Die Wohlstandsmauer muss weg.

Die Lichtgrenze ist das wichtigste Kunst-Happening in Berlin, seit Christo den Reichstag verhüllte. Berlin ist heute wie damals ein Ort, der wie kein anderer nicht an seiner jüngeren Geschichte vorbeikommt. Kein Wunder, viele Jahre stand man ja auch vor einer Mauer, die alles umschloss. Zum 25. Jubiläum des Mauerfalls erleuchtet nun die Lichtgrenze über 15 Kilometer Länge den Verlauf der Mauer innerhalb der ehemals geteilten Stadt.

Ich selbst war an vielen prominenten Orten, wie dem Brandenburger Tor, dem Checkpoint Charlie oder dem Reichstag. Mit mir waren unzählige Menschen auf der Straße, die noch einmal erleben konnten, wo früher zwei Systeme aufeinanderprallten. Es herrschte eine aufgeregt-fröhliche Stimmung, man stieß mit Sekt an und viele fotografierten die Lichtinstallation. Wo früher Teilung herrschte, war nun ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen konnten, um Geschichte zu erleben. Eine wirklich gelungene Aktion, um den Mauerfall zu begehen.

Abseits der ganz großen Orte des Gedenkens war ich auch unterwegs und kam an eine Stelle am Nordhafen, wo Mitte und Wedding bis 1989 durch eine Mauer geteilt wurden.

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Direkt hinter der Lichtgrenze stand hier zwar keine Mauer an sich, dafür aber typische Townhouses (für jeden Geschmack, ab 500.000 Euro aufwärts) auf der Seite von Berlin-Mitte. Wie an vielen Orten des Bezirks, so entstehen auch hier Häuser und Wohnungen für Menschen, die es sich leisten können. Letztens sah ich das Angebot einer 138qm großen Wohnung für 1 Million Euro: Engel & Völkers – schaut auf diese Stadt.

Das Bild blieb mir im Kopf hängen, zeigt es doch die Teilung der Stadt nach der Berliner Mauer, die in den letzten Jahren eher zu- als abnimmt. Menschen mit geringem oder auch normalem Einkommen, können sich die Mieten in den Innenstadtbezirken nicht mehr leisten und ziehen in sogenannte Verdrängungsbezirke um. Zum Beispiel dem Wedding. Wer wie ich (noch) in Mitte lebt und oft im Wedding unterwegs ist, der weiß, dass zwischen 2 Kilometern Luftlinie Welten liegen, die nichts miteinander zu tun haben. Die betucht-urbane Wohlfühlwelt von Mitte, zwischen Yoga-Studios, Designer-Lofts und Bio-Läden, hat nichts mit dem (immer noch) Innenstadt-Ghetto Wedding zu tun, das sich gerade in der 1. Gentrifizierungs-Phase befindet.

Die Menschen aus dem Wedding sind wahrscheinlich genau so oft in Mitte, wie DDR-Bürger früher im Wedding. Kaum bis gar nicht. Denn nur weil es keine sichtbaren Mauer mehr gibt, heißt dies ja nicht, dass keine Mauern mehr vorhanden sind. Vielleicht sogar viel stabiler und höher, als es der sogenannte antifaschistische Schutzwall je war. Und ohne Beton, zementierter. Die Segregation der Bewohner Berlins wird gerade wieder stärker. Es stimmt natürlich: jeder kann überall hingehen, aber nicht jeder ist überall willkommen. Dabei sollte Freiheit auch immer die Freiheit des andersverdienenden sein.

Man sollte bei aller berechtigten Begeisterung über das Ende der Teilung nicht vergessen, dass gerade insbesondere in Berlin eine neue Form der Teilung erschaffen wird. Jenseits aller Festreden ist dies eine Aufgabe, die der neue Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, ab Dezember anpacken muss. Schließlich sollten gerade bei einem Sozialdemokraten teilen etwas anderen bedeuten, als trennen.

 

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