden sind. Gerade eben wurde der gesamte russische Leichtathletik-Verband bis auf weiteres von den Spielen 2016 ausgeschlossen. Auch hier fragt man sich: wie soll Vertrauen entstehen, wenn eigentlich ständig aufgezeigt wird, dass unser jetziges System des Sports dringend reformiert werden müsste. Dopingkontrollen scheinen nicht zu wirken und Bestechung scheint gang und gäbe zu sein. Daran hätten auch Spiele in Hamburg nichts geändert. Im Grunde müsste man sich überlegen, was solchen Events eigentlich noch bedeuten?

Denn die Jugend der Welt trifft sich heute ständig irgendwo im Netz und tauscht sich aus. Ohne Betrug, korrupte Funktionäre und Bauten, die man nach zwei Wochen nicht mehr braucht. Ohne Stadtteile, die von Großsponsoren kontrolliert werden. Wo man nicht mehr sein Bier trinken darf. Und ohne Karten, die sich viele Normal-Bürger nicht mehr leisten können. Olympische Spiele braucht heute nicht mehr die Jugend der Welt, sondern nur noch Unternehmen und Verbände, die daran Geld verdienen. Das haben nicht nur die Menschen in Hamburg gesehen, sondern auch in Oslo. Selbst Städte wie Toronto oder Boston sagten „Nein“. Ganz ohne Wutbürger. Auch hier haben Menschen den Sinn nicht gesehen. Warum sollen Steuerzahler die ganze Veranstaltung bezahlen und nur Unternehmen Gewinne machen? Damit man dafür eine bessere Infrastruktur bekommt?

Wenn Stadtentwicklung nur durch Olympia oder sonstige Großereignisse möglich ist, dazu noch auf Kosten des Bundes, dann hat Hamburg ganz andere Probleme. Apropos: Ich denke, viele Hamburger, die mit „nein“ gestimmt haben, sind bestimmt gerne bereit, aktiv mit dem Hamburger Senat über Stadtentwicklung zu sprechen. Wo kann man bezahlbaren Wohnraum schaffen? Wie kann man Gentrifizierung sozial verträglich gestalten? Auf welche Weise werden Flüchtlinge aufgenommen und integriert. Schon jetzt würde ohne die Hilfe tausender Freiwilliger im Bereich Flüchtlingspolitik nichts mehr gehen in der Hansestadt. Und die gleichen Politiker wollen dann ein Multi-Milliarden-Olympia-Programm auf die Reihe kriegen. Wo soll auch hier das Vertrauen herkommen?

Antworten dazu gab es nicht. Die Pro-Olympia-Kampagne war hohl oder inhaltsleer und käute nur die Argumente wieder, die sich schon oftmals als Scheinargumente herausgestellt hatten. Niemand konnte eigentlich sagen, warum die Spiele in Hamburg stattfinden sollten. Außer, dass Spiele eben ein unglaublicher Mythos sind. Ein Mythos, der schon lange nicht mehr glänzt.

 

Wer den Sport liebt, der braucht keine Olympischen Spiele. Der geht einfach raus und rennt bei Volksläufen mit. Der steht Sonntags morgens auf dem Ascheplatz oder in einer zugigen Turnhalle am Mittwoch Abend. Vielleicht sogar noch um 5 vor 12 in der Nacht. Die Uhr tickt, auch für glaubwürdigen Sport und glaubwürdige Spiele.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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“Die Noten reichen um wenigstens noch Moderator einer Morning-Show zu werden.”

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Ich als “Creative-Director und Werbe-Experte” in der SWR3 Morning-Show.

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Kreuzberg, du mieses Stück Scheiße.

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Ich arbeite jetzt seit 3 Monaten in Kreuzberg. Und meine Bilanz dieser Zeit lautet: Kreuzberg ist der Vorhof zur Hölle, ein urbanes Disneyland. Einerseits ohne Bezug zur Realität andererseits prallen dort Wirklichkeiten zu hart aufeinander. Alles ist zu viel, sogar von zu wenig. Jeden Abend, wenn sich die Straßen mit bierseligen Feier-Druffis aus allen Nationen füllen, bin ich froh diesem Jahrmarkt zu entkommen. Kreuzberg ist eine explosive Mischung geworden aus 80er Jahre Melancholie, 90er Jahre Drogenrausch und dem schlechtesten von heute.

Wenn man im Wrangel-Kiez unterwegs ist, sieht man die Parole überall: „Bizim Bakkal bleibt“, also „Unser Laden bleibt“. 200 Meter daneben ist ein Nahkauf und etwa 300 Meter die Straße runter ein weiterer großer türkischer Gemüseladen. Vom Kaiser’s an der Ecke ganz zu schweigen. Es geht also nicht um Einkaufsmöglichkeiten, sondern grundsätzliches: soll Kreuzberg sich verändern oder nicht. Die Antwort ist klar: der Stadtteil steckt wie jeder andere im Innenstadtbereich im Epizentrum einer rasanten Veränderung. Das lässt sich genau so wenig verdrängen, wie das Modewort Gentrifizierung. Spannend wäre die Frage, was einmal vor dem Gemüseladen in den Räumen war. Und wer damals ging oder gegangen wurde. Das alles ist Spekulation, aber die aggressive Grundstimmung im Kiez ist Realität.

Diese drückte sich zuletzt an dem berühmten Mural an der Cuvry-Brache aus. Vulgär wurde da gegen alles gewettert: Immobilien-Haie, Gentrifizierung, Touristen, Polizei. Leider ohne jeden intelligenten, charmanten oder gar intellektuellen Über- oder Unterbau. Dem Protest fehlt es an Grips oder einem Slogan, der mehr ist als ein verächtlich hingeschmettertes „Fuck you.“ Wer Geld und was in der Birne hat, der kann mit dem Strom der Veränderung mitschwimmen oder gestaltet ihn – teilweise ohne es zu wollen. Dem Protest bleiben dann nur die Abgehängten, von denen es in Kreuzberg überraschenderweise noch jede Menge gibt. Jedenfalls überraschte es mich.

Touristen, die es hier in Heerscharen gibt, werden höchstens geduldet, so wie viele Flüchtlinge vom Staat. Niemand der Alt- und Neulinken im Bezirk würde ein Banner mit der Aufschrift „Tourists Welcome“ vor sich hertragen. Aber Flüchtlinge lieben zumindest Teile der Menschen dort. Es ist diese Schizophrenie der Straße, die diesen Bezirk so unlebenswert macht. Wenn Berlin eine Filter-Bubble ist, weil die Stadt zum Beispiel nicht Deutschland ist, dann ist Kreuzberg die Bubble der Bubble. Hier ist nichts mehr echt. Hier laufen Menschen rum, die jeder auf ihre Weise den Bezug zur Realität verloren haben. Die einen leben ihren Hipster-Traum, der andere kauft Lofts wie andere Gummibärchen und wieder andere Leben im Nebel von Avalon – Drogentechnisch betrachtet. Man sehnt sich fast nach der Fußgängerzone in Uelzen, nur um mal wieder ein paar normale Menschen zu sehen.

Wenn man als normaler Mensch durch die Straßen geht, wirkt alles wie in einem Kriegsgebiet im Waffenstillstand: es kann jederzeit knallen. Viele der Einheimischen sind ab mittags schon blau, bekifft oder sonst wie weggeschossen. Die Party-Touristen auch. So lässt sich die friedliche Koexistenz einigermaßen ertragen. Nur wer es nüchtern ertragen muss, ist nur noch genervt. Man wird blöd angequatscht oder muss mit dem Party-Müll leben. Es erinnert mich an meine Zeit, in der ich auf der Reeperbahn lebte. Nur das war die Reeperbahn. Und kein Kiez, der zum Wohnen da ist oder sein sollte.

Letztens wollte ich einen Kaffee bestellen und musste es auf Englisch machen. Keiner der Bedienungen verstand Deutsch. Nachdem ich meine Kaffee-Bestellung runterratterte schlug mir ein vollkommen ahnungsloses „What?!?“ entgegen. Also alles wieder auf Englisch. Das hätten sich mal die Türken erlauben sollen, die müssen sich ja anpassen und unsere Sprache lernen. Als postmoderner Deutscher mit kosmopolitischem Anspruch redet man aber gerne und oft Englisch. Man ist weltmännisch und nicht piefig. Was die Anekdote sagen soll: man versteht in diesem Stadtteil aneinander immer weniger. Es entstehen Parallelgesellschaften, nicht in der Form, wie AfD oder Teile der CSU sie sehen: die Türken sind zumeist prächtig assimiliert. Nein, es ist diese Melange aus Startup-Culture und „Berlin ist trendy“ Bewohnern, die sich ihr eigenes Universum aus Mikro-Brauereien, Bio-Gedöns und Fairtrade aufgebaut hat. Alles CO2-neutral versteht sich – und vegan bzw. verpackungsfrei. Hier wird nach eigenem Anspruch die Welt gerettet von einer kleinen Elite, die in etwa so viel Gewicht hat wie eine einzelne Ameise.

Kreuzberg ist anstrengend, es ist ein Pulverfass, es ist ein Trauerspiel. Wenn man es als gesellschaftliches Labor der Zukunft betrachtet, mit einer Menge experimenteller Anordnungen, dann vielleicht noch akzeptabel. Oder in Teilen interessant. Es ist ein Rückzugsgefecht. Ein Umbruch ohne erkennbaren Aufbruch. Es ist, ja was eigentlich.

Kreuzberg du bist so Cottbusser Dammed. Aber hier leben? Nein danke.

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Liebe Einwanderungspolitik,

wir alle wollen mehr Babys. Leider wurden nur 682.063 im letzten Jahr geboren. Die Geburtenraten kann die Sterberate nicht ausgleichen. Wir haben mehr Tote als Babys. Jedes Jahr werden wir um 200.000 Menschen ärmer.

Wer ist Schuld? Schuld ist unsere Einwanderungspolitik. Einwanderer machen Karriere, Einwanderer haben Hosenanzüge an (Aydan Özoguz), Einwanderer geben ihre Kinder in Kitas, Einwanderer verdienen mehr als Deutsche, Einwanderer gehen in Teilzeit.

Was ist aus unseren Einwanderern geworden? Sie sind Business-Menschen, Power-Frauen, sie trinken Smoothies, sie laufen sich im Fitnesscenter ihr Fett ab, sie sind Chefredakteurinnen, sie sitzen im Aufsichstrat.

Sie sind wie Deutsche.

Sie sind keine Einwanderer mehr. Sie sind nicht in der Nacht dabei, wo ihr Kind Angst hat, vor Nazis und Brandanschlägen. Sie singen ihr Kind nicht in den Schlaf, weil es ja schnell aufstehen müsste, wenn die Flammen kommen.

Politik hat keine Ahnung von Gefühlen. (Angela Merkel)

Es gibt nicht schöneres, als ein Einwanderer-Baby, das schläft, zuzudecken. Es zu küssen und gute Nacht zu sagen. Schließlich brauchen wir davon 200.000 im Jahr.

Herzlichst

Ihr F. J. Wagner

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