Er ist wieder da.

Thilo Sarrazin – das Zahlenmonster, die Mutter aller Technokraten, das Schreckgespenst der SPD ist wieder da. Und zwar genau da, wo er schon einmal eine Bühne fand: in der BILD Zeitung. Nach „Deutschland schafft sich ab“ heißt es diesmal „Wir schaffen das nicht“ – Im Grunde das gleiche Thema, nur aus einem (etwas) anderem Blickwinkel und unter den aktuellen Rahmenbedingungen der Flüchtlingskrise betrachtet.

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Im Grunde wärmt Thilo Sarrazin seinen alten Klassiker auf und kann ihn mit neuen Zahlen füttern. Zahlen und Statistiken liebt der unsozialdemokratischste SPD-Mann des Landes, denn dahinter verschwinden Schicksalen und Menschen so schön. In wundervollster Weltuntergangs-Prosa wird das Ende unserer Kultur gepredigt, so wie bei der AfD oder den leider unzähligen unsäglichen Pegida und Co. Demonstrationen. Überhaupt hat das Sarrazin Buch schon vor Jahren viele Argumentationshilfen für die geistigen Brandstifter von Bachmann über von Storch bis zu Höcke geliefert. Teilweise auch mit rassistischen Argumentationen. Auch in dem ersten Abdruck heute in der BILD werden Menschen muslimischen Glaubens qua Abstammung abgesprochen in einer demokratischen Gesellschaft leben zu können. Also alles wie gehabt.

Neu ist vielleicht nur, dass gerade die BILD, die erst im Spätsommer/Frühherbst letzten Jahres ihre große Flüchtlingshilfs-Aktion „Wir helfen“ ins Leben gerufen hatte, nun wieder einem Vordenker der Ausländerfeinde breiten Raum gewährt. Vor allem, ohne dessen Aussagen redaktionell zu begleiten. Ohne Einordnung kann Sarrazin seine Thesen verbreiten, die daraus hinauslaufen, dass die Menschen, die bei uns Schutz suchen eine Gefahr für uns und unsere freie Gesellschaftsordnung darstellen. Deutschland schafft sich ab – jetzt nur noch doppelt so schnell. Die BILD kann abdrucken, was sie will, aber sie muss auch die Verantwortung dafür übernehmen. Zwischen kritischer Berichterstattung zum Thema Integration und geistiger Brandstiftung im Sinne eines Thilo Sarrazin liegen jedoch Welten. Man fragt sich: wo ist der Lernprozess? Müssen erst wieder etliche Flüchtlingsheime brennen?

Eines lässt sich nach einer Diskussion mit einem Parlaments-Redakteur der BILD schon heute feststellen: Übernahme von Verantwortung? Keine Spur. Verbreitung von Thesen, die Rechtsradikalen Argumente liefern? Das ist doch nur Kritik am Merkel-Kurs! Überhaupt deckte meine Diskussion (soweit das auf Twitter überhaupt möglich ist) nur den Zynismus und die Selbstgerechtigkeit einer Medienmacht auf, die sich (O-Ton) „mit 16 Millionen“ Lesern brüstet. Wer so viele Leser hat, hat eben immer recht. Punkt.

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Sowieso sind alle Kritiker per se verblendete Linke, die nur Vorurteile haben. Sobald man auf der Sachebene nicht weiterkommt, wird der Diskussionsgegner eben zu jemandem erklärt, der nur seine weltfremden Vorurteile bei einem Mitarbeiter des Axel Springer Verlags loswerden will. Die Welt wird genau so in schwarz und weiß eingeteilt, wie das einem selbst ständig vorgeworfen wird. Ein BILD Redakteur hat dagegen ein differenziertes Weltbild, während man selbst als eine Art Alt-68er hingestellt wird, der alles hasst, was von der BILD kommt. BILD-Redakteure machen es sich also gerne genau so einfach, wie manche der BILD-Hasser.

Dabei würde man sich doch nur mal ein Funken Übernahme von Verantwortung wünschen. Wer manche Kommentar-Spalte auf bild.de liest, der erschreckt vor dem versammelten Mob aus AfD und Pegida-Anhängern, die dort ihre sattsam bekannten „Argumente“ loslassen. Gerade wer sich mit 16 Millionen Lesern brüstet, sollte auch menschlich in der Lage sein, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Journalisten sind sowieso schon gerne Besserwisser, die BILD hat daraus aber ein unerträgliche Zynismus-Maschine gemacht, deren Ton von Kai Diekmann und Julian Reichelt vorgegeben wird: Frech, aggressiv und immer im Recht und getragen von der Macht eines erfolgreichen Verlags. Da kann man schon mal Allmachts-Fantasien entwickeln, andere Meinung abkanzeln und Kritiker platt machen. Denn wer braucht schon Argumente, wenn er 16 Millionen Leser hat? Niemand (denkt man wohl bei der BILD):

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In diesem Sinne gleichen sie verbohrten Pegida-Anhängern, mit denen man auch nicht diskutieren kann. Und in dem Sinne macht es auch Sinn mit jemandem wie Thilo Sarrazin weiter zu zündeln und dem Teil der 16 Millionen Leser von Rechtsaußen (und deren Sympathisanten) Argumente für Fremdenhass zu liefern. Aber damit hat BILD ja nichts zu tun, die liefern nur einen Beitrag zu einer Debatte – wir dürfen gespannt sein, was man in Dresden oder Freital aus solchen “Debatten-Beiträgen” macht…

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