Der Herrinwitz.

„Unter den Linden ist der Einäugige König“, so lautet ein uraltes Berliner Sprichwort, welches mich auf meinen Weg ins Studio der Talksendung ZDFLogin begleitet. Das Thema: Sexismus. Gerade deswegen musst ich an diesen Spruch denken: Einen Tag vorher zerwaberte die Diskussion bei Jauch genau darüber zwischen Alt-Herrenwitzen, Zynismus und einem Moderator, der das alles irgendwie lustig fand und am Schluss launig an die Bar bat. Da konnte es bei ZDFLogin eigentlich nur besser werden. Eigentlich.

Es wurde zwar besser – was angesichts von Jauch kein Wunder war – aber es wurde nicht gut. Im Gegenteil. Das liegt auch daran, dass ZDFLogin neben der unsäglichen Ego-Show eines Michel Friedman die männlichste Talkshow des Deutschen Fernsehens ist: Die Gäste stehen sich konfrontativ gegenüber und dürfen sich in regelmäßigen Abständen ihre Argumente in „die Fresse“ bellen. Die Gäste werden zudem danach ausgesucht, dass ihre Positionen sich am besten relativ unversöhnlich gegenüber stehen.

So kam es, dass an diesem Tag auf der einen Seite Anne Wizorek (die Initiatorin von #aufschrei) und Laura Dornheim (engagiert im feministischen Kegelklub der Piratenpartei) standen und auf der anderen mit Maximilian Pütz Deutschlands selbsternannter Frauenaufreißer Nummer 1. Bei Pütz musste ich immer an seinen Namensvetter Jean denken, denn fast wie in der Hobbythek bastelte er sich Do-it-Yourself ein Männerbild zusammen, was mit der Realität schwer Deckungsgleich zu bringen ist. In seiner Welt sind Männer alle Weicheier geworden, die sich nicht mehr trauen Frauen anzusprechen. Und wer ist Schuld? Der Feminismus! Also wieder mal die Frauen, die ja auch Schuld sind, dass man sie anspricht. Es ist also ziemlich egal, was Frauen machen: am Ende haben immer sie den Schwarzen Peter (wenn der schwarze Peter von der CDU sie als Journalistin dumm an einer Hotelbar anquatscht.)

Leider besteht die Aufgabe eines Moderators bei ZDFLogin nicht darin eine Diskussion wirklich zu moderieren. Man hätte ja mal fragen können, wie denn der Feminismus das angestellt hat. Hat er wirklich so eine große gesellschaftliche Kraft, wie behauptet. Ist es denn nicht eher so, dass in den Mainstream-Medien wie einer Gala, Brigitte oder Cosmopolitan genau das Gegenteil passiert: Also das Frauen dort gesagt bekommen, wie man besser im Bett ist um „ihm“ zu gefallen? Das dort immer noch antiquierte Frauenrollen anerkannte Vorbilder sind? Zugegeben: Natürlich wird dort auch die selbstbewusste erfolgreiche Frau propagiert: Aber nicht in einem feministischen Sinne.

Das dies so ist, konnte man in der Sendung gut sehen: Frauen klatschten begeistert zu Aussagen wie „wenn man nicht angeglotzt werden will, muss man sich nicht so anziehen.“ Auch die Aussagen des Pick-Up Artist kamen nicht nur bei den anwesenden Männern gut an. Die Diskussion nahm eine überraschende Wende: es wurde gar nicht mehr so richtig über Sexismus gegen Frauen geredet, sondern über die Tatsache, dass Männer auch Opfer sexueller Belästigung sind. Das Männer gar nicht mehr unsere Gesellschaft dominieren, dass der liebe arme Mann auch nicht schlechter ist, als eine Frau. Das Männer eben arme Schweine sind, die auch nur ein bisschen Liebe brauchen.

Das alles war seltsam und dem Thema nicht gerecht. Als eine anwesende Expertin dann sogar noch einen Herrenwitz riess: „Sie haben großes Potential – Blick Richtung Dekolleté – GROßES POTENTIAL.“, wurde alles noch absurder. Eine richtige Diskussion kam nicht mehr in Gang. Das ist bei ZDFLogin auch nicht vorgesehen. Da geht es um Meinungs-Slots, in denen man reden kann. Mehr nicht. Die Argumente landen in einem geschlechtsneutralen Vakuum. Egal bei welchen Thema.

Einmal krachte es ein wenig, ich schaute von meinem Stehtisch nach links. An Kamera 3 stand eine Frau mittleren Alters und versuchte konzentriert das Gespräch der Gäste einzufangen. Hinter ihr ein junger Mann, der als Kabelträger kurz nicht aufgepasst hatte und über etwas gestolpert war. Strenger Blick der Kamerafrau. In dieser Szene steckte für mich so viel mehr, als in der Aufführung einer Diskussion im Scheinwerferlicht. Hier, hinter der Bühne, hatte eine Frau das sagen. In der Sendung war dies – leider schon wieder nicht der Fall. Einfach weil ein Herr Pütz seine seltsamen Ansichten unhinterfragt penetrieren konnte.

Übrigens konnten die Zuschauer während der Sendung abstimmen , ob Frauen nun Macho-Opfer sind oder nicht: 52% sagten „Nein“. ZDFLogin ist eben nicht nur vom Konzept ziemlich männlich, sondern auch von den Zuschauern her. Die vielleicht traurigste Erkenntnis des Abends: Die meisten Männer sind nicht fähig zur Reflektion. Dabei geht es gar nicht um Feminismus ja oder nein. Es geht einfach um Respekt. Unter den Linden und über den Wolken.

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2 thoughts on “Der Herrinwitz.”

  1. Danke für diesen Beitrag. Am Anfang war ich nicht ganz sicher, wo er hinführt, aber der Schluss reisst alles raus. Denn die Twitter-Debatte zeigt, dass genau diese Fähigkeit viele der ach so liberalen Chefs/Führungsverantwortlichen nicht haben. Deutlich wurde das letzten Freitag, als Viele twitterten, also Mann könne man sich dazu ja nicht äußern ohne Schläge befürchten zu müssen (sinngemäß) – da liegt noch viel Arbeit vor uns.

  2. “So kam es, dass an diesem Tag auf der einen Seite Anne Wizorek (die Initiatorin von #aufschrei) und Laura Dornheim (engagiert im feministischen Kegelklub der Piratenpartei) standen und auf der anderen mit Maximilian Pütz Deutschlands selbsternannter Frauenaufreißer Nummer 1.”

    Ist ‘selbsternannter Frauenaufreißer Nummer 1’ in der Show als Einleitung benutzt worden, oder entspricht das deiner Polemik vorher schonmal Stimmung gegen Personen anderer Meinung zu machen?

    “Strenger Blick der Kamerafrau. In dieser Szene steckte für mich so viel mehr, als in der Aufführung einer Diskussion im Scheinwerferlicht.”

    Was genau? Außer dass eine Frau das Sagen hatte und du dann wieder zur Sendung übergehst?

    “Übrigens konnten die Zuschauer während der Sendung abstimmen , ob Frauen nun Macho-Opfer sind oder nicht: 52% sagten „Nein“.”

    Generalisierung, deshalb ist “Nein” auch die korrekte Antwort. Jeder Fall sollte individuell betrachtet werden, und wie + wielange muss sich ein Mann verhalten um ein Macho zu werden. Reicht das mit 1 Spruch? Wenn dieser wie Herr Brüderle vielleicht sich vorher öffentlich nie so geäußert hat? Oder muss man dazu Wein trinken? Ich habe an der Umfrage diesmal nicht teilgenommen, weil ich die Frage als ungenügend gesehen habe und dann doch beiden Antworten zustimmen konnte. Ich wollte das Ergebnis auch nicht verfälschen indem ich für beide geklickt hätte. Denn ja Laura Dornheim hat Recht “als Menschen behandeln”. Dann muss ich aber auch einen Abstecher zum Thema Beschneidung machen, da letztens nämlich ein Gesetz verabschiedet wurde, dass diese Gleichstellung diffamiert indem männlicher Nachwuchs beschnitten werden darf und körperliche Unversehrtheit für weibliche Nachkommen garantiert wird, indem sich auch die Staatsanwaltschaft einschaltet, falls sie mitbekommt dass ein Mädchen im Ausland beschnitten werden sollte. Unter anderem eine fundamentale Diskrepanz meiner Meinung nach, da sie Artikel 3 (1+2+3) GG verletzt, dies wurde aber in keiner Show/Nachrichten jemals erwähnt. Eine Klage steht nur betroffenen offen.

    ” ZDFLogin ist eben nicht nur vom Konzept ziemlich männlich, sondern auch von den Zuschauern her. Die vielleicht traurigste Erkenntnis des Abends: Die meisten Männer sind nