Der politische Werber lebt.

Vor einigen Wochen hielt Gerald Hensel, Strategiedirektor bei Scholz & Friends, ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, dass auch Werber politischer werden sollten. Ich finde das gerade in diesen Zeiten richtig und wichtig. Schließlich haben wir als Kommunikationsprofis das Wissen und teilweise eben auch die Kontakte, um gesellschaftlich relevante Aktionen viral werden zu lassen. Der politische Werber ist der Gegenentwurf zum klassischen: der hat – zumindest offiziell – keine eigene Meinung und übernimmt normalerweise die Positionen seines Kunden. Das ist Teil der DNA unseres Berufes. Wir könnten unseren Job sonst auch nie so gut machen.

Hensel bricht nun vollkommen damit. Seine Aktion #KeinGeldFürRechts sprach gezielt Werbekunden von sehr rechten, neurechten oder sogar rechtsextremen Online-Angeboten an. Unternehmen wurden darauf hingewiesen, dass sie – oft ohne dass sie es wussten – auf den Webseiten der Freunde von Pegida und Co. warben. Überraschend ist die Tatsache, dass viele Firmen scheinbar nicht wissen, wohin ihre Werbegelder fließen und welche – teilweise rechtsradikalen – Ansichten sie damit unterstützen. Machen wir uns nichts vor: diese neurechten Biedermänner geben Brandstiftern das geistige Rüstzeug, mit dem sie körperliche Angriffe legitimieren. Insofern ist die Aktion #KeinGeldFürRechts meiner Meinung nach ein geeignetes Mittel, um brennende Asylbewerber-Heime zu verhindern. Das mögen die ach so intelligenten Autoren dieser Blogs anders sehen, aber am Ende landet man vom alarmistischen Text, beim Alarm der Feuerwehr, die nach einem Brandanschlag gerufen wird. Nichts anderes ist der Fall.

Jeder wehrhafte Demokrat hat dadurch meines Erachtens das Recht und die Pflicht etwas dagegen zu tun. Auch gegen die “Achse des Guten” (selbst wenn da nicht jeder Text neurechts ist). Jetzt wird Hensel als Blockwart beschimpft, der Nazi-Methoden benutzt, wie einst bei „Kauft nicht bei Juden“. Dieser Vergleich (wie viele Nazi-Vergleiche) hinkt an allen Ecken und Enden. Im April 1933 war Hitler an der Regierung, er stellte paramilitärische SA-Männer vor jüdische Geschäfte und drangsalierte deren Besitzer und deren Kunden. Nicht nur verbal, sondern körperlich. Und mit dem Gewalt-Monopol des Nazi-Regimes. Gerald Hensel dagegen, ist ein Aktivist ohne all deren Macht. Er kann Unternehmen nur auf deren Werbe-Partner hinweisen und sagen: „Meint ihr, dass ihr in diesem Umfeld werben wollt?“ Scheinbar wollen das viele der Firmen wirklich nicht. Denn auch die wissen, dass Hassprediger, AfD-Sympathisanten und Weltuntergangs-Herbeischreiber kein Umfeld sind, in dem weltoffene Unternehmen werben wollen und sollen. Diese Firmen ziehen also freiwillig ihre Budgets zurück und setzen diese an besserer Stelle ein. Ohne Zwang, ohne gröhlende Uniformträger, ohne Gewaltmonopol. Einfach aus Einsicht.

