Öde an die Politik.

Politik besteht zum Großteil aus Vorhersehbarkeit: Statements werden in der Regel weichgespült und bestehenden aus formelhaften Sätzen, die Regierung sieht die Welt aus einer rosaroten Brille, die Opposition malt alles schwarz. Das ärgert zwar den Wähler, ist ihm aber auch geschuldet: Der ottonormale Bürger will Vorhersehbarkeit. Er wünscht sich Rituale, weil sie ihm Sicherheit geben. Rituale wie das TV Duell. Dieses wird von den beteiligten Medien (in diesem Fall sehr viele, wenn nicht viel zu viele) zu dem Ereignis im Wahlkampf aufgebauscht. Obwohl die wichtigsten Positionen schon vorher bekannt sind. Was soll schon passieren? Wird Steinbrück einen Zettel aus der Tasche ziehen und irgendwas Neues verkünden? Oder die Kanzlerin mal die Contenance verlieren. Wohle eher nicht. Kein Wunder also, dass auch das so genannte TV Duell im großen und ganzen genauso so lief, wie man es erwartete (von Stefan Raab oder der Schland-Kete abgesehen).

Gerade die Schlandkette zeigt ja, dass die wahren Aufreger bei diesen Duellen meistens nicht die Inhalte sind, die schon sattsam bekannt sind, sondern Nebensächlichkeiten wie Krawattenfarben. Wobei ich persönlich es interessanter fand, warum Peer Steinbrück keine knallrote Krawatte trug, sondern etwas mausgraues, dass farblich eher an einen Trabbi erinnerte und dabei so blutleer wirkte, wie der Wahlkampf der SPD insgesamt. Die Kette in Deutschland-Farben war dagegen eher erwartbar und daher eine Aufregung beziehungsweise Beachtung nicht wert.

Für Angela Merkel war es einfach: Deutschland steht im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn glänzend da. Es gibt keine ausgeprägte Wechselstimmung. Die Arbeitslosenzahlen sind niedrig, das Wachstum in Ordnung und Europa die stärkste machte in der EU. Merkel sozusagen als Triple-Gewinnerin:  Ich musste die ganze Zeit daran denken, wie es wäre, wenn Jupp Heynckes und Pep Guardiola in so einem Duell um die Gunst der Bayern-Mitglieder hätten antreten müssen. Was hätte Pep sagen können? Jupp hätte einfach nur gesagt: “Champions League gewonnen, Deutsche Meisterschaft gewonnen, DFB Pokal gewonnen – und jetzt kommst du lieber Pep.” Mit welchen Argumenten hätte Pep ernsthaft gegen die Bilanz anstinken können. Genau so ging es Steinbrück. Viele sagen, er hätte viel konkreter geantwortet (was auch stimmt), aber gerade bei den Fragen, was er besser machen wolle, kam er meines Erachtens immer ins schwimmen.

Es gab nur ganz wenige Augenblicke, als das gewohnte TV Duell, welches eher wenig Duell und mehr plätschernder Bach war, aus der gewohnten Ritualisierung ausbrach: Also wenn ein Stefan Raab vorrechnete, man könnte von heute bis zum Jahr 2184 jeden Monat eine Milliarde Euro Schulden zurückzahlen, um dann endlich schuldenfrei zu sein. Oder Begriffe wie “King of Kotelett”, die man so bei einer (pseudo-)staatstragenden Veranstaltung so nicht gehört hatte. Raab zeigte offen (und das machte ihn so beliebt): Nicht nur die Politiker, auch die Journalisten sind in Ritualen gefangen. Sie bringen in der Regel nur das, was man von ihnen erwartet: brave journalistische Fragen ohne jede Überraschung. So wird das TV Duell zu einem zweifach erwartenden Ereignis: die Fragen und die Antworten stehen fest. Eine nordkoreanische Nachrichtensendung birgt wahrscheinlich mehr Überraschendes.

Und so waberte das irrwitzig langweilige TV Duell so vor sich hin. Denn wo es kaum konträrere Meinung gibt, gibt es auch kein Duell. Themenblöcke wurden abgehakt. Sehr lange wurde über ein immens wichtiges Thema wie PKW Maut gesprochen, das so realistisch scheint wie eine bemannte Siedlung auf dem Mars oder ein Tempo-Limit. Alle spielten die Rollen, wie man sie in den Scripts festgelegt hatte, selbst Raab. Nur wirkte der am erfrischendsten, weil es die Art des Journalisten-Entertainers in der Form bei einem TV Duell noch nicht gab. Dieser Neuigkeitswert ist spätestens 2017 nicht mehr vorhanden und in unserer Neuigkeits-Gesellschaft dann auch sofort “Boah, ist das langweilig wie beim letzten mal” abgehakt. So wie das TV Duell auch.

 

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