Die Digitalisierung verändert (fast) alles.

Die re:publica steht dieses Jahr unter dem Motto Pop. Das schöne Wort Pop sollte auch für das Platzen der Filterblase stehen, in dem sich die eher links-liberale Blogger-Szene gemeinhin tummelt. Das dieses Vorhaben natürlich nie realisiert werden kann, ist jedem beim Blick auf die Vorträge und Panels der rp18 klar. Da sind die üblichen Verdächtigen versammelt. Von kontroverser Diskussions-Kultur keine Spur, dafür aber alle lautstarken Echokammer-Spezialisten aus dem Spektrum mit der eigenen Meinung versammelt. Dagegen ist vom Prinzip nichts einzuwenden, außer, dass der Anspruch ja ein andere war.

Noch deutlicher wurde dieses Dilemma, als der Bundeswehr gestern der Zugang auf das Gelände verweigert wurde. Soldaten in Uniform bekommen – wie Nazis – somit keinen Zutritt zur Veranstaltung. Auch dies ist das gute Recht eines Veranstalters. Nur zeigt es eben noch klarer: die Filterblase bleibt auch Offline unter sich. Die Konfrontation mit anderen Meinungen findet nicht statt. Wenn das jetzt mit Pazifismus begründet wird, müsste man die Frage stellen, warum ein Rüstungskonzern wie Airbus gesponserte Vorträge auf der re:publica halten darf. Die Gefahr hier als Programmierer neue Software für Kampfflugzeuge zu entwickeln ist am Ende eventuell sogar höher, als dies bei der Bundeswehr direkt der Fall ist. Der einzige Unterschied: die Angestellten von Airbus tragen Camouflage, wie sie auf der rp18 geduldet wird: fancy Blogger-Klamotten oder Anzug ohne Krawatte. Da ist das Tragen einer Uniform letztlich sogar ehrlicher.

Noch bigotter wurde das Ganze, als abends die Internet-Ikone Sascha Lobo in seiner Uniform auftreten durfte: Anzug, Iro, Ironie. In einer sehr politischen Rede forderte er die Verwirklichung eines ultra-liberalen Gesellschaftsentwurf. In seiner idealen Welt sollten eine Shemale und eine schwarze, jüdische Lesbe offen und ohne Angst ihre Liebe ausleben können. Zurecht. Und zurecht wurde dieser Beitrag von den vielen Anwesenden Gästen beklatscht. Nur fragt man sich, wie nachhaltig diese Liberalität ist, wenn sie schon dann endet, wenn Soldaten in Uniform keinen Zutritt zur re:publica bekommen. Also die gleichen Leute, die einerseits ein Höchstmaß an Freiheit von Meinungen und Lebensentwürfen propagieren, werfen alle diese guten Vorsätzen weg, wenn es um Vertreter einer demokratischen Parlamentsarmee geht. Und nur am Rande: eine Ursula von der Leyen wäre als Verteidigungsministerin und höchste Repräsentantin der Soldaten natürlich sofort wieder willkommen auf jeder Podiums-Diskussion, weil dies einen Mehrwert für die Blogger-Konferenz schafft.

Man kann zum Soldaten-Beruf stehen, wie man will. Er mag ethisch fragwürdig sein, weil es schlussendlich darum geht Menschen zu töten. Das unterscheidet den Soldaten von normalen Angestellten. Auch kann man die Frage stellen, ob die Bundeswehr auf der rp18 wirklich geeignete Leute findet. Eher nicht, denn hier treffen sich keine Programmierer, sondern Blogger. Und die reden und schreiben sehr viel, haben zu allem eine Meinung, scheitern aber meistens schon beim einfachsten Java-Script. Trotzdem zeigt der gestrige Tag, woran des der Blogger-Szene fehlt: einen konsistenten liberalen Gesellschaftsentwurf jenseits der eigenen Filterblase, Zudem tritt auch zutage, dass die Digitalisierung wirklich vieles verändert, nur nicht die Vorurteile einer Szene, die gedanklich im letzten Jahrtausend stehen geblieben ist – wenn es um den Soldaten-Beruf geht.

In dem Sinne, kann die diesjährige re:publica schon als gescheitert betrachtet werden: Denn die Filterblase macht nicht Pop, sondern Stop.

 

 

 

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