In weiter Ferne so China

Der Unterschied zwischen meiner Chefin und mir ist, dass ich immer gut aussehen werde. Selbst ohne Zähne, mit einem Bierbauch bis zum Baikalsee und der Tatsache, dass ich Haare eher mit Krishna als mit meinem Kopf in Verbindung bringe. Weil Sie ist eine Sie und Ich bin ein Er. Aber dafür ist Sie Chinesin.

Die Gnade der richtigen Geburt. Oder so. Im Radio spielen sie eine Musik die ich nicht einordnen kann. Wo steht Pop? Bei Mediamarkt zwischen Rock und Alternative. Wo stehe ich? Bei Mediamarkt an der Kasse. Tolle Karriere. Irgendwann brauchen die uns nicht mehr. Dann kassieren die für uns in China up.

Es kommt der Tag, da reichen 2,5 Milliarden Chinesen vollkommen aus. Wir brauchen keine anderen Menschen mehr, um das Bruttosozialprodukt in ungeahnte Höhen zu liften. Muss man sich da nicht zumindest ein bisschen wehren? Zu den Asia-Wochen von McDonalds bin ich demonstrativ (sick!) nicht gegangen. Und wenn in der Gala was über das Dekollete von Bai Ling geschrieben wird, blättere ich schnell weiter. Dahin wo die Leute noch was zu feiern haben. Ich muss mir das nicht bieten lassen. Die schleichende Sinosierung meines Seins.

Meine Xbox habe ich aus dem Fenster geschmissen, weil Made in China. Den Fernseher ebenso. Und alle anderen elektronischen Geräte meines Haushaltes. Zum Anziehen habe ich auch nichts mehr, das Zeug wurde alles in kantonesischen Sweatshops zusammengenäht. Meine Freundin erklärt sich solidarisch und lässt die H&M Unterwäsche weg. Zu irgendwas muss der Boykott ja gut sein.

Zugegeben: mein Leben ist ärmer geworden. Vor allem seitdem ich nicht mehr bei 9live anrufen kann, um megafett Kohle abziehen zu können. Zum einen habe ich kein TV-Gerät mehr zum anderen war das Telefon auch aus China. Und wer weiß: Vielleicht senden die gar nicht aus dem schönen München, sondern aus einem Studio bei Shanghai. Ein paar Moderatoren haben große Schwierigkeiten mit dem Deutsch. Könnte ja sein, dass das Chinesen sind, die für den europäischen Markt zurechtgeschminkt wurden.

Ich lese jetzt mehr Zeitung. In der BZ habe ich folgenden Satz gelesen: „Rene Kollo haust am Holocaust-Mahnmal.“ Welch Absturz für den einstigen King of leichte Muse. Aber leider, so wird im dem Artikel weiter ausgeführt, singt jetzt ein Chinese seinen Part. Der ist billiger und trällert das hohe C (!) fast genauso hoch wie der Deutsche an sich.

Die zukünftige Regierung soll auch nur noch aus Chinesen bestehen. Besser gesagt wird die outgesourct. Die haben irgendwo im Südwesten des Reiches der Mitte einen 1:1 Nachbau des Reichstags aufgebaut. Total günstig und alles in 1,5 Jahren, da wäre hier das Baugenehmigungsverfahren in den Kinderschuhen. Da sitzt jetzt die Regierung und arbeitet. Nebst 600 chinesischen Billig-Bundestagsabgeordneten. Alles viel günstiger. Für umgerechnet 200 Euro im Monat. Und die schwänzen keine Debatte oder Ausschusssitzung. Passt doch auch: Von Berlin-Mitte nach Reich-Mitte.

Hier wird nicht mehr viel passieren. Im Moment überlegen die sogar, ob die nicht Deutschland komplett nach China verlegen. Passen würde es ja. Und sogar einige Male. Das Leben ist doch hier viel zu teuer. Hat nicht mal der altchinesische Drachengott Helmut Kohl über den Freizeitpark Deutschland sinniert? Das wäre doch die Chance für unser schönes Land:

Vollständiges Outsourcing der Bundesrepublik nach China. Dort detailgetreuer Nachbau als eine Art Deutschnyland. Arbeitslosengeld II statt Micky Mäuse, Alt-Platte statt Neuschwanstein und Hartz 4-Kings statt Ludwig II. Und das supertolle: Alle hätte wieder einen Job als Statisten für chinesische Touristen. Sogar die Arbeitslosen. Die spielen dann einfach Arbeitslose. Bei der langjährigen Erfahrung ist das ein Klacks für die.

Ich stehe dann immer noch an der Kasse eines Mediamarkt-Nachbaus in einem Nachbau eines gesichtslosen deutschen Industriegebiets. Das ist das Paradies: Hier verlieren nur Industriegebiete ihr Gesicht und nicht die Menschen. Gestern zeigte mir ein chinesischer Tourist das chinesische Zeichen für Glück: € – ich habe verstanden.

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