Woher soll das Vertrauen kommen?

Es ist der der erste Morgen nach der Abstimmung über Olympische Spiele in Hamburg. Eine knappe Mehrheit hat sich gegen diese Sportveranstaltung ausgesprochen. Wie jeden Morgen checke ich als erstes die Nachrichtenseiten auf meinem iPhone. Auch die BILD titelt groß mit einem sportlichen Thema: Warum Tuchel Hummels auf der Bank schmoren ließ. Vielleicht zeigt diese Anekdote, woran es liegt, dass wir Menschen nicht mehr für die Spiele begeistern können: Deutschland ist sportlich zu einer Monokultur verkommen. Die Menschen da draußen interessieren sich nicht mehr für modernen Fünfkampf, Ringen im griechisch-römischen Stil oder Rhythmische Sportgymnastik. Alles was ihre Aufmerksamkeit absorbiert ist: Fußball.

Wahrscheinlich werden wir uns jetzt 2024 eben auf die Fußball-EM in unserem Land freuen dürfen. Sehr wahrscheinlich wird dann auch in Hamburg gespielt und kann sich auf einen der größten Sport-Events der Welt freuen. Natürlich würde auch ich mich sehr freuen, wenn die EURO nach Deutschland kommt. Schließlich bin ich kein Wutbürger, der gegen alles und jedes ist. Im Gegenteil. Ich könnte mich für eine Randbebauung des Tempelhofer Felds in Berlin erwärmen und ich habe auch nichts gegen Großprojekte. Ich freue mich, wenn Stuttgart21 irgendwann mal eingeweiht wird oder die Elbphilharmonie ihre feierliche Eröffnung feiert. Noch mehr gefreut hätte ich mich allerdings, wenn das visionäre Musikhaus nicht zehn Mal so teuer geworden wäre, wie ursprünglich geplant.

Vielleicht haben das die Befürworter von Olympia 2024 einfach nicht auf dem Zettel gehabt: In den letzten Jahren wurde nicht ein einziges deutsches Großprojekt im Kosten- oder Zeitrahmen fertiggestellt. Wie soll man da glauben, dass dies dann in der Hansestadt gelingen sollte? Wie viele kann ich mich da nicht begeistern und sagen: In 9 Jahren stampfen die einen neuen Stadtteil nebst diversen Stadien und Hallen aus dem Boden. Natürlich plus der Infrastruktur, die dazu nötig ist, diese an die Stadt anzubinden. Vertrauen erwirbt man nicht durch tolle Computer-Animationen, bei denen mal schnell aus einem Hafen ein Olympiapark wird. Oder durch Powerpoint-Präsentationen, in denen mal schnell durchgerechnet wird, wie gut alles durchgerechnet wurde. Woher soll dieses Vertrauen kommen?

Zudem ist der Sport in einer Krise. Korruption und Doping beherrschen nahezu alle großen Sportverbände. Ältere Herrschaften geben die immer gleichen Plattitüden des olympischen Sportsgeists von sich. Dabei weiß jeder, dass die vollkommen inhaltsleer geworden sind. Gerade eben wurde der gesamte russische Leichtathletik-Verband bis auf weiteres von den Spielen 2016 ausgeschlossen. Auch hier fragt man sich: wie soll Vertrauen entstehen, wenn eigentlich ständig aufgezeigt wird, dass unser jetziges System des Sports dringend reformiert werden müsste. Dopingkontrollen scheinen nicht zu wirken und Bestechung scheint gang und gäbe zu sein. Daran hätten auch Spiele in Hamburg nichts geändert. Im Grunde müsste man sich überlegen, was solchen Events eigentlich noch bedeuten?

Denn die Jugend der Welt trifft sich heute ständig irgendwo im Netz und tauscht sich aus. Ohne Betrug, korrupte Funktionäre und Bauten, die man nach zwei Wochen nicht mehr braucht. Ohne Stadtteile, die von Großsponsoren kontrolliert werden. Wo man nicht mehr sein Bier trinken darf. Und ohne Karten, die sich viele Normal-Bürger nicht mehr leisten können. Olympische Spiele braucht heute nicht mehr die Jugend der Welt, sondern nur noch Unternehmen und Verbände, die daran Geld verdienen. Das haben nicht nur die Menschen in Hamburg gesehen, sondern auch in Oslo. Selbst Städte wie Toronto oder Boston sagten „Nein“. Ganz ohne Wutbürger. Auch hier haben Menschen den Sinn nicht gesehen. Warum sollen Steuerzahler die ganze Veranstaltung bezahlen und nur Unternehmen Gewinne machen? Damit man dafür eine bessere Infrastruktur bekommt?

Wenn Stadtentwicklung nur durch Olympia oder sonstige Großereignisse möglich ist, dazu noch auf Kosten des Bundes, dann hat Hamburg ganz andere Probleme. Apropos: Ich denke, viele Hamburger, die mit „nein“ gestimmt haben, sind bestimmt gerne bereit, aktiv mit dem Hamburger Senat über Stadtentwicklung zu sprechen. Wo kann man bezahlbaren Wohnraum schaffen? Wie kann man Gentrifizierung sozial verträglich gestalten? Auf welche Weise werden Flüchtlinge aufgenommen und integriert. Schon jetzt würde ohne die Hilfe tausender Freiwilliger im Bereich Flüchtlingspolitik nichts mehr gehen in der Hansestadt. Und die gleichen Politiker wollen dann ein Multi-Milliarden-Olympia-Programm auf die Reihe kriegen. Wo soll auch hier das Vertrauen herkommen?

Antworten dazu gab es nicht. Die Pro-Olympia-Kampagne war hohl oder inhaltsleer und käute nur die Argumente wieder, die sich schon oftmals als Scheinargumente herausgestellt hatten. Niemand konnte eigentlich sagen, warum die Spiele in Hamburg stattfinden sollten. Außer, dass Spiele eben ein unglaublicher Mythos sind. Ein Mythos, der schon lange nicht mehr glänzt.

 

Wer den Sport liebt, der braucht keine Olympischen Spiele. Der geht einfach raus und rennt bei Volksläufen mit. Der steht Sonntags morgens auf dem Ascheplatz oder in einer zugigen Turnhalle am Mittwoch Abend. Vielleicht sogar noch um 5 vor 12 in der Nacht. Die Uhr tickt, auch für glaubwürdigen Sport und glaubwürdige Spiele.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Share

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *