Content essen Seele auf.

Chuck Norris ist Textredakteur bei der Brigitte und ein Habicht holt eine Drohne vom Himmel. Was läuft eigentlich gerade falsch im Journalismus?

Lesen ist eine unheimlich beglückende Tätigkeit. Sie ist Informationsvermittlung oder auch nur Ablenkung. Sie kann im besten Falle eine Weltreise sein, bei der man sich keinen Zentimeter vom Fleck bewegt. Lesen hat Gesellschaften verändert, Revolutionen erst möglich gemacht. Luthers Thesen wären nichts gewesen, wenn er sie nicht auf ein Blatt Papier geschrieben hätte. Heute würde er sie wahrscheinlich ins Netz stellen und die Menschen würden es in sozialen Netzwerken teilen. Buzzfeed würde eine Liste posten: „95 Thesen, für die sich Menschen unter 25 überhaupt nicht mehr interessieren.“ Heftig würde vermutlich in typischer Clickbait-Lyrik sagen: “95 Thesen, die das Christentum auf den Kopf stellen, bei Nummer 34 trittst du endgültig aus der katholischen Kirche aus.“ Bei BILD Plus würde es heißen: „Exklusiv-Interview mit dem Ostdeutschen, der mit seinen Thesen Europa in Aufruhr bringt.“ Einen Tag später kann man das dann umsonst bei Focus Online nachlesen.

Lesen ist heute moderner und alltäglicher denn je. Wir machen es eben nur auf anderen Plattformen. Online, mobil eher nebenbei und in Häppchen statt Happen. Wir lieben Listen, die uns die Welt erklären. Vielleicht nicht die Welt, aber unsere. Die erste Welt. Lesen wird gleichzeitig immer individueller: ich lese Heribert Prantl und nicht die Süddeutsche. Oder Stefan Niggemeier, der seine eigene Marke geworden ist. Lese-Marken können über ihre Texter und Redakteure eigenes Profil gewinnen und ein Gesicht bekommen. Brands wie Spiegel, Bild oder eben auch Brigitte verlieren immer mehr an Gewicht. Online suchen Leser selbst nach Inhalten und Texten von bestimmten Schreibern. Orientierung bieten dabei immer weniger die Namen der Publikationen, denn Marken werden durch das Internet immer gleichförmiger:

Neben den üblichen News teilen heute alle journalistischen Angebote Inhalte wie „Habicht greift Drohne an“, „Frau läuft 10 Stunden durch New York und wird über 100mal belästigt“ oder „Carolin Kebekus parodiert Atemlos von Helene Fischer.“ Diese Inhalte teilen dazu noch etliche Blogs und natürlich meine Facebook-Freunde oder die Menschen denen ich bei Twitter folge. Irgendwann klickt man vor lauter Verzweiflung drauf, weil man denkt: muss ja was dran sein. Doch der Leser klickt nur noch auf den Inhalt und verbindet ihn kaum noch mit dem Angebot, das ihn gepostet hat: Habe ich mir bei Spiegel Online den Habicht-Angriff angesehen? Oder bei bild.de? Oder war’s bei den Blogrebellen? Huffington Post? Mashable? Krautreporter? Facebook? Twitter? Oder sonst wo? Die Marken verschwimmen hinter den immer gleichen Inhalten, mit denen der Journalismus von heute versucht, Leser auf seine Webseiten zu locken.

Viele Marken verkaufen gerade ihre Seele an den Content: gut ist, was beliebt ist und Klicks generiert. Gut ist weniger, was wirklich zur Marke passt. Muss ich den Habicht-Angriff bei Spiegel Online wirklich auch noch zeigen? Ist die Carolin Kebekus Parodie ein solch universell interessanter Inhalt, dass ihn völlig unterschiedliche Publikationen wie horizont.net, meedia.de oder der Trierische Volksfreund in ihren Online-Angeboten posten müssen? Natürlich gab und gibt es immer ähnliche Inhalte, die in vielen Medien Platz finden. DPA-Meldungen zum Beispiel. Aber DPA-Meldungen waren nie die DNA einer Zeitschrift. Der Fingerabdruck eines Magazins entsteht in dem Moment, wenn ein Redakteur in seinem eigenen Stil ein aktuelles oder vergessenes Thema im wahrsten Sinne des Wortes beschreibt. Darum kauft man eine Zeitung oder ist bereit dafür online Geld auszugeben. Nicht für die Carolin Kebekus Parodie nebst Besprechung, die ich bei allen anderen auch angeboten bekomme, sondern durch Originalität.

Die so genannte Krise des Journalismus, ist eigentlich eine Krise der Monetarisierung von Journalismus. Denn es gibt heute mehr gut ausgebildete Journalisten und Plattformen für eben diese, auf denen sie sich austoben können, als früher. Das heißt: das Angebot von gutem Journalismus ist weiterhin da und ist wahrscheinlich größer als früher. Nur finden die Verlage keine Antwort, wie sie darauf reagieren sollen, dass ihnen im Print die Anzeigenkunden weglaufen – oder wegen sinkender Auflagen weniger zahlen. Und sie suchen immer noch vergeblich im Digital-Bereich nach einem Weg, wie man da eigentlich Geld macht. Außer vielleicht der Axel-Springer-Verlag, der aber im Grunde immer weniger Verlag und immer mehr Digital-Konzern wird. So kann man das auch machen. Andere wie G+J setzen einfach klassisch den Rotstift an. Kosten reduzieren. Mitarbeiter entlassen. Fertig. Die Mittel der Vergangenheit, um die Zukunft zu gestalten. Oder besser: die Zukunft zu verwalten.

Das man dabei aber gleich einem Klassiker wie der Brigitte das Herz rausreißt, hat eine neue Qualität. Ein Magazin ohne schreibende Redakteure ist wie eine Autowerkstatt ohne Mechaniker oder eine Armee ohne Soldaten. Irgendwie sinnlos. Ein Unternehmen, dies sind zunächst mal seine Mitarbeiter. Gerade bei einem kreativen Business, wie dem Journalismus, bei der es auf die Ideen der Redakteure ankommt. Die Themenfindung auch – ganz wichtig – das Verständnis für seine Leser. Das wissen um deren Bedürfnisse. All das verliert man, wenn man nur noch mit Freelancern arbeitet, die heute für die Apotheken Umschau schreiben, morgen für Brand Eins und übermorgen für die Brigitte (leider sind nur die wenigsten so gefragt). Das sind – nicht böse gemeint – bezahlte Dienstleister, die bestimmt keine schlechte Arbeit abliefern, aber eben nicht die Brigitte oder der Stern sind. Sie schreiben letztlich für sich, nicht für die Marke, in deren Auftrag sie texten.

Durch Zusammenlegung von Redaktionen spart man eben nicht nur Kosten, sondern schrumpft auch seine eigene Wiedererkennbarkeit. Wenn aber alles eine Soße ist, warum soll ich das noch am Kiosk kaufen oder im Internet dafür bezahlen? Da werden Marken kaputt gespart und ein Image zerstört. Das ganze noch mit zynischen Pressemitteilungen zu begleiten, die verkünden, dass ab jetzt durch die Impulse von außen alles besser wird, ist eine weitere Katastrophe. Schließlich sagt man den entlassenen Redakteuren auch noch, wie gut man auf sie verzichten kann. Ich stelle mir gerade vor, wie bitter dies für sie sein muss.

Zum Schluss: ich bin kein Journalist, sondern ein Leser. Und für mich werden täglich Inhalte ins Netz gestellt oder auf Papier gedruckt. Ich bin interessiert und mag gute Geschichten und gut gemachten Journalismus. Natürlich habe ich die gleichen Fehler wie alle Leser: online möchte ich gerne nichts bezahlen (obwohl ich die Krautreporter mit einem Abo unterstütze) und Print lese ich immer weniger oder nur noch spezieller. Magazine wie Geo Epoche, von der ich ein Abo habe. Einfach weil ich darin Themen finde, die ich woanders nicht finde. Also keinen Habicht der eine Drohne angreift oder eine Frau, die durch New York läuft. Fragt doch mal uns Leser, was wir uns wünschen und nicht nur die Controller aus der Buchhaltung oder die klickgeilen Jungs und Mädels aus der Social Media Abteilung. Vielleicht wäre das mal ein Anfang und nicht nur ein Ende. Wie bei der Brigitte.

 

 

 

 

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10 thoughts on “Content essen Seele auf.”

  1. Das ist das Beste, was ich persönlich die letzten Wochen zu lesen bekommen habe. Danke sehr, für diesen sehr treffenden Beitrag zum Thema Inhalte, Leserschaft und was einem heute auf RTL-Niveau um die Ohren geklatscht wird!

  2. BRIGITTE… hm… die hab ich früher auch mal gelesen, so beim Zahnarzt oder Frisör. Kann gut sein, dass ihre Zeit einfach vorbei ist. Denn WOFÜR steht BRIGITTE? Was bleibt im Gedächtnis?

    -> Sanfte Kritik an dem, was ansonsten das Heft füllt, also Diät-Kritik plus BRIGITTE-Diät, Kritik am Schlankheitswahn, aber nur schlanke Models (auch während des Experiments mit den Non-Profis).

    Sowas geht einfach nicht mehr. Entweder man rühmt das, wovon man lebt, oder man sucht sich andere Einkommen und widmet sich GLAUBWÜRDIG der Kritik.

  3. Guter Artikel der mal wieder beschreibt was das Problem bei den Verlagen ist, und das seit Jahren. Schön, dass immer mehr Menschen aufwachen und merken, dass die ach so tollen Zeitungen nichts Tolles mehr an sich haben.

    Einen Hinweis aber, dass dem neuen Projekt Krautreporter direkt und per se unterstellt wird, es ginge auch diesem nur um den unsäglichen Content zeugt von mangelnder Unterscheidungsfähigkeit für jemanden, der dort Leser ist.

    Ach ja, online alles kostenlos ist egoistisch und raffgierig. Sagen Sie es doch so: “Ich bin bereit zu zahlen” (sind Sie ja) “wenn ich dafür einen Mehrwert bekomme.”

    Ich persönlich zahle bei normalen Zeitungen auch nicht und werde auch nie solange überall der gleiche nicht lesbare Quatsch steht der die Leser immer dümmer macht. Für den Versuch besserer Qualität – den man sofort liest – bei Krautreporter zahle ich aber gerne.

  4. Sehr interessanter Post, auch wenn etwas verwunderlich ist, dass der Autor das Auflösen der Redaktion bei der Brigitte kritisiert, jedoch selbst anführt die Krautreporter zu finanzieren (das impliziert ja, dass dieses Modell für gut befunden wird). Die Krautreporter sind doch genau das: ein Potpourrie aus anderweitig fest- oder freiangestellten Journalisten, die sich mit diesem Projekt einen Side-Gig geschaffen haben, der kontinuierliche Textabnahme sowie Freiheit bei Form und Themenwahl garantiert.

    Man kann den Vorgang bei Gruner und Jahr auch als die Krautreporterisierung der Brigitte ansehen. Auch dort wird sich sicherlich ein gewisser Autorenstamm etablieren, der in bestimmter Regelmäßigkeit schreibt und dem Magazin so dereinst ein Seele geben könnte (möglicherweise mit weniger Freiheit; aber man kann das auch als eine Bedingung für eine Magazinidentität erachten). Es gilt also Autorinnen zu finden, die selbst eine Marke sind und Leserinnen zum Magazin ziehen. Eine “Niggemeier des Frauenmagazinjournalismus” sozusagen. Beim Autor hat der wohl (weil er genannt wurde) für die Krautreporter den Ausschlag gegeben. Kann ja auch bei der Brigitte klappen, wer weiß.

    Vielleicht hat man sich im Verlag ja – in dieser Hinsicht – einfach vom Starterfolg des Onlinemagazins anstecken lassen

  5. Naja, unterm Strich steht: Brigitte ist eigentlich kein Journalismus, sondern eine reine Schaffung von Anzeigenumfeldern. Was drin steht ist eher sekundär, Hauptsache ein Celebrity mit Problem XY ist aufm Cover.
    Ich vermute, dass dieser Kahlschlag bei den “wenig-intellektuellen” Medien leider noch so weiter gehen wird. Hmpf. Danke dennoch für den spannenden Text 🙂

  6. Die spannende Frage ist doch: Wie groß ist der Anteil der Leser, die an journalistischer Qualität tatsächlich interessiert sind? Ich glaube: nicht sehr hoch. Regionale Tageszeitungen wurden schon immer vor allem zu Unterhaltungszwecken gekauft bzw. um leere Zeit zu überbrücken. Dafür waren die Kunden bereit, Geld zu bezahlen. Nur ein geringer Teil der Leser zahlte für journalistische Qualität.

    Auch heute zahlen viele gern für Unterhaltung, vor allem mobil. Ich glaube, es gibt keine Krise des Journalismus. Was wir seit langem beobachten, ist eine Umschichtung der Unterhaltungsmedien.

    1. Die Aussage “Regionale Tageszeitungen wurden schon immer vor allem zu Unterhaltungszwecken gekauft bzw. um leere Zeit zu überbrücken” dürfte wohl nicht auf die Mehrheit zutreffen, zumindest bei den Abonnenten. Die wollen durchaus wissen, was vor ihrer Haustür passiert, und lesen Tageszeitungen ihrer Region sicherlich nicht in erster Linie “zu Unterhaltungszwecken”. Das dürfte eher auf Klatsch- und Tratsch-Magazine zutreffen, aber nicht auf traditionelle Zeitungen.

      1. So?

        Gerade in den Ein-Zeitungs-Kreisen war die journalistische Qualität niemals besonders hoch, aber zur Strukturierung des familiären Frühstücks oder zur Überbrückung des Arbeitswegs hat es immer noch gereicht – da stand klar die Unterhaltungsfunktion im Vordergrund. Was in der Zeitung stand (und in welcher Qualität), spielte kaum eine Rolle, solange man sich damit nur angenehm die Zeit vertreiben konnte. Der erste (erfolgreiche) Angriff erfolgte aber bereits früh durch das Frühstücksfernsehen. Journalistische Qualität? Ziemlich egal, Zeit überbrücken funktionierte damit prima.

        Heute sitzen die Leute mit ihren Handys am Frühstückstisch und in der Bahn, schauen bei Facebook nach oder spielen. Auch SPON ist ja nicht wegen der journalistischen Qualität so erfolgreich, sondern wegen der beinahe perfekten Verkleidung von Unterhaltung in Form von Infohäppchen.

        Nein, die Verlage haben einfach lange Zeit nicht begriffen, daß >90 % ihrer Leser vor allem eine Unterhaltungsfunktion kauf(t)en. Die kann jetzt eben durch andere Dinge sehr viel besser erfüllt werden.

        Wenn regionale Zeitungsverlage einsehen, daß sie letztlich Unterhaltung verkaufen, haben sie IMHO nur noch eine einzige Chance. Es gibt nur noch einen Zeitraum, der sich (vielleicht) noch gegen mobile Unterhaltung behaupten kann: das Wochenende. Sie müssen so schnell wie möglich auf leichte, bunte, Wochenendausgaben umstellen, am besten kombiniert mit spielerischer Leserinteraktion.

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