Zeit für ein #Ichgate

Die Aufregung über das Taschengate zeigt, dass es Zeit ist sich mal über Aufregung aufzuregen. Denn die Empörungskultur ist eine Kultur des Scheiterns. Höchste Zeit für ein #Ichgate.

Wir sind immer informierter, so können wir mit immer mehr Informationen unsere Welt noch besser an den Abgrund bringen. Aber natürlich nicht ich, sondern immer die anderen. Irgendwie ist dies genau das Mantra unserer Gesellschaft. Alle halten sich für besonders gut und weltrettend. Sie leben vegan und wollen auch sicher gehen, dass dies auch der sündhaft teure Kapsel-Kaffee ist, den sie trinken. Und der gleichzeitig für irrwitzige Müllberge sorgt. Sie fahren Fahrrad, aber für jede Fernreise nehmen sie das besonders CO2 freundliche Flugzeug. Sie sind extrem gegen Kinderarbeit, aber kaufen bei H&M ein. Der Arbeitsbedingungen bei Amazon sind wirklich schlimm, aber wenn da die DVD 3€ günstiger ist, kauft man sie eben doch da ein. Und Zalando ist einfach so praktisch, da kann man die Sachen bei Nichtgefallen zurückschicken. Von mies bezahlten Paketboten. Irgendjemand zahlt halt immer den Preis für unseren Lebensstandard: das Kind in Indien, die Umwelt in China oder der freundliche Niedriglohnarbeiter von Nebenan.

Wir alle führen ein mehr oder weniger schizophrenes Leben. Wir wollen jeder ein Gutmensch sein und schaffen es doch nicht. Wir sind besser informiert über alle Ungerechtigkeiten dieser Welt, aber nicht bereit etwas dagegen zu tun, als uns aufzuregen. Gestern las ich einen Bericht, dass Wähler der Grünen öfter mit dem Flugzeug reisen, als Wähler anderer Parteien. Das erklärt auch die überdurchschnittliche SUV Dichte im Prenzlauer Berg, wenn da sonst schon alles Bio ist. Wir alle wissen, dass wir nicht immer so leben, wie es sein müsste um Ressourcen zu schonen oder um menschenwürdige Arbeit in Billiglohnländern möglich zu machen. Davon kann sich keiner – auch ich nicht – freimachen. Auch ich kaufe Kleidung, von der ich nicht weiß, wie sie produziert wurde. Ich kaufe Obst und Gemüse nicht nur regional ein, sondern aus Spanien, obwohl ich weiß, welche Wasserverschwendung in den andalusischen Anbaugebieten herrscht. Diese Liste ließe sich noch ohne Probleme verlängern.

Diese Schizophrenie, zu wissen, dass man selbst ständig Dinge tut, die unserer Umwelt und anderen Menschen nicht gut tun, sucht sich immer wieder ein Ventil. Wie jetzt beim sogenannten #Taschengate. Warum regen wir uns so gerne auf? Weil es gut tut, die Fehler immer bei den anderen zu suchen, statt bei sich selbst. DM ist schuld. Oder Amazon. Oder Zalando. Nicht ich. Die Empörungskultur ist gleichsam eine Kultur des Scheiterns. Der Shitstorm gegen Amazon hat nur dazu geführt, dass die danach das Umsatzstärkste Jahr hatten. Hermes oder DHL sind auch nicht Pleite gegangen. Und auch der DM Drogeriemarkt wird eher wachsen statt Insolvenz anmelden. Die Empörung in Internet ist wie der Kampf Don Quixotes gegen Windmühlen: für den Augenblick vielleicht befriedigend, aber im Endeffekt vollkommen nutzlos. Die Geschichte der Facebook-Gruppen ist eine Geschichte voller Rohrkrepierer: Guttenberg kam nicht zurück, Wetten dass…? weiter tot und die Hunde in der Ukraine wurden weiter massakriert.

Jeder, der sich über eine vermeintlich nicht fair hergestellte Tasche bei DM aufregt, sollte vielleicht zunächst seine Kapselkaffeemaschine aus dem Fenster werfen, die Primark-Einkäufe zur Altkleider-Tonne bringen und einfach mal auf den Winter-Urlaub auf Bali verzichten. Wahrscheinlich tut er dann mehr für die Weltrettung, als sich nur zu empören. Aber das ist ja einfacher, als wirklich etwas zu ändern.

Darum wäre es Zeit, wenn wir uns einfach mal über uns selbst empören. Zeit für das #Ichgate.

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5 thoughts on “Zeit für ein #Ichgate”

  1. Also mir ging es bei der Aufregung gar nicht um fair oderr nicht sondern um transparenz. Ich würde so ne Tasche kaufen wiel ich manomama als Projekt toll finde. Selbst wenn ich die Tasche nicht zwingend brauche. Ich verbinde mit dieser dm tasche direkte Unterstützung von manomama. Und wenn es auf einmal ohne info darüber die nahezu identischen taschen gibt ohne dass sie von manomama hergestellt werden, ist das nunmal ne Täuschung. Und das regt mich auf.

  2. Ich trinke keinen Kaffee – hab folglich keine Kapselmaschine. Ich hab keine Klamotten vom Primark und ich mach keinen Urlaub auf Bali. Ich hab nicht mal nen Auto oder gar einen Führerschein. Aber ich bin weder “Öko” noch Vegan oder ähnliches. Mist, wieder was an dem ich arbeiten muss, ne? 😛

    Mal ganz ehrlich, diese Schubladenscheiße kotzt mich langsam echt an.

    Ich hab eine von diesem DM-Taschen, irgendwo in einer Schublade liegt die rum, wüsste jetzt auf Anhieb gar nicht wo. Die hab ich nicht mal selbst gekauft, sprich: Geld dafür bezahlt. Ich habe die mitgenommen weil ich einen Gutschein dafür hatte.
    Manomama’s Konzept ist ganz nett, aber ich find die Klamotten nicht unbedingt der Bringer und mir persönlich sind sie das Geld nicht wert – Bevor sich da jetzt wieder einer aufregt: Das kann jeder sehen wie er will, so ist eben meine Meinung und wem die nicht passt soll sich eine eigene holen 😉
    ABER: Auch ich finde das was DM da macht nicht so schön.

    Die Taschen sind so beliebt wegen Manomama, wegen dem Konzept was dahinter steht. Ich verstehe dass die Leute diese Taschen gerne kaufen, es ist halt einfach. Sie können so das Konzept Really Made in Germany und Manomama unterstützen und müssen nicht viel tun oder viel Geld investieren.

    DM lässt nun Taschen die auf den ersten Blick gleich aussehen in Indien produzieren ohne das vorher offiziell zu kommunizieren oder das an der Kasse irgendwie kenntlich zu machen. Der Shitstorm wäre früher oder später eh gekommen, egal wer das entdeckt hätte. Denn diese Methode ist schon irgendwie Kundenverarsche. Denn immerhin kaufen die meisten Leute diese Taschen aus dem oben genannten Grund. Und wenn sie dann plötzlich eine Tasche aus Indien zuhause haben, da kann man schon mal zu recht verärgert sein. Finde ich.

    Für Manomama ist das teilweise rufschädigend. Die hat schon Anfragen bekommen ob sie jetzt plötzlich in Indien produziert oder produzieren lässt.

    Wie DM nun damit umgeht finde ich auch nicht sehr schön. Denn selbst gestern hat DM das nicht richtig öffentlich kommuniziert. Es kommt mir so vor als wenn man das möglichst unterm Deckmäntelchen halten will. Da gab es keine öffentliche Stellungnahme, für jedermann lesbar auf der Facebookseite – das wurde als Antwort unter den fragenden Nutzerposts gepostet. Das las nur, wer da auch gepostet hat oder drauf geachtet hat. Denn die Nutzerposts sind ja auch nicht auf den ersten Blick zu finden, die sind versteckt in einem Kästchen am Seitenrand.
    Bloß nicht noch die Menschen aufschrecken, die davon nichts mitbekommen haben *hüstl*

    Diesen Blogpost und so manchen Kommentar bei Twitter oder den Zeitungen sehe ich eher in der Sparte “Oh, da ist wieder ein Thema über das ich mich abfällig äußern kann *händereib*”

  3. Wo ist denn hier getäuscht worden? Stand und steht doch alles auf dem Anhänger drauf. Wenn DM die Anhänger von manomama genommen hätte, dann hätte ich die Aufregung verstanden. In Afrika verhungern Kinder und wir haben die Probleme.

  4. Und auch wenn dieser Artikel suggeriert, dass sowieso jede Aufregung vermeintlich umsonst ist, da wir alle ja nur arme Würstchen sind, die nichts vermögen und sowieso selbst genug Dreck am Stecken und eigene Probleme haben: das Wegschauen ist keine Option, das Akzeptieren erst recht nicht. Seine wir lieber froh, dass es in der Vergangenheit immer wieder Menschen gab, die sich aus dem flauschig weichen Schoss der Gleichgültigkeit herausgetraut haben. Wer weiss, wo wir sonst heute wären.

  5. Ein sehr treffender und kluger Kommentar. Das Twittergates sind inzwischen die Oma-Fensterbank des Internets: Man kann es sich dort trefflich gemutlich machen, alles von erhöhter Position benörgeln und anschließend entspannt das Fenster schließen und die Katze streicheln.

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