Das Shitstormgeschütz der Demokratie.

Die einzige wahre Festrede zum 20. Jubiläum von SPIEGEL Online:

Liebe äußerst friedvolle SPIEGEL Familie,

Rudolf Augstein nannte seinen SPIEGEL einmal zärtlich das „Sturmgeschütz der Demokratie“. Heute möchte ich mich deswegen ganz weit aus dem Browserfenster lehnen und SPON das Shitstormgeschütz des besten schlechtesten Herrschaftssystems nennen (frei nach Churchill). Dieses Ehrentitel hat es sich gerade in den letzten Monaten eifrig verdient. So hat doch gerade unser beliebtes Konzept SPIEGEL3.0 (3.0 steht hier nicht für Promille, die Zeiten des Journalismus sind ja nun vorbei) gezeigt, wie Troll gerade die Print-Redaktion eine enge „Verzahnung“ von Off- und Online findet.

Aber lassen sie uns zunächst einen Blick auf die Anfangstage von SPON werfen: damals im Kellerbüro neben den Toiletten, als die Spinner und Nerds mit ihren quietschenden 56K Modems niemand ernstnahm. Die durften erst ins Internet, wenn Rudolf Augstein fertig telefoniert hatte – und jeder, der Rudi noch kannte, weiß, wie lange er mit seiner Frau telefonierte… Spiegel TV hatte damals beim Blick in den Redaktionsraum spontan die Idee zur Sendung „Das Modem und der Freak“. Leider wurde davon nur ein Pilot gedreht – und der ist dann auch prompt in Streik getreten. Das war früher nicht anders als heute: der Lokruf des Geldes verdrehte schon damals jedem den Kopf. In ihrem Kellerbüro ohne Windows brannte ständig das Licht, denn die Datenautobahn hatte 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche geöffnet. Wirklich viel viel Arbeit. Da konnten die Print-Leute in den einschlägigen Kneipen schon gemütlich weiter recherchieren und sch zum Spesenritter schlagen lassen.

Ja, das waren goldene Zeiten des Journalismus. Man sendete ausschließlich und baute aus blöden Leserbriefen Papierflieger in Form der Concorde, die gerade so böse abgestürzt war. Auch die hehrsten Journalisten können an und für sich ganz zynisch sein. Die kaum beachteten und geachteten Kollegen von SPON, aber mussten sich von den Print-Redakteuren Sätze wie „Das liest doch keiner“ oder „Online machen doch nur die, die nicht gut genug für Print sind“ anhören. Schon damals zeigte sich die enge Verzahnung von Print und Online durch starke Bisse in die Büroschreibtischplatte. Print-Kollegen hielten sich nicht für was besseres, sondern für was viel besseres. Muhammad Ali wäre gegen die der bescheidenste Mensch der Welt gewesen.

Irgendwann aber fingen die Auflagenzahlen des Sturmgeschützes an zu bröckeln. Heute ist es eher ein schweres Maschinengewehr. Aber eher so ein altes, was man lieber den Kurden gibt, als damit eigene Rohrkrepierer zu produzieren. Heute begegnen sich Print- und Online-Redakteure sogar auf Augenhöhe. Wenn sie sich mal begegnen würden, denn aus der „engen Verzahnung“ von Print und Online sowie dem vielbeschworenen SPIEGEL3.0 ist ja nichts geworden. Im kalten Krieg nannte man das friedliche Ko-Existenz. Übrigens sitzt die Print-Redaktion im Ostflügel.

Lassen sie uns also unser Glas erheben (Faber Sekt, wir müssen schließlich sparen, wie bei G+J): 20 Jahre digitaler Journalismus haben aus SPON ein Vorzeige-Objekt gemacht – nur nicht im eigenen Haus. Ich erspare mir jetzt die Plattitüde vom Propheten im eigenen Neuland und appelliere an die Vernunft: reicht euch die Hand, aber öffnet vorher die geballte Faust, damit wir in nochmal 20 Jahren feiern können: 10 Jahre nach dem Ende des SPIEGEL – schön wars.

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