Jetzt bricht ein gewaltiger Shitstorm über Hensel hinein. Denn die Neurechten sind hervorragend im Netz organisiert und verstehen es ihre Peer-Group zu mobilisieren. Sie rufen ihrerseits zum Boykott auf: vor allem gegen die Werbeagentur, in der Gerald Hensel arbeitet. Dessen Arbeitgeber hat sich heute hinter seinen Mitarbeiter gestellt. Trotz tausender schlechter Bewertungen innerhalb weniger Tage auf ihrem Facebook-Kanal. Dafür gebührt Scholz & Friends Respekt. Vor allem deswegen, weil es eigentlich mehr politische Werber braucht. Intelligente, tolerante, kreative und vor allem weltoffene Menschen, die nicht einfach schweigen, wenn um sie herum gerade versucht wird gesellschaftliche Errungenschaften wie Gleichberechtigung, Inklusion oder Toleranz gegenüber sexueller Orientierung wieder zurückzudrehen.

Werber haben gelernt, wie man nicht abgehoben mit normalen Menschen sprechen kann. Der abgehobene links-intellektuelle Diskurs erreicht diese oft nicht. Für uns dagegen ist es Alltag, Botschaften zu entwickeln, die Herz und Kopf treffen – von Leuten wie Du und Ich. Wir sollten diese Kompetenz nutzen. Manche machen das: als Wahlkämpfer für demokratische Parteien. Andere können neue Wege finden, wie Gerald Hensel. Wichtig ist, dass wir uns nicht einschüchtern lassen, weil die Neurechten sehr laut werden können. Und sehr hassvoll. Sie meinen zwar, dass es nur eine Einheitsmeinung gibt und sie keine Stimme hätten, dafür ist ihre Stimme im Netz zum Teil penetrant laut. Sie kapern die Kommetar-Spalten und machen sie zu einer Mono-Kultur ihrer Weltsicht. Aber auch hier gilt: Nur weil sie sich eben – qua ihres eingebildeten Minderwertigkeitsgefühls – besser mobilisieren lassen, sind sie nicht in der Mehrheit.

Der politische Werber ist nicht tot. Im Gegenteil er fängt gerade erst an.

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15 thoughts on “Der politische Werber lebt.”

    1. “…er fängt gerade erst an.”

      So spricht auch Hensel nach seinem Rausschmiss – äh freiwilligem Abgang. Befreit von seinem Zweitjob bei S&F kann es jetzt richtig losgehen mit dem Blacklisting. Allerdings muss er jetzt damit rechnen, dass in der Branche kein Hahn mehr nach ihm kräht.

  1. Eure Zeit der kulturellen Hegemonie läuft unweigerlich ab. Dann werdet ihr von eurer eigenen Medizin zu kosten bekommen. Das wird hart sein…

  2. Politische Werber, politische Lehrer, politische Polizisten, politische Richter, politische Wissenschaftler. Große Transformation. Alles ganz großartig.

  3. Der Zweck heiligt nicht alle Mittel. Wo sind wir angelangt, wenn Firmen per Twitter mit einem Shitstorm gedroht wird, wenn man weiterhin auf konservativen oder von mir aus auch rechtskonservativen Blogs wirbt? Wollen Sie ernsthaft andere (unliebsame) Meinungen mundtot machen, indem Sie Ihnen die wirtschaftliche Grundlage entziehen? Dass achgut oder Tichys Einblick für brennende Asylbewerberheime verantwortlich sind, halte ich gelinde gesagt für arg polemisch und weit hergeholt. Ist dann davaidavai.com oder die taz für brennende Autos in Berlin verantwortlich?

    Und ich will Sie ja nicht enttäuschen, aber der einzige, der in den Unternehmen erreicht wird, ist der zuständige Kollege fürs Online Marketing, dem der Arsch auf Grundeis geht, weil er Angst hat, sein Unternehmen in die Schusslinie linker Moralapostel zu bringen. Blacklist aktualisiert, puh, nochmal Glück gehabt. Hoffentlich merkt der Chef nichts.

    Man kann Artikel auf taz.de scheiße finden und man kann selbiges auf achgut oder Tichys Einblick. Dagegen angehen sollte man immer mit Argumenten, auch wenn es schwer ist. Dass ein leitender Mitarbeiter einer Agentur, welche auch von Steuergeldern lebt, zu einem quasi Werbeboykott (nichts anderes ist die Aktion) von unliebsamen Meinungen aufruft, ist ein No-Go und undemokratisch. Daher ende ich mit einem Zitat: Jeder wehrhafte Demokrat hat dadurch meines Erachtens das Recht und die Pflicht etwas dagegen zu tun.

    1. “leitender Mitarbeiter einer Agentur, welche auch von Steuergeldern lebt”
      Schon aus Rücksicht auf die Kunden Bundesregierung und EU – es entsteht nämlich (im Gesamtbild mit Kahane/AAS, Millionen EUR Sposoring des “Kampf gegen Rechts”, etc) der Verdacht, dass die Aktion von Diesen gebilligt oder sogar beauftragt war.

  4. Wirklich ruhigen Gewissens gut heißen kann ich die Hensel Aktion nicht. Sie ist für mich unter dem Aspekt der Transparenz irgendwie in Ordnung und das Boykott-Gerede ist Blödsinn. Aber ein schlechter Beigeschmack bleibt doch. Ziehen Firmen nicht reflexartig zurück, einfach weil sie negative Publicity fürchten müssen? Natürlich wird mit der Aktion Druck ausgeübt, denn sie ist öffentlich. Und das ist nicht in Ordnung. Dazu kommt, dass sie dem – in meinen Augen verhängisvollen – Schema des Mundtotmachens folgt. Statt sich inhaltlich am Gegner abzuarbeiten, setzt sie auf die “das darfst Du nicht” Karte. Die hat uns erst Brexit und dann Trump eingebracht. Es ist Zeit, für einen Strategieschwenk. Hensels Aktion ist – wenn überhaupt – ein Pyrrhussieg.

    1. Pyrrhussieg?
      Eigentlich war seine Aktion extrem clever – falls er Achgut & Co fördern wollte:
      – risikoarm (Schadensersatzforderungen)
      – reichweitenstark (wer sie nicht kannte wird jetzt aufmerksam)
      – aktvierend/zusammenschweissend bzg. Bestandskunden (Kundenbindung)

      Das wollte er, seinem Blog (andere Einträge einbezogen) zufolge ganz sicher nicht.
      Also, ob ich *so* einen Strategen einstellen würde?

  5. Jemand, der seinen Blog tatsächlich “siegstyle” nennt, sollte den Ball mal schön flach halten, wenn es darum geht, einen Autorenblog auf unzulässige Weise mit Nazipropaganda in Verbindung zu bringen. Einen Blog übrigens, auf dem regelmäßig jüdische Autoren vertreten sind und dessen Betreiber ( einer von zweien) Kind von Eltern ist, die Auschwitz überlebt haben.

    1. Antje Sievers, auch Sie veröffentlichen auf Achgut und haben ein finanzielles Interesse. Das hätten Sie vielleicht der Ehrlichkeit halber Ihrem Kommentar vorausschicken sollen, damit man einordnen kann, was Sie sagen. Im Übrigen muss man dem Broder nichts “abkaufen” nur weil er Kind von Auschwitzüberlebenden ist. Das macht ihn nicht sakrosankt.

  6. “Intelligente, tolerante, kreative und vor allem weltoffene Menschen” – ich wußte gut gemachte Satire schon immer zu schätzen!

    Danke dafür.

    Übrigens muß es EHEMALIGER Startegiedirektor bei Scholz & Denunzianten heißen…

  7. Wenn dahinter nicht eine mörderische und korrupte Schranze stände, fände ich siegstyle.de ganz witzig, Spaß muss sein. Trotzdem sehenswert, stellt an hochkorrupten Verbalradikalismus davaidavai.com noch in den Schatten. “Israelkritische” Werbefuzzis mit hoch fünfstelligen Jahreseinkommen machen einen auf arte poverá und lotta continua, während sie über Bundes/EU-Werbeetats Staatsknete abzocken.

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