Was Sölden das bitte?

In dieser Woche war das Thema „Sexismus“ Programm. In fast allen wichtigen Talkshows des Landes wurde drüber und drunter geredet. Mal banal, mal aufgeregt, mal völlig am Thema vorbei. Es wurde marginalisiert, relativiert, abgewehrt oder eben schon Wahlkampf gemacht. Insbesondere letzteres zerstört sachliche Diskussionen im Keim. Talk-Sendungen tragen sowieso immer nur Tröpfchenweise etwas zu einer Debatte bei, diesmal beschränkte sich der Beitrag auf Homöopathische Dosen. Meine eigentlich überraschendste Erkenntnis dieser Woche: Ein über 80-jähriger Heiner Geissler hat ein moderneres Gesellschafts- und Frauenbild, als so mancher weitaus jüngerer Mann. Auf der anderen Seite auch wieder erschreckend.

Fast unbemerkt strahlte Pro7 gestern einen Themenabend Sexismus aus, der leider von den richtigen Leuten gar nicht bemerkt wurde (einfach weil die Solche Sendungen nicht schauen). Eins vorweg: das Format „The Beauty and the Nerd“ ist menschenverachtende Kackscheiße. Im Grunde schlimmer als das Dschungelcamp. In dieser Sendung tummeln sich die typischen mediengeilen Durchschnittsschönheiten aus den Friseursalons und Arztpraxen-Vorzimmern der Nation. Das ganze garniert, mit echten oder gecasteten Männern, die sinnbildlich für die Krise des Mannes stehen. Hier gleichförmig gemachte Frauen der so genannten Individualgesellschaft, dort Jungs, die jetzt in dieser Gleichförmigkeitsmaschine Fernsehen entindividualisiert werden sollen. Beauty and the Nerd ist vollkommen Idee befreites Voyeur-Programm für die zynische Social-TV Meute da draußen. Nerds mit einem eigenen Stil werden vorgeführt, während auf der anderen Seite junge Frauen – die vollkommen angepasst sind – als Prototyp des (sexuellen) Erfolgs dargestellt werden. In beiderlei Hinsicht ein einziger Horror. Wichtigste Frage: hat sich Pro7 wenigstens mit RTL die Kosten für die Bachelor-Villa in Südafrika geteilt?

Gleich danach ging „We love Sölden“ auf Sendung. Dieses Scipted Reality Format um eine Gruppe desperater Ruhrgebiets-Gigolos und deren weiblichen Pendants funktioniert nach dem klassischen Schema. Jungs machen Mädchen klar, oder wie einer der Protagonisten mit Blick auf den Whirlpool meinte: „Hier werden die Hühner weggeflankt.“ In Sölden ist Alkohol der Treibstoff des Triebs. Die Mädchen machen sich die Brüste und ansonsten wenig aus der Sexismus-Diskussion. Hier stimmt das Leben noch: die Chicks werden zunächst mal nach den körperlichen Parametern abgecheckt und auch die Damen sind im Grunde nur damit beschäftigt Männern zu gefallen. Es stört sie auch gar nicht und ein Dirndl-Spruch ala Brüderle ist in dieser Welt wahrscheinlich das höflichste, was man so hört. Wahrscheinlich müsste mal Lory Glory, Bauer, Maikiboy und dem Polen erst mal erklären, was eine Tanzkarte ist. Denn der Dancefloor in den Söldener Großraum-Diskotheken dient vorzugweise als Basis für einen „Trockenfick.“

Ich zappte einige Male zwischen Illner und „We love Sölden“ hinterher. Zum einen, weil ja eigentlich schon alles nicht gesagt wurde zum #aufschrei, zum anderen weil die Aussagen der Diskutanten so wunderbar konterkariert wurden, durch das Bumsfallera auf Pro7. Während Maybritt Illner darüber philosophiert , dass junge Männer von heute doch mit einem anderen Frauenbild aufwachsen, werden in Sölden die Chicks weggeflankt – von Twentysomethings. Hier regt sich Claudia Roth über den Begriff „linke Fotze“ auf, dort gehört so ein F-Wort zum Standard-Vokabular. Auf der ARD sinniert man über den Zusammenhang von Wein, Brüderle und verbaler Übergriffigkeit und auf Pro7 fließt der Alkohol in Strömen und die Tanzfläche wird zum „Trockenfick“-Revier. Durch das Zappen wurde manches klarer.

In diesen Momenten hat man gesehen, dass es parallele Wirklichkeiten gibt. Auch wenn Pro7 eine Scripted Reality Geschichte erzählt, so wird doch auch dadurch viel über das Frauen- und Männerbild klar. Vor allem das Bild der Programmmacher.

 

 

 

Share

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *