Ein Schachzug nach Nirgendwo.

Der Bahnstreik teilt Deutschland und dies ausgerechnet genau 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. Die einen sind empört über den 4-tägigen Ausstand, wieder an einem Wochenende, wovon abermals viele Pendler betroffen sind und gerade jene, die zu den Jubiläums-Feierlichkeiten in Berlin reisen wollten. Die anderen betonen das Grundrecht auf Streik und sehen eine große Notwendigkeit, dass die Löhne der Lokführer steigen (die übrigens wir dann mit höheren Preisen für Fahrkarten bezahlen – höre jetzt schon den #Aufschrei). Die Veröffentlichung der Telefonnummer von Claus Weselsky durch Boulevard-Medien ist dabei mehr als eine Randnotiz. Leider muss man sagen, dass dies nicht die erste Telefonnummer war, die u.a. die BILD veröffentlichte und es wird auch nicht die letzte sein. Volkszorn braucht eben laut Meinung von Kai Diekmann und anderen Chefredakteuren ein Ventil. Aber darum soll es hier gar nicht gehen.

Vor einem Jahr bin ich nach Braunschweig gefahren. Hin mit dem Fernbus und zurück mit der Bahn. Die Busfahrt kostete 7€ und die Bahnfahrt 36€. Zeitlich sparte ich mit der Bahn (musste einmal umsteigen) gut 30 Minuten gegenüber dem Bus. Der Zug brauchte 1:58h, der Fernbus für die Strecke 2:30h laut Fahrplan. Dafür musste ich aber eben viel tiefer in die Tasche greifen. Da ich vorher noch nie Bus gefahren bin – wer einmal am irgendwie schmuddeligen ZOB in Berlin stand, weiß auch warum – war ich entsprechend misstrauisch. Fahren da nur Leute mit, die sich die Bahn nicht leisten können? Ist das also eine Art arme Leute Fortbewegungsmittel, wie der Greyhound in den USA? Der Zentrale Omnibusbahnhof in Berlin ist alles, nur nicht zentral. Er befindet sich jwd tiefst im Westen, strategisch günstig bei der Auffahrt zur Stadtautobahn. Der Bus war sauber, die Mitfahrer ganz normal und der Bus sogar 15 Minuten zu früh an seinem Ziel, direkt am Hauptbahnhof Braunschweig. Es gab sogar funktionierendes WLAN, etwas, was ich bei der Bahn noch nie erlebt habe. Viele meiner Vorurteile wurden also entkräftet.

Einen Tag später dann die Rückfahrt. Mein Zug hatte schon in Braunschweig über 30 Minuten Verspätung, so dass ich den Anschlusszug in Hannover verpasste, wo ich umsteigen musste. Meine Reservierung war hinfällig und erst nach langem Suchen fand ich einen freien Platz. Schließlich war ich über 3 Stunden unterwegs gewesen, statt knapp 2 Stunden. Zumindest kann man sich dafür heute einen Teil des Fahrpreises erstatten lassen. Aber auch das ist mit Aufwand verbunden und eigentlich will man ja nur halbwegs pünktlich ankommen und nicht danach noch Zeit aufwenden, um Geld zurückzubekommen.

Jetzt habe ich die Fahrt meines Schwiegervaters an Weihnachten organisiert. Das Zugticket hin und zurück kostet 156€. Ein Flug wäre halb so teuer gewesen, aber mein Schwiegervater ist schon so alt, er setzt sich lieber einfach in den Zug, als zum Flughafen zu fahren und dort zu boarden. Ein Bus hätte sogar nur einen Bruchteil gekostet, als die Bahn. Aber auf der längeren Strecke (Krefeld –Berlin) hätte der Bus deutlich länger gebraucht. Etwa 3 Stunden mehr, als die Bahn. Wenn sie pünktlich ist. Wem auf längeren Strecken die Zeitersparnis egal ist, der kann beim Umsteigen auf den Fernbus viel Geld sparen. Ich glaube, die größte Hemmschwelle bei vielen Deutschen ist im Moment noch das Gefühl, dass der Bus eben ein Mobilitätsangebot der 2. Klasse ist. Nur was für Studenten oder anderen Menschen mit beschränktem Budget. Das heißt, Fernbusse haben ein Image- und weniger ein Qualitäts-Problem.

Daher ist der Bahnstreik wahrscheinlich das Beste, was der Fernbus-Branche passieren kann. Viele Reisende, die aus den genannten Gründen den Bus nie nehmen würden, müssen ihn quasi zwangsweise ausprobieren. Sie sehen, dass der Komfort einer Reise nicht schlechter ist, als bei der Bahn. Ab und an sogar besser, jeder, der mal in einem alten IC saß, weiß, was ich meine.

Der Bahnstreik wird den Lokführern kurzfristig helfen. Mittel- und langfristig aber schaden. Konsequenz der höheren Gehälter werden höhere Fahrpreise sein. Die Schere zwischen den Fernbus-Tarifen und denen der Bahn wird immer größer werden. Auf mittellangen Strecken hat die Bahn kaum Zeitvorteile, die sie sogar (gefühlt) oft durch Verspätungen verliert. Die Folge kann sein, dass immer mehr Reisende auf Fernbusse umsteigen. Zumindest solange sie noch so günstig sind. Und: die Lokführer haben eine großen Imageschaden erlitten, egal wie berechtigt oder unberechtigt der Streik ist. Die Bahn ist eine Branche von der täglich Millionen abhängig sind, Kunden, die man nun vergrault. Das war früher vielleicht egal, weil es keine vernünftigen Alternativen gab, aber heute nicht mehr. Der Bahnstreik wird von der Mentalität eines Quasi-Monopolisten geführt, genau deswegen kann Claus Weselsky den Rambo der Gerechten aufführen. Was viele freut, weil es so scheint, als wenn es einer mal denen da oben so richtig zeigt. Das Gegenteil ist der Fall. Weselsky erweist den Lokführern einen Bärendienst. Leider ist seine Einsicht genau so verspätet, wie so mancher ICE.

 

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One thought on “Ein Schachzug nach Nirgendwo.”

  1. Ich finde Ihre Perspektive nicht unberechtigt, aber es ist die Perspektive eines gelegentlichen Fernreisenden. Ich pendel fast jeden Tag mit der Bahn, Hin- und Rückfahrt dauert nach Plan ca 1 Stunde, 20 Minuten. Jetzt beginnt die kalte Jahreszeit und die Verspätungen beginnen jetzt richtig, Totalausfälle, komplette Streckensperrungen über Stunden, Selbstmörder vor der Weihnachtszeit, usw… Und dann heisst es erstmal schön in der Kälte stehen, für warme Hallen oder Unterkünfte ist kein Geld vorhanden. Aber wer pendelt, weiss sich zu helfen, weil es total oft vorkommt.

    Gerade im Regionalverkehr wurden massiv Strecken gestrichen. Der Interregio ist zum Beispiel weggefallen. Bahnhofshallen dicht gemacht und es gibt auf den Bahnsteigen, teilweise nur ein paar Sitzplätze ohne Windschutz. Dafür werden Milliarden in S21 gebuttert, damit der ICE 5 Minuten schneller durchfährt.

    Den Bärendienst, den die Lokführer dem Fernverkehr erweisen, finde ich total positiv. Im Fernverkehr gibt es mit der Mitfahrzentrale, dem Fernbus und dem Flugzeug wirklich Alternativen. So fände ich eine Umorientierung des Fokusses zurück auf den Regionalverkehr wirklich begrüßenswert 🙂

    lg
    Bert

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