Man kann nicht nichtwählen.

Viele Jahre meines Lebens habe ich nicht gewählt. Man kann es auch so sagen: ich war überzeugter Nichtwähler. Wobei überzeugt in diesem Zusammenhang das falsche Wort ist. Im Grunde war ich nicht überzeugter Nichtwähler. Denn ich war von nichts mehr überzeugt: Vom Gewicht meiner klitzekleinen Stimme, von „den“ Politikern, von „den“ Parteien, die sich kaum mehr unterscheiden lassen. Und sowieso.

Man kann sagen, dass ich ein äußerst politischer Nichtwähler war. Denn meine Ablehnung entstand nicht aus Desinteresse, sondern im Gegenteil: aus höchstem Interesse. Ich studierte Staatswissenschaften mit Schwerpunktfach Politik (internationale Politik, um es genau zu sagen). In meiner besten Zeit habe ich jeden tag die Süddeutsche Zeitung gelesen, also wirklich gelesen und nicht überflogen. Montags kaufte ich den Spiegel und Donnerstag die Zeit. Ich wollte alles wissen, was passiert. Ein totaler Info-Junkie (was durch das Internet im Grunde noch verstärkt wurde).

Meine erste Nichtwahl war 2002. Ich war total enttäuscht von der rot-grünen Regierung. 1998 war so was wie das 1968 für zu spät geborene. Endlich war Helmut Kohl weg. Der war eigentlich immer da und erklärte die Welt. Aber irgendwann wollte man seine Erklärungen nicht mehr hören. Dieses „ich habe gar nicht die Absicht mit ihnen zu reden“ – so eine seltsame Formulierung, die man nur von ihm kannte. Und hasste. Das Leben unter Kohl hatte die Form eines zu groß geratenen Kassengestells. Rund, aber nicht rundum glücklich.

Dann war die Wahlnacht 1998 und das Duo Schröder/Fischer triumphierte. Der Jojo-Joschka damals ganz dünn in seiner Rolle als Marathon-Läufer. Gerhard Schröder mit tiefschwarzem Haar und einem Glas Sekt in der Hand. Alle waren glücklich. Ich auch. Mit aller mir möglichen Naivität nahm ich an, jetzt würde alles anders. Besser. Toller. Größer. Aber es blieb im Grunde wie es war. Nach wenigen Monaten ging der Finanzminister Lafontaine, dann entschieden die Grünen (!) deutsche Soldaten in den Krieg zu schicken und nach dem 11. September gab es nur noch uneingeschränkte Solidarität mit den USA. Wen hätte ich 2002 wählen sollen? Stoiber, der sich damals schon als Sieger wähnte (und später hoffte in 10 Minuten vom Münchener Hauptbahnhof zum Flughafen zu fahren). Oder Schröder? Oder Fischer in seiner Rolle als Staatsmann, der schon wieder ziemlich dick war. Was konnte ich schon ändern? Die sind doch sowieso alle gleich. Die legitimiere ich doch nicht zusätzlich mit meiner Stimme.

Was dann mit der Agenda 2010 kam, gab mir insgeheim recht: Denen hatte ich nicht mein Mandat gegeben. Ich war fein raus. Ich betrachtete den Sozialabbau sozusagen von außen. Durch die Fensterscheibe. Ich drückte mit daran die Nase platt. Mein Atem kondensierte und versperrte mir die Sicht. Manchmal ist es aber auch besser Dinge nicht zu sehen. Viele Jahre hatte ich meine Legitimation gefunden. Warum wählen? Nichtwählen ist viel besser, denn nun ging mich Politik nicht mehr direkt an. Ein komischer Gedanke, aber so fühlte ich es. Ich fühlte mich frei. Freier, als jemand der wählt: Ich hatte mich mit meiner Stimme nicht an etwas gebunden. Eine Partei gewählt, die vielleicht später komplett das Gegenteil von dem macht, was sie vorher versprochen hatte. Unwahrheiten von Politikern interessierten mich nicht. Ich stellte mich außerhalb des demokratischen Systems – und fand das angenehm.

Dann fing ich an noch mal zu überlegen: Auch das Nichtwählen ist eine Wahl.  Darüber hinaus veränderte ich auch mit einer Nichtwahl nichts. Die Parteien würden dann ja auch nicht plötzlich total unterscheidbar. Oder Politiker nur die Wahrheit erzählen. Im Grunde genommen ist es doch auch so: Parteien sind nicht anderes als ein Ausdruck gesellschaftlicher Strömungen. Mal etwas liberaler, mal etwas staatshöriger oder mal pseudo-sozialistisch. Hier finden Menschen zusammen und artikulieren Ideen des Zusammenlebens. Wenn diese Menschen sich immer ähnlicher werden, kommen eben bei allen Parteien die gleichen Forderungen raus: Mehr Gleichberechtigung von Mann und Frau, Rente mit 67 oder Abschaffung der Wehrpflicht. Das liegt dann aber an der Gesellschaft und nicht den Parteien. Parteien sind Menschen, oder besser gesagt: zuerst Menschen.

Also alle die Gründe nicht zu wählen ändern auch nichts: an den Parteien, an der Politik oder überhaupt. Darum bin ich 2011 wieder wählen gegangen. Mit weniger Illusionen, als vielleicht 1998. Vielleicht weil ich weiß: die höchsten Mauern für Veränderungen sind unscheinbare Verwaltungsvorschriften. Ich glaube vielen – auch gerade jungen Politikern – das sie was ändern wollen. Aber da kennen sie oft noch nicht die Knochenmühle Politik. Die ist kein 100 Meter Lauf, sondern ein Marathon. Manchmal sogar ein Ultra-Marathon.

Ich habe meine Erwartungshaltung geändert: Ja, meine Stimme wird die Welt nicht verändern. Aber meine Welt.

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5 thoughts on “Man kann nicht nichtwählen.”

  1. und diesen Marathon halten diese Politiker im Moment nicht durch….das warum erspare ich mir und bleibe…..überzeugter Nichtwähler ….

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