Wie mich der Papst besuchte.

Dieser Artikel erschien im September 2011 auf jetzt.de – am Tag nach dem Berlin-Besuch des Papstes. Er kam auch zu mir, zumindest fast:

Da war der Papst – kurz nachdem mich Scharfschützen im Visier hatten.
Da war der Papst – kurz nachdem mich Scharfschützen im Visier hatten.

Die meisten Menschen verfolgen den Besuch des Papstes im Fernsehen. Unser Autor erlebte ihn am Fenster seiner Wohnung – inklusive Scharfschützen und Polizisten auf dem Speicher.

Der Papst weilt in Deutschland. Das ist ein Mega-Event in jeder Hinsicht: Große Reden, noch größere Messen und größte Sicherheitsvorkehrungen. Der Heilige Vater vereint Religion, Ethik und Politik in einer Person. Und das nicht nur für Deutschland, sondern für alle Katholiken und viele Christen in aller Welt. Eines vorweg: Ich bin weder Freund noch Gegner des Papstes. Es ist eher so, dass er mich und meine Lebenswirklichkeit nicht berührt. Als er am Donnerstag nach 40 Jahren des Beginns der Ökologie-Bewegung nette Worte für die “jungen Leute” fand, die das angestoßen haben, dann dachte ich an den grauen alten Ströbele. Dieser “junge” sehr alte Mann der Grünen war wohl auf dem Fahrrad in Kreuzberg unterwegs, als der Papst im Bundestag sprach. Man muss kein Freund von Finanztransaktionen in Mikrosekunden sein, um zu erkennen: die Kirche lebt – zumindest an der Spitze – in einer Parallelwelt der verschiedenen Gesellschafts-Geschwindigkeiten. Einerseits vielleicht gut, andererseits zunehmend katastrophal.

Hier geht es aber nicht um das große Ganze, sondern um den kleinen Ausschnitt. Der Papst besuchte nämlich nicht nur Wulff, Merkel und die Abgeordneten des Bundestags. Nein, er besuchte auch mich. Na ja. Fast. Ich wohne in Berlin-Mitte direkt am Haus der Deutschen Bischofskonferenz. Hier traf am Donnerstag die Bundeskanzlerin den Papst zu einer Privataudienz. Ich hätte zwar auch Kaffee und Kuchen im Haus gehabt, nur um auf alles vorbereitet zu sein, aber leider musste der Papst dann doch sofort zum nächsten Termin. Dann beim nächsten mal. Bestimmt.

Während des Papstbesuchs lebte ich im Auge des Orkans. Meine Straße war komplett abgeriegelt. Wo sonst die Wogen des Berufsverkehrs vorbei rauschten, konnte man nun die Vögel Choräle singen hören, nur unterbrochen von harten Männerstimmen, die durch Polizei-Funkgeräte knarzten. Trotzdem: Es war so eine ungewohnte Ruhe und Stille in einer sonst so hektischen Gegend. Eine unsichtbare Kathedrale der Einkehr. Eine Pilgerreise zum Hier und Jetzt. Wenn da nicht so ein permanentes Gefühl gewesen wäre: Plötzlich bist du nicht mehr Bürger und Hausbewohner, sondern ein ungeliebtes, temporäres Sicherheitsrisiko.

Überall waren Polizisten. Sie patrouillierten im Rudel auf der Straße, standen vor dem Haus, wachten im Hof, und auch das Treppenhaus war von oben bis unten komplett mit Beamten besetzt. Vorsichtshalber schaute ich noch in meinem Schlafzimmerschrank nach, ob da einer hockte. Keiner da. Super. Die Polizisten im Hof hatten nichts anderes zu tun, als die Fenster meines Hauses zu observieren. Blickte man raus, wurde man von mehreren misstrauischen Augenpaaren dabei beobachtet, wie man raus blickte. Eigentlich eine harmlose Sache. Aber nicht heute. Heute war alles anders. Possierliche Sprengstoffspürhunde durften unseren Hausmüll beschnuppern. Viel Spaß dabei. Und dann klingelte es zum ersten Mal an der Wohnungstür: Ein junger Beamter fragte, ob ich vielleicht den Schlüssel für den Speicher hätte. Leider nicht. Hektik. Gefunke. Befehle. Anweisungen. Schwere Stiefel, die die Treppen auf und ab hetzen. Mein persönlicher Soundtrack zum Papstbesuch.

Im Fernsehen sah ich, wie der Papst 15 Minuten zu früh landete. Der eilige Vater. Draußen wurde die nächste Eskalationsstufe eingeleitet. Das Sondereinsatzkommando der Polizei fuhr vor. Breitschultrige Elite-Polizisten mit Sturmhauben auf dem Kopf und Maschinenpistolen in der Hand. Furchterregend. Andere Beamte sprengten mit Bolzenschneidern die Schlösser von Rädern am Straßenrand. Sicher ist sicher. Schon Tage vorher wurden alle Gullydeckel verklebt, das Unkraut vom Grünflächenamt gejätet und man hatte auch nicht vergessen, den Spruch “Patriarchat abschaffen” zu überstreichen, der jahrelang auf einer Mauer neben meinem Haus prangte. Mein Kiez ein Quasi-Potemkinsches Dorf. Auf N24 schüttelte derweil der Papst kleinen Kindern die Hand. Irgendwie auch ein Potemkinsches TV-Bilderdorf.

Ab 11 Uhr mussten alle Fenster geschlossen werden. Diese wurden permanent weiter überwacht. Ging ich ans Fenster, um mit meinem Handy Bilder zu machen, war klar, dass ich dabei einer sehr kritischen Würdigung unterzogen wurde. Immer mehr schwarze Limousinen fuhren vor. Es lag so eine Ahnung von Bedeutung in der Luft. Draußen eine Armada Anzugträger, die auf den Würdenträger warteten. Alle extrem gestresst. Menschen, die mit dem Handy am Ohr geboren werden. Und wie Ralf Rangnick geduldig ungeduldig auf ihren Burn-Out warten. Da müsste der Papst mal ran! Auf N-TV wünschte sich der Bundespräsident, geschiedene Katholiken sollten nicht von der Kommunion ausgeschlossen werden. Klimawandel? Kapitalismus-Krise? Missbrauch in der Kirche? Alles unwichtig. Warum nicht mal ein Spezial-Problem der Katholiken ansprechen, wenn man die Möglichkeit hat. Übrigens ist Wullff geschieden, von der Kommunion ausgeschlossen und laut BILD ist seine Frau tätowiert. Wollte es nur mal erwähnen.

Es wurde immer schwieriger zu fotografieren, je näher der Papst kam. Das Handy könnte ja auch eine Waffe sein. Wer will das so genau wissen? Die Blicke der Polizisten wurden von Minute zu Minute mürrischer. Der Papst verließ Schloss Bellevue und fuhr los zu mir ins Haus der Deutschen Bischofskonferenz. Im Fernsehen zeigte das ZDF ein Bild vom Eingang. Ich sah es in echt. Wenn Fernsehen und Realität aufeinanderprallen, dann wird das immer zum unsichtbaren Kampf der Bilder. Bildschirme haben so eine Faszination, weil sie alles riesengroß machen. Päpste, Sarkozy, Merkel, überhaupt Themen. Dann blickt man vom Screen weg auf das gleiche Bild und es ist einfach nur schnöder Alltag. Papst, Sarkozy und Merkel schrumpfen zu Sitzriesen. Also doch wieder Fernsehen? Nein.

Dann totale Verwirrung. Eine Gruppe Fahrzeuge fuhr vor. Das muss er sein! Aber es war nur ein Ablenkungsmanöver. Es war eine zweite Papst-Kolonne, die eine fünfte Kolonne potentieller Attentätern verwirren sollte. Ich kam richtig ins Schwitzen. Wo ist der Papst? Ich rannte zwischen meinem Schlaf- und meinem Wohnzimmer hin und her. Auch im ZDF fragt man sich, wo zum Teufel der Heilige Vater steckt. Berghain? Soho-House? Gesichter der Renaissance-Ausstellung? Facebook? Das weiß nur Gott oder Google. Die Unwissenheit nagte an mir. Jetzt hatte ich stundenlang auf diesen Moment gewartet, jetzt wollte ich auch ein Foto von Benedikt XVI.. Dann aufgeregte Funkgespräche bei mir im Hof. Knarz. Quietsch. Schepper. Die Beamten sahen alle zu mir hoch. “Ja, den sehen wir auch.” Wen? Mich? Zwei Beamte machten sich auf den Weg und standen kurz darauf freundlich, aber bestimmt vor meiner Tür: “Scharfschützen haben bemerkt, dass Sie sehr hektisch sind, können Sie ein bisschen ruhiger agieren?” Ja, kann ich. Schnell zurück. Der Papst muss jede Minute eintreffen.

Dann hatte ich Angst. Ich stellte mir vor, wie mich ein SEK-Beamter im Visier hat. Den Finger am Abzug seines Präzisionsgewehres. Langsam würde ich mein Handy heben, um zu fotografieren. Der Elite-Kämpfer von Dach gegenüber denkt: Waffe oder nicht Waffe, dass ist hier die Frage. Unmerklich krümmt sich sein Finger weiter… Ich sah die Schlagzeile vor meinem geistigen Auge: Unschuldiger stirbt bei Papstbesuch. Hey, Papst: es geht auch um den Schutz des geborenen Lebens! Mehrere Sekunden spielte ich mit dem Gedanken: Weg vom Fenster, sonst bist du weg vom Fenster. Doch die Neugier siegte. Erst kam Merkel. Klatsch. Klatsch. Dann kam der Papst. Klatsch. Klatsch. Klatsch. Klatsch. Klatsch. Aufgeregt nutzte ich den Mini-Slot von wenigen Augenblicken. Jetzt nichts falsch machen. Meine Hand zitterte leicht vor Aufregung. Da. Da war er, im Kreis seiner Kardinäle. Gemessenen Schrittes schüttelte er Hände.

Ich hatte ihn: Der Papst  besuchte mein Smartphone. Draußen knarzte ein Funkgerät. Ich lebte noch. Danke Gott. Danke für diesen schönen Morgen. Danke für diesen schönen Tag.

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