Macht euch mal locker – UND WARUM das so wichtig ist.

Seit vielen Jahren hatte ich zum ersten mal wieder eine „Neon“ in der Hand. Und ich weiß auch, warum ich bald wieder viele Jahre keine mehr in der Hand haben werde: Neon ist die Frauenzeitschrift für die Generation X bis Y ungelöst. Eine Polemik.

Auf jeder Party gibt es einen, der da rumsteht und die Menschen mit den richtigen Themen in den richtigen Klamotten beglückt. Trotzdem kommt er nicht bei den Leuten an. Vielleicht weil er alles zu richtig richtig macht. Seine Klamotten sind nicht nur top-aktuell, sondern auch noch fair gehandelt und natürlich rein bio. Er spricht über die gerade wirklich wichtigen Dinge in der Form, wie man sie hören will: modern aber nicht modisch, klar aber nicht radikal und jung aber nicht naiv. Kurzum: über seine Perfektion kotzen alle ab. Nur er wundert sich, warum er nicht bei den Leuten ankommt. Es stimmt doch alles.

So ähnlich dachte ich schon vor etwa 10 Jahren, als ich mir die erste Ausgabe der Neon kaufte. Damals wartete ich wie viele auf einen Nachfolger für das jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung, das im Sommer 2002 eingestellt wurde. Was ich dann aber in der Hand hielt, hatte wenig bis gar nichts von den anarchischen Elementen, die das jetzt-Magazin ausgemacht hatten. Experimenteller junger Journalismus, Wagnis, neue überraschende Erzählformen – nichts davon. Dafür ein Ratgeber-Magazin für Menschen zwischen 19 und 39, welches die dafür interessanten Themen abhandelt: Liebe, Sex, Beruf, Popkultur. Mal ganz verkürzt gesagt. Ich fand mich daran nicht wieder, denn Artikel wie „20 Gründe wie auch du die Liebe deines Lebens findest“ konnte ich auch in Frauenzeitschriften finden. Hier im Unisex-Stil geschrieben, aber nicht minder banal. Und 1000mal gelesen.

Und heute? Die Lebenshilfe aus Frauen-Magazinen ist auch heute noch bestimmendes Thema: Als Aufmacher auf der Titelseite lächelt mich „Geht’s Dir gut?“ an. Unterzeile: Wie man im Job richtig mit privaten Problemen umgeht. Oder: „Freunde fürs Leben“ – Warum neue Freundschaften besser sind als alte. Und nicht zu vergessen das Titelthema: „Das ist meine Stadt“ und jetzt kommt’s: WARUM wir das leben in Städten leben (das Bild dazu Neon typisch: real unrealistischer Stil und eine junge Dame, die Lebensfreude ausdrücken will – aber bitte nicht zu viel, wir müssen morgen arbeiten!). Neon will mir die Welt weiterhin erklären, das jetzt-Magazin erklärte mir eher, WARUM sie mir das Leben nicht erklären kann. Und natürlich dürfen auf dem Cover zwei weitere ultimative Neon-Plattitüden nicht fehlen: Die Auflistung („200 skurrile Fakten, die du nie vergisst“) und das lebensabdeckende Neon „Von – Bis“ (Von Public Viewing bis Pinkelpause – das Neon WM-Special). Die einzig wirklich interessante Geschichte auf dem Titel beleuchtete geheime Helfer in Indien, die Liebespaare retten.

Wenn es also schon so anfängt, wie sieht es also im Heft aus? Die Geschichte über die Gentrifizierung der Innenstädte listet bekannte Fakten auf. Daneben dürfen einige urbane Bewohner zu Wort kommen. Da werden dann Mitglieder einer Wohngenossenschaft ernsthaft gefragt, wie oft sie an roten Ampeln stehen bleiben. Antwort: „Immer öfter.“ Das ist Revolution im Neon-Style. Nicht zu viel, sonst könnte das System ja noch ins Wanken kommen. Und wer zahlt dann bei Gruner und Jahr dann die Löhne? Die Genossenschaft? Ein SPD Politiker in der Geschichte wird so eingeordnet: „Klar, Dennis Rohde sieht nicht besonders cool und hip aus…“. Als ob die richtigen Klamotten den Geist eines Menschen bestimmen. Wer macht denn die Innenstadtviertel kaputt? Genau: Die in den richtigen, teuren Klamotten. Ein weiterer Text kritisiert virale Werbung und das Betteln um Klicks durch reißerische Überschriften. Ein Stilmittel, was die Neon ja selbst ständig benutzt, nur um für ihre Interessen und weniger mit Superlativen arbeitend. Aber es wirkt auf mich immer wieder bigott, wenn ein Medium wie die „Neon“ gegen digitale Werbung wettert, aber sie selbst nur durch Anzeigen überleben. Ich muss die Neon kaufen und eben auch die Werbung darin. Der Artikel über Kinder- oder Jugend-Freundschaften die eben mit der Zeit auch mal ausfaden, ist einer dieser typischen Lebenshilfe-Artikel: Seht her, da draußen haben noch andere Probleme mit Ex-Freunden, kaputten Bonanza-Rädern oder bösen Chefs. Wahrscheinlich wird in jeder Konferenz entschieden, dass der rein muss und ein dummer wird dafür gesucht.

Neon besteht darüber hinaus aus vielen Rubriken, die mir das Leben erklären wollen. Bei gurtlos glücklich wird mal wirklich etwas gewagt: Man schreibt allen ernstes den Satz „Darum schnallen sich viele Leute im Taxi nicht an“ (Rebellion Neon-Style), dabei hätte man doch schreiben müssen: „WARUM sich viele Leute im Taxi nicht anschnallen.“ Peinlich wird es dann in der Sex-Kolumne einer Frau, die in einer ‚offenen’ Beziehung lebt (Aufbegehren Neon-Style). Hier wirkt wieder die richtig richtig Formel: Junge Frau, selbstbewusst, sexoffen, schaut sich Pornos an. Wirkt irgendwie spießiger, als wenn sie beim Sex das Licht ausmacht und sich ganz weit weg träumt, während ihr Typ an ihr rummacht. Aber so sind wir bei Neon: ganz weit vorne an der Vulva der Zeit. Meine Lieblingszeile findet sich auf Seite 86: „Wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht: Wie geht es dann eigentlich dem Gerichtsvollzieher?“ DAS ARME SCHWEIN. Hat sich überhaupt jemand mal gefragt, wie es dem Henker geht?  Auf Seite 131 endlich mal wieder eine – „und warum“ Formulierung: „Die Schauspielerin Anna Maria Mühe erzählt, wie es ist, in einer Künstlerdynastie aufzuwachsen – UND WARUM sie gerne in die Vergangenheit reist.“ Es ist für Neon immer sehr wichtig, allem einen Sinn zu geben. Auch wenn es ‚mühevoll’ (höhö) klingt.

Gut ist Neon vor allem dann, wenn die Themen anders sind und sie mir das Leben nicht erklären wollen: die Indien und die Südkorea Geschichte gehören dazu. Leider wirkt Neon immer so, wie man sich das wohl in Redaktionen so vorstellt, so müsste ein Magazin für Junge und Junggebliebene sein. Ich habe auf Seite 24 in der Stadt-Geschichte einen Satz gefunden, den ich einfach ein wenig auf Neon umgeschrieben habe: „Ein Magazin ist Lärm und Gestank und Dinge, die man nicht mag. Ein Magazin bringt uns an unsere Grenzen. Und das muss so sein. Ein Magazin, das perfekt ist, ist kein Magazin, sondern ein Lego-Bausatz. Und wer möchte schon in einer glatten Spielzeugwelt leben?“

Ich nicht liebes Neon.

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