Von Rowdy-Radlern und Mörder-Autofahrern.

Gestern war ich wie so oft mit dem Fahrrad unterwegs. Ich fuhr die Torstraße in Berlin-Mitte entlang. Vier Fußgänger wollten gerade die Straße überqueren, sie sahen mich kommen und hätten in der Mitte warten können. Stattdessen gingen sie einfach weiter zu ihrem Auto. Ich musste überrascht abbremsen und meinte etwas erbost: „Wären sie bei einem Auto auch weitergegangen?“ Als sarkastische Antwort kam: „Natürlich.“ So etwas erlebt man als Radfahrer leider ständig.

Was die Szene mal wieder zeigte: Für viele Menschen sind Radfahrer keine vollwertigen Verkehrsteilnehmer: Autos nehmen einem die Vorfahrt, sie parken Radfahrspur zu, Fußgänger treten unachtsam auf den Radweg und zwingen einen zu Vollbremsungen. Das kommt jeden Tag vor. Und ich kann es beurteilen, bin ich doch als Radfahrer in Berlin seit vielen Jahren unterwegs. Ich verzichte bewusst auf ein Auto, nutze stattdessen Car-Sharing oder eben das Zweirad. Meine persönliche Meinung ist: Zumindest im urbanen Raum ist das eigene Auto ein Auslaufmodell und die Politik sollte langsam Alternativen zum motorisierten Individual-Verkehr finden. Zu meinem persönlichen Verzicht auf ein Auto, bin ich hier http://bit.ly/x38TMd schon ausführlicher eingegangen.

In den letzten Jahren ist die Stimmung jedoch zunehmend aggressiver geworden: es wird ziemlich polemisiert gegen Radfahrer. Begriffe wie Kampf- oder Rowdy-Radler sind unsachlich und wiegeln Autofahrer und Fußgänger gegen die Benutzer eines Zweirads auf. Als zum 1. April 2013 die Geldbußen für Vergehen im Straßenverkehr erhöht wurden, titelten viele Medien: „Höhere Strafen für Rowdy-Radler“ – das im gleichem Atemzuge der Bußgeldkatalog für Autofahrer verschärft wurde, konnte man erst im Artikel lesen. Es herrschte die Meinung vor: endlich kriegen die Radfahrer mal ihre gerechte Strafe.

Aber stimmen die Verhältnisse überhaupt? Wenn Radler Rowdies sind, müssten Autofahrer dann nicht Mörder heißen? Also Mörder-Autofahrer? Nehmen wir nur das Beispiel Berlin: 2012 wurden 15 Radler im Straßenverkehr getötet – machne davon auch durch eigene Mitschuld. Weil sie kein Licht hatten, auf der falschen Seite fuhren oder das Rotlicht missachteten. Also das, was sich der normale Mensch unter Kampfradlern vorstellt. Trotzdem: Das Auto ist das eigentliche Problem und nicht de Radfahrer. Oder kann mir jemand sagen, wie viele Menschen in Deutschland sterben, wegen einem Radfahrer? Und kann man das – teilweise erzwungene – fahren auf einem Fußweg vergleichen mit einer Alkoholfahrt im Auto. Auch wenn man jedes Vergehen im Einzelfall betrachten muss, so bin ich der Meinung, dass selbst sogenannte Rowdy-Radler für weniger Gefährdung im Straßenverkehr sorgen, als der durchschnittliche Führer eines PKW oder LKW, die eine latente Bedrohung für jeden anderen Verkehrsteilnehmer darstellen.

Wer täglich als Nicht-Autofahrer in einer Stadt wie Berlin mobil ist, trifft auf eine Infrastruktur, die im Grunde nur für Autofahrer gemacht ist. Alle anderen Verkehrsteilnehmer sind im Grunde nur dazu da, die Autos nicht zu stören. Es gibt Fußgänger-Ampeln, die sind vielleicht wenige Sekunden grün und jedes mal denke ich, wie weit ein Rentner da eigentlich kommt – jedenfalls nicht über die Straße. Zudem befinden sich auch viele Radwege in einem schlechten Zustand: teilweise handelt es sich eher um Buckelpisten für Mountain-Biker. Darüber hinaus funktioniert der Winterdienst nur auf den Straßen für Autofahrer, ein Radweg im Winter ist meist lebensgefährlich. So wird man fast gezwungen, die Straße mit Autofahrern zu teilen. Auch wenn man das gar nicht will.

Als Radler muss man wirklich kämpfen, aber vielleicht anders, als sich das die Nutzer des Schimpfworts Kampfradler vorstellen: Autofahrer sehen einen nicht, schneiden einem den Weg ab, fahren weiter in einer Kreuzung obwohl sie den Radler gesehen haben. Man ist als Radfahrer eben nur ein Verkehrsteilnehmer 2. Klasse. Man wird nicht für voll genommen. Wie oft muss ich stark abbremsen, weil ein Autofahrer meint, er hätte die natürliche Vorfahrt vor einem Radfahrer? Die Vorfahrtsregel gilt oft nur unter Autofahrern, ein Radler steht da irgendwie außerhalb des Gesetzes. In letzter Zeit kommt erschwerend hinzu, dass durch die Polemik gegen Rowdys auf dem Rad, eine aggressive Stimmung gegen Radler herrscht. Erst letztens bin ich als „Wichser“ beschimpft worden, weil ich neben einem Freund auf einer leeren Straße fuhr. An der nächsten Ampel stieg der Autofahrer sogar aus und drohte mir Prügel an.

Ich denke, wir befinden uns auf dem falschen Weg, wenn wir das gescheiterte Konzept des individuellen Autoverkehrs jetzt nutzen, um den Fokus auf Radfahrer zu richten, die sich nicht an Verkehrsregeln halten. Einige machen dies wirklich nicht. Andererseits, wer von Rowdy-Radlern spricht, muss genauso gut auch von Mörder-Autofahrern sprechen. Und dies wahrscheinlich sogar mit viel mehr Berechtigung. Was wir brauchen sind weniger gegenseitige Beschuldigungen, sondern ein besseres Verkehrskonzept: Mehr Radfahrspuren, mehr Radfahrstraßen, mehr Einbahnstraßen, in die Radler durchfahren dürfen. Also eine Beschleunigung des Verkehrs für Menschen, die auf das Auto verzichten. Dann wird es auch weniger so genannte Kampfradler geben.

 

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