Im 7. Fußballhimmel.

Als Deutschland das letzte Mal Europameister wurde, erlebte ich das Finale im Cockpit eines Passagier-Jets, der mich mit einer Kompanie englischer Soldaten nach Kanada brachte. Ich war damals ein junger Offizier, der zum Austausch mit den Briten entsendet wurde. Eigentlich war ich im brandenburgischen Nichts stationiert. Einem Kaff Namens Brück, unweit von Potsdam. Hier gab es nur diese ehemalige NVA-Kaserne mitten in einem Wäldchen, in die damals viel Steuergelder flossen, um die Gebäude zu sanieren. Unser Stab war übergangsweise in einer Baracke beherbergt.

Der Bataillons-Kommandeur war ein schrecklicher Vorgesetzter, der die Kompanie-Chefs in den Stabs-Besprechungen regelmäßig rund machte. Jeder hatte vor ihm Angst, sogar sein Stellvertreter im Range eines Majors. Als damals das Fernschreiben (E-Mails gab es noch nicht) reinkam, mit der Aufforderung einen deutsch-britischen Austausch-Offizier abzustellen, fiel die Wahl auf mich. Das war nicht schwer, die meisten anderen, waren ehemalige NVA-Offiziere und konnten besser russisch, als englisch sprechen. Sie hatten DDR typisch früh geheiratet und alle schon Kinder. Keiner wollte seine Familie wochenlang nicht sehen. Also schaute der Kommandeur mich an und sagte: „Frommer, sie machen das.“ Widerstand zwecklos.

Wenig später packte ich meine Ausrüstung zusammen und fuhr nach Osnabrück zum britischen Regiment, mit dem ich nach Kanada zu einem Übungsplatz fliegen sollte. Zwischenzeitlich begann die EURO96 im Mutterland des Fußballs. „Football is coming home“ wurde als Hymne geboren – bis heute. Matthias Sammer war der letzte Libero vor dem Zeitalter der Viererabwehrketten (das Deutschland verschlief), Heribert Faßbender (die Wanderdüne der TV-Kommentatoren) begrüßte alle mit „Guten Abend, allerseits“ und Gascoigne war wirklich mal ein sehr guter Fußballspieler. Deutschland rauschte durch die Vorrunde.

In Osnabrück lernte ich britischen Offizierskasino-Style kennen – Schlachten-Gemälde vom Hindukusch an der Wand, Teatime mit Queen-Gedenken und „Hooray for the Husars!“ Gebrüll beim Toast. Ich wurde in die Waffensysteme der Panzer eingeführt, die wir in Kanada für die Übung nutzen würden. Eines Tages plötzlich mehrere laute Explosionen, in Panik suchte ich Deckung. Die IRA hatte mit einem Mörser die Kaserne beschossen. Der letzte große Anschlag der Terror-Organisation in Deutschland. Zum Glück hatten sie nicht die Tankstelle getroffen und nicht jede Granate explodiert. Wir bekamen danach den freundlichen Hinweis, vor dem Starten des Autos mal einen Blick drunter zu werfen. Meine Freude über die Versetzung wurde immer größer.

Und sie steigerte sich ins unermessliche, als ich erfuhr, dass wir gerade am Finaltag nach Kanada fliegen würden. Man muss sich da so vorstellen: Deutschland hatte im Halbfinale den Gastgeber England im Elfmeterschießen rausgekickt. Jetzt saß ich mit circa 200 englischen Soldaten im Finaltag im Flieger nach Kanada. Die Stimmung gegenüber Deutschen war sowieso schon blendend und wurde durch den Sieg der National-Elf noch besser. Wir hoben in Hannover ab Richtung Calgary. Irgendwann sagte der Kapitän per Bord-Mikrofon: „Wie alle wissen, haben wir einen Deutschen als Gast. Wenn er möchte, kann sich hier bei uns im Cockpit das Finale der EURO96 anhören.“ Natürlich kam ich dem Angebot sofort nach. Damals durfte man noch während des Flugs in die Cockpit-Kanzel.

So saß ich zwischen den beiden Piloten mit einem Kopfhörer auf – mitten über dem Nord-Atlantik. Auf BBC lief die Radio-Reportage. Deutschland lag hinten, bis Bierhoff eingewechselt wurde und per Kopf zum Ausgleich traf. Die Piloten – beide Engländer – freuten sich mit mir. Schließlich ging es in die Verlängerung und damals galt die sogenannte Golden Goal Regel – wer in der Verlängerung das erste Tor schoss gewann automatisch. Das sollte das Spiel attraktiver machen – so attraktiv, dass man es einige Jahre später wieder abschaffte. Zum Glück. Oder auch nicht. Als Bierhoff dann zum Golden Goal einnetzte, war es mir scheißegal. Deutschland war Europameister – und ich glücklich! Ich war im wahrsten Sinne des Wortes im Fußball-Himmel.

Nach dem Sieg ging ich zurück in die Kabine. Glückselig. Als ich auf meinem Platz eintraf, verkündete der Kapitän den deutschen Sieg. Selbstverständlich wurde der von meinen britischen Kameraden mit großer Begeisterung aufgenommen. Hinter mir sagte einer: „Wenigstens hat Damon Hill dieses Wochenende gegen fucking Schumacher gewonnen.“ Es geht doch nichts über Freude teilen.

Schließlich landeten wir in Calgary und fuhren mitten in die Prairie. Es war ein wahres Grasmeer. Kein Baum, kein Strauch. Ein Horizont wie auf dem Ozean. Manche wurden mit der Weite nicht fertig und dadurch krank. Ich schaute mich um und dachte: Deutschland ist Europameister und was habe ich davon: ein riesengroßes Nichts.

In dem Sinne: eine schöne Europameisterschaft. Wo auch immer.

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