Ein neuer Konservatismus muss her.

Gestern Abend stand der Spitzenkandidat der AfD in Rheinland-Pfalz Uwe Junge gut gelaunt in den Wahlstudios und feierte seinen Sieg. Uwe Junge ist Oberstleutnant der Bundeswehr und war lange Mitglied der CDU, bis er sich der AfD zuwandte. Junge ist ein Prototyp der AfD, kein Nazi wahrscheinlich, aber sehr konservativ. Zumindest kann man das für Länder wie Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz sagen. Menschen, die jahrelang oder gar Jahrzehnte CDU wählten, entscheiden sich jetzt lieber für die erzkonservative Alternative für Deutschland. So wie früher die CDU mal war: gegen Homo-Ehe, gegen Einwanderung und für manche Deutschtümelei mit braunen Tendenzen. So war das in den 80ern, während die CDU von heute sogar bei Grünen-Wählern beliebt ist. Das hat mit Konservatismus nichts mehr zu tun. Solche Leute wurden früher von der CDU und heute noch teilweise von der CSU abgeholt. Aber die Bindung löst sich auf.

Woher ich das weiß? Ich bin selber in einer Offizier-Familie aufgewachsen. Und ich war selbst einige Jahre in der Bundeswehr und habe strukturellen Konservatismus erlebt. Als ich Offiziersanwärter war, standen dort Autos auf dem Parkplatz mit Aufklebern, die die Umrisse Ostpreußens zeigten. Überschrift (natürlich in Fraktur): „Deutsches Land in Fremder Hand.“ Aufgeregt hat sich darüber niemand. Dabei hatte die Bundesregierung schon in den Ostverträgen auf die ehemaligen deutschen Gebiete wie Ostpreußen verzichtet. Hier durfte aber noch offen von Deutschland in den Grenzen von 1937 geträumt werden. Unvergessen ist mir auch der Appell zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. Der damalige Kommandeur der Panzertruppenschule durfte damals unwidersprochen verkünden: „Heute ist Mitteldeutschland der Bundesrepublik beigetreten, ich betone: Mitteldeutschland.“ Auch hier lebte der Traum vom Deutschen Reich offen und fröhlich weiter.

Solche Menschen gibt es heute immer noch. Ob in Uniform oder ohne. Bis jetzt waren CDU Rechtsaußen wie Erika Steinbach dafür zuständig, diesen Wählern eine Heimat zu geben. Selbst wenn sie aus der vor langer Zeit mal vertrieben wurden. Man kann ihre Dauer-Provokationen in sozialen Netzwerken als verzweifelten Versuch sehen, diesen Zeitgeist in der CDU weiter zu pflegen. Vergeblich natürlich (hoffentlich). Unter einem Helmut Kohl der 80er wäre die CDU von heute wahrscheinlich als linksradikale Vereinigung eingestuft worden. Und für Frau Steinbach und ihre Anhänger muss es unglaublich klingen, wenn Merkel die Grenzen öffnet und es gutheißt, wenn Homosexuelle Lebenspartnerschaften eingehen dürfen. Sodom und Gomorrha in unserem schönen Heimatland.

Vielleicht bin ich ein eher links gerichteter Mensch geworden, weil ich eben so konservativ aufgewachsen bin. Mein Vater flippte aus, als mein älterer Bruder die Grünen wählte. Das gehörte sich nicht, das waren Terroristen und Friedens-Utopisten. Wenn man heute Kretschmann sieht, bringt man das nicht mehr zusammen. Der wirkt ja staatstragender als Julia Klöckner und Reiner Haseloff zusammen und hat mehr Format, als viele konservative Politiker (wobei Kretschmann wahrscheinlich der Prototyp eines liberalen Konservativen ist). Wie gesagt: Konservatismus muss ja nicht gleich schlecht sein. Er darf eben nicht, wie bei der AfD, als Vehikel dienen, um gleichzeitig Fremdenhass zu schüren.

Überhaupt: Früher fand man konservative Meinungen nicht nur in obskur rechten Blättern wie Compact oder Junge Freiheit. Nein, man fand sie zum Beispiel in der Welt am Sonntag. Mein damaliger Professor für politische Philosophie sagte mal: „Lest nicht die Zeitung deren Meinung ihr teilt, lest die Zeitung, deren Meinung ihr nicht teilt.“ Denn Begriff Filter-Bubble gab es zwar noch nicht, aber er holte mich da raus. Viele Jahre kaufte ich sonntags die WamS und ärgerte mich über das konservative Weltbild darin. Nach langer Zeit machte ich das letztens wieder. Und siehe da: die Zeitung war modern, hatte interessante Berichte und regte mich überhaupt nicht mehr auf. Die WamS war der Blatt gewordene moderne Konservatismus. Nervend, aber immer auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung.

Bis jetzt konnte die CDU alle Versuche abwehren, rechts von ihr eine Partei zu etablieren. Ich bin mir sicher, dass die CDU schon bald nach rechts rücken wird. Julia Klöckner gerierte sich ja schon wie Seehofer als AfD-Light: Geschlossene Grenzen ja, Schießbefehl nein. Was der CDU von heute fehlt ist die richtige Balance zwischen Modernität und Konservatismus. Sie steht irgendwo verloren im Niemandsland und hat das, was früher mal konservativ war, Spinnern, Frustrierten und Pseudo-Nazis überlassen. Vielleicht wäre es mal an der Zeit, dass sich die Christdemokaraten dieses Terrain  zurückholen.

Und vielleicht kann man sich sogar irgendwann über die Welt am Sonntag aufregen – und zwar nicht wegen der nächsten dümmlichen Clickbaiting-Headline im Internet.

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