Hat Twitter einen Schatten?

Update: Twitter hat sich zu Wort gemeldet. Laut dem Unternehmen gibt es keinen sogenannten shadowban. Das einzelne User nicht mehr angezeigt werden liegt an einem technischen Problem der Spam-Filter. Hier berichtet t3n.de darüber

http://t3n.de/news/shadowban-twitter-833350/

Gute Tage sind Tage, an denen man etwas Neues gelernt hat. So kannte ich bis gestern noch nicht den Begriff „Shadowban“. Heute bin ich schlauer. Am gestrigen Tag wies mich ein Twitter-User darauf hin, dass er meine Tweets in der Hashtag-Suche nicht mehr finden konnte. Er gab mir den Hinweis, dass mich Twitter eventuell heimlich zensierte, der Fachbegriff hierfür ist ein Shadowban. Dann können nur noch die Follower Tweets eines Users sehen, alle anderen nicht mehr.

Es gibt sogar eine Seite, auf der man testen kann, ob Twitter einen Shadowban gegen einen User erwirkt hat. Mein Test fiel positiv (und damit negativ) aus. Twitter hatte mich – ohne mein Wissen und ohne eine Begründung – zensiert. Ich bin ein Twitter-Nutzer, der gerne zu tagespolitischen Dingen Tweets schreibt und oft auch politische Hashtags nutzt. Ich vertrete meine Meinung (die wahrscheinlich einige als linken Mainstream ansehen) offen und selbstbewusst. Dafür werde ich oft angefeindet oder ab und an sogar bedroht.

Genau wegen solcher Hass-Kommentare ist der Plan entstanden, mit einem Gesetz diesen Umgangston einzuschränken. Denn: Man darf Menschen – auch im Internet – nicht an Leib und Leben bedrohen und denken, dies wäre eine Meinung. Hass ist keine Meinung und wird es auch nie sein. Jemanden zu sagen, er gehöre aufgeknüpft oder alle Flüchtlinge an die Wand gestellt – das war nie eine sachliche Meinung und wird es auch nie sein. Und mir persönlich ist es egal, ob Bedrohungen von links oder rechts kommen – jede Äußerung dieser Art gehört unterbunden und ggf. bestraft. Der Ton im Netz muss wieder zivilisierter werden. Grenzen in Diskussionen müssen gesetzt werden (dabei lieben doch gerade rechte Hetzer Grenzen so gern!). Jeder kann sagen: Ich lehne Merkels Politik ab. Keiner sollte sagen dürfen: IM Erika an den Galgen. Ist das so schwer? Jeder darf seine Meinung frei äußern – auch in Zukunft. Es geht also nicht um die Meinungsfreiheit. Es geht um Bedrohungen, Beleidigungen und ähnliches.

Nun hatte es also mich erwischt (wenn das Tool, mit dem man den Shadowban testen konnte vertrauenswürdig ist). Warum? Das weiß ich bis jetzt nicht. Vielleicht liegt es an den Hashtags, die ich nutze. Oder ich habe ein Wort genutzt, das auf einer Blacklist steht und ein Algorithmus hat mich automatisch gesperrt. Ich bin weiterhin dafür, dass Twitter oder Facebook verpflichtet werden, Hass auf ihren Seiten zu unterbinden. Aber: die Mittel dafür müssen geeignet sein. Wie kann man zum Beispiel das Verhalten eines Users ändern, wenn man ihm nicht klar sein Fehlverhalten aufzeigt. Einfach jemanden heimlich zu sperren, ändert gar nichts. Das ist eigentlich einfachste Klippschule der Erziehung. Wer sich nur selbst Regeln gibt, die aber nicht transparent macht, sorgt am Ende nur, dass die üblichen Verdächtigen mal wieder eine Weltverschwörung wittern.

Ich mache das nicht. Wie gesagt, die Richtung stimmt, falls es Twitter bei den Sperrungen wirklich um die Eindämmung von Hass geht. Aber: solche Aktionen müssen transparent gemacht werden. Jeder muss wissen, wofür er und wie lange er mit einem Shadowban belegt wurde. Nur so kann man langfristig das Verhalten ändern.

Jetzt machen sich viele dieser Kolja Bonke Profilbild User über mich lustig: Schau mal, eben noch getwittert, dass man Hass zensieren muss und nun wird er selbst gesperrt. Klar, irgendwie lustig. Letztlich aber denke ich, ist eine Nachricht gut: Twitter macht endlich mal was. Letztes Jahr zum Beispiel meldete ich einen Account, der mir den Hals aufschlitzen wollte. Kurze Zeit später meinte Twitter: alles in Ordnung, der Tweet verstößt nicht gegen die Community-Standards.

Ich frage mich daher: was muss ich nur geschrieben haben, dass mich der Shadowban traf?

 

 

 

 

 

 

 

 

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3 thoughts on “Hat Twitter einen Schatten?”

  1. ‘Wie kann man zum Beispiel das Verhalten eines Users ändern, wenn man ihm nicht klar sein Fehlverhalten aufzeigt.’

    Ja, wie man Fehlverhalten von richtigen Verhalten trennt, gut von schlecht, damit beschäftigt sich die Menschheit schon seit tausenden von Jahren.
    Offensichtlich ist es einfacher auf den Mond zu fliegen, als ein einfaches System zu erfinden, moralisch richtige Entscheidungen zu treffen.

    Erklären sie doch mal, wieso der jetzige Twitter Algorithmus schlechter darin sein sollte, als sie? Vielleicht ist er sogar besser, nur ihnen fehlt die Einsicht?

  2. Das Problem ist doch: Wir haben als Gesellschaft keine einheitliche Definition für Hass. Wir haben Gesetze gegen Volksverhetzung, üble Nachrede, Beleidigung etc. Darüber hinaus darf Vieles gesagt werden.

    Und wir haben eine Gerichtsbarkeit. Die Gerichtsbarkeit braucht oft Monate, um zu entscheiden, ob eine Aussage legal war. In Einzelfällen dauert es Jahre. Ein Algorithmus kann das nicht leisten und ein Löschteam bei Twitter auch nicht.

    Dazu kommt: Aus der Sicht bestimmter Interessengruppen gibt es das Interesse, den Begriff Hass weiter oder enger zu fassen. Ein Beispiel von vielen ist das Beispiel Religion: Die beiden größten Religionen Islam und Christentum definieren Hass völlig unterschiedlich und gehen unterschiedlich damit um. Man kann unter dem Strich sagen: Das Christentum geht im Durchschnitt ungleich toleranter mit Kritik und Schmähungen um. Bei uns wird niemand mehr wegen Blasphemie gelyncht, ins Gefängnis geworfen oder öffentlich verprügelt.

    Wem soll Twitter nun gerecht werden? Der Meinungsfreiheit in der westlichen Gesellschaft? Oder den Befindlichkeiten fundamentalistischer Muslime? Soll Twitter jede Kritik an religiösen Fundamentalisten löschen, nur weil sie als Hass oder Blasphemie ausgelegt werden könnte?

    Einen Konsens über das Erträgliche finden wir nur im Gesetz, die Durchsetzung der Regeln muss der demokratische Rechtsstaat leisten. Ein Algorithmus bei Twitter ist damit völlig überfordert.

  3. Der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen das Instagram dieses Verfahren über einem Jahr eingeführt hat, dort war dann auch erstmals von einem Shadowban die Rede. Sinn der Aktion war, das Nutzer mit fragwürdigem Verhalten (automatisierte Likes und Follows und sogar automatisierte Posts / Scheduler) die Hashtag-Feeds nicht zu-spammen. Hier wurde kurzerhand der Nutzer nicht mehr in den öffentlichen Kanälen angezeigt, nur Follower sahen die Beiträge. Das hat die mögliche Reichweite natürlich drastisch eingeschränkt.

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