Ein Fall für die geschlossenen. Kapitel.

Sixt war viele Jahre dafür bekannt sich Gegner zu suchen und keine Opfer. Gegner wie Angela Merkel, Oskar Lafontaine oder zuletzt Berlusconi. Also genau die Menschen von da oben, deren kleine Fehler, Skandale und Skandälchen man nutzte, um sie mit etwas Schadenfreude, einer Prise Satire und Witz auf die Schippe zu nehmen. Das funktionierte hervorragend, weil jeder gern über die schlechte Frisur von Angela Merkel lacht oder sich darüber lustig macht, dass der Maestro des Bunga-Bunga immer sicherer ins Kittchen muss.

Der Witz liegt ja gerade darin, dass diese Großkopferten – Politiker zumal – sich immer ins beste Licht zu rücken versuchen. Sie wollen Vorbilder sein und keine Witzfiguren. Gerade deswegen war die Cabrio-Frisur Anzeige von Sixt so gut: Sie nahm die Diskussion um das Äußerer der heutigen Kanzlerin auf und transportierte die Verkaufs-Message auf überraschende Weise in Form einer Cabrio-Frisur für den Mietwagen-Anbieter. Das war frech und poiniert, aber vor allem eine gute kreative Idee toll umgesetzt. Legendär auch die Headline zum Rücktritt von Oskar Lafontaine als Finanzminister im Kabinett Schröder: “Sixt verleast auch Autos für Mitarbeiter in der Probezeit.” Wenig humorvoll erwies sich Lafontaine, der sieben Jahre gegen Sixt prozessierte und Schadenersatz verlangte. 100.000 Euro wollte der Salon-Kommunist und klagte durch mehrere Instanzen. Er verlor schließlich, Sixt musste nicht zahlen. Merkel übrigens verzichtete auf Geldforderungen. Sie sagte nur: “Frau Sixt könnte mich zur Wiedergutmachung einmal zu einer Cabrio-Fahrt einladen.” Das alles war wirklich witzig und griff eben keine wehrlosen an, sondern die Mächtigen der Republik. Das war also auch mutig.

Sixt lag oft genau richtig und traf den richtigen Ton. Genau so wie Werbung sein sollte, wenn sie aktuelle Geschehnisse aufgreift. In letzter Zeit lag Sixt öfter daneben. Beim Witz und beim Ton. Erst vor kurzem sprang das Unternehmen viel zu spät auf einen Internet-Trend auf und ließ zwei Mädchen User zum liken auf Facebook auffordern. Bei 1 Million Likes wollten sie „oben ohne“ durch Hamburg fahren. Zum einen war der Scherz ein unterirdischer Zoten-Schenkelklopfer, zum anderen stand im Bild auch noch ein Cabrio rum. Die Pointe war also schon längst bekannt, bevor der Witz zu Ende erzählt war. Also im doppelten Sinne vom Timing schlecht.

Und heute nun die Anzeige mit Gustl Mollath. Sie beinhaltet alles, was Sixt früher nicht war: Statt sich die von oben vorzunehmen, krallte man sich nun einen, der im wahrsten Sinne des Wortes wehrlos war: Gustl Mollath war sieben Jahre lang der Willkür der deutsche Justiz ausgeliefert, weil er als gemeingefährlich eingestuft wurde und in der geschlossenen Psychiatrie saß. Genau so jemanden, sollte man nicht wieder ohne seinen Willen zu einer Werbefigur machen, um damit „verrückte“ Preise anzupreisen. Unverständlich erscheint, warum die Schutzmechanismen in Unternehmen und betreuender Agentur nicht gegriffen haben. Es muss doch jemand Bedenken geäußert haben, dass man mit Gustl Mollath und seinem Fall keine Scherze treiben kann, weil die menschliche Tragödie einfach eine andere ist, als eine miese Frisur von Angela Merkel oder ein im Ego verletzter Lafontaine.

Mir erscheint die Mollath Anzeige wie eine Ausdruck purer Verzweiflung: Die Sixt Kampagne hat sich über die Jahre tot gelaufen: Sie ist einfach zu erwartbar geworden. Berlusconi wird verurteilt: Sixt kommentiert. Pferdefleisch in Lebensmitteln: Sixt bietet als Zusatzstoff eine Anzeige, Es gibt ein neues Internet Meme: Sixt ist dabei. Aber sollte gute Kommunikation nicht überraschend sein? Kein Wunder, dass Sixt in letzter Zeit kaum noch richtig mit seinen launigen aktuellen Kommentaren gescored hat. Was auch daran liegt, dass Nachahmer wie Blush, in der gleichen Zeit um Aufmerksamkeit buhlen.  Fast lustiger wäre es, Sixt würde mal keine Anzeige zu aktuellen Themen machen. Sondern Kommunikation zu zeitlosen Themen und Werten: Zum Beispiel Anstand.

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