Die digitale Bohäme.

Ich träume von einem Internet, das von mir träumt. Vielleicht lässt sich all mein Tun und Handeln in diesem Netz in diesem einem Satz zusammenfassen. Mein Antrieb ist Eitelkeit in der Egomarketing-Maschine der sozialen Netzwerke. Ich wäre gerne wichtig, und würde mich unheimlich freuen, wenn wirklich jeder noch so unwichtige Furz von mir sogar noch in einem Internet-Café in Papua-Neuguinea goutiert würde. Natürlich positiv goutiert. Ich stehe wie alle Menschen im beständigen Spannungsfeld zwischen Sein und Schein. Wobei das Sein eher Erbsengröße hat (ohne Prinzessin auf selbiger) und der Schein das World Wide Web ist.

Es gibt ziemlich viele Menschen da draußen – sie nennen sich Social Media Berater – die einem erzählen, wie man u.a. mehr Bedeutung da draußen im Netz bekommt. Mehr Kontakte, mehr Likes und mehr Retweets. Es geht immer um Gewicht in einem Internet, das nichts wiegt – nun gut: es wiegt einen in der Sicherheit einen Platz gefunden zu haben. Gerade bei denen, die sonst keine haben: In der Gesellschaft, im Leben, in sich selbst. Und wenn Sie dann einen Ort gefunden haben, dann ist es meistens auf den Stehplätzen und nicht in den VIP-Logen, wo der Champagner von hübschen Hostessen ausgeschenkt wird. In der VIP-Loge sitzt eben die digitale Bohéme, auf den Stehplätzen deren lautmalerisches Pendant: die digitale Bohäme.

Heute hat sich ein Vertreter der Bohéme von Twitter verabschiedet: @schmidtlepp oder besser gesagt, weil er ja nicht mehr da ist: Christopher Lauer. Er selbst ist vielleicht sogar Häme und Bohéme in einem: scharfzüngig, spitzfindig und vor allem: wichtig. Er hat mehr als 20.000 Follower auf Twitter, gehört also alleine deswegen zu den oberen 10.000. Viele lieben ihn, viele hassen ihn. Er bietet mit seinem Verhalten und seinem Werdegang für viele Menschen eine Projektionsfläche für vielerlei, oft Kritik oder mehr noch: Beleidigungen. Ein Hybrid aus Neid und vielleicht auch heimlicher Bewunderung. Bohéme ist auch immer Avantgarde, in dem Sinne ist der Abschied eine logische Konsequenz. Und das nicht nur, wegen der vielen Menschen, die ihn alle ablehnen.

Da ich zur digitalen Bohäme gehöre, liegt mir diese Konsequenz natürlich nicht inne. Was mache ich ohne meine Twitter-Basis? Ich würde wieder auf dem Kehrichthaufen der Geschichte landen und dort vor mich hingammeln, bis Gevatter Tod mich holt. Dabei bin ich doch in meiner Eigenwahrnehmung so ein unglaublich intelligenter Mensch, der zu allem eine Meinung hat: Ob Gorleben oder „We love Sölden“, Champions League oder Schavan, ob GEMA oder Pferdefleisch-Skandal. Ich sitze immer am Kopfende des digitalen Stammtisches. Gefühlt zumindest. Da ich zu allem etwas zu sagen habe – meistens etwas Schlechtes – habe ich vielleicht sogar zu nichts etwas zu sagen. Der Wind pfeift hier auf den Stehplätzen des Internets gewaltig. Und es pfeifen nicht die Scorpions.

Würde ich das Internet optimieren oder macht mich das Internet schlechter. Beides nicht. Ich bin nur ein Zahnrädchen im großen Getriebe, das kläfft um Gehör zu bekommen. Ich weiß immer alles – und zwar besser. Dies ist auf gewisse Weise das Mantra der digitalen Bohäme. Wir sitzen in der Deckung und lauern auf die Fehler der anderen und die machen es immer falsch: Wenn Christopher Lauer Twitter verlässt: schlecht. Bleibt er: noch schlechter. Man kann die Namen austauschen: Amazon, Wiesenhof, Steinbrück, Guttenberg, Piraten – sie alle sind Flachpfeifen. Ohne wenn und aber. Nur ich. Ich nicht. Ich schreibe meine Doktorarbeiten noch selbst, ich bezahle meinen Leiharbeitern mehr als 10 Euro die Stunde und ich würde niemals 25.000 Mücken für eine Rede nehmen, wenn man sie mir zahlt. Einfach weil ich so ein verfickt geiler Typ bin, der immer alles richtig macht. Eben: Dr. Superschlau.

Langsam wird es mir als Social Media Berater-Berater kalt hier auf  den Stehplätzen des Internets. Aus den VIP-Logen dringt das Lachen von Sascha Lobo (Idiot natürlich der keine Ahnung hat), Richard Gutjahr unterhält sich angeregt mit Sue Reindke über die Zukunft des Internets, die ich doch schon längst kenne. Aber keiner fragt mich danach: das beschissene Schicksal der digitalen Bohäme.

 

PS: Übrigens mag ich den Humor von Christopher Lauer sehr –  gerade den werde ich auf Twitter vermissen.

 

 

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One thought on “Die digitale Bohäme.”

  1. Es ist egal, ob Herr Lauer seinen Twitter-Account aufgibt oder weiter betreibt. Es ist egal und Wertungsneutral. Was aber nicht egal ist, ist, dass er darüber einen Gastartikel in einer Zeitung schreiben muss. Ist es wirklich so wichtig zu wissen, warum er seinen Account löscht – oder besser nicht löscht, denn für seine Blogeinträge scheint die Reichweite seines Accounts ja ausreichend zu sein. Es interessiert keinen, wie viel Zeit er in Twitter investiert hat und es interessiert auch keinen, dass maximal 500 Leute auf einen Link klicken, den er auf Twitter geteilt hat.

    Wenn ich Herr Lauer in der Zeitung lese, dann möchte ich etwas über Politik lesen, denn deswegen steht er in der Öffentlichkeit. Seinen Rückzug von Twitter kann er in seinem Blog thematisieren, dort kann er seine Gründe aufschreiben, aber nicht in einem Gastartikel in einer Zeitung.

    Die Welt hat genügend andere Probleme, über die unsere Medien gerne einmal mehr schreiben dürfen. Über die Wohnungsnot in Spanien könnten sie doch zum Beispiel mal schreiben. Eine Wohnungsnot, die durch zu hohe Mietpreise entsteht. Oder über die Enerigekosten in Bulgarien – aber doch nicht über die Aufgabe eines Twitteraccounts….

    Die Piraten, und dazu gehört auch Herr Lauer, sollten endlich die Kurve kriegen, und mit politischen Themen Aufmerksamkeit erregen. Ich wünsche ihnen immer noch, dass sie den Einzug in den Bundestag schaffen, aber doch nicht mit einer solchen Themensetzung in den Medien.

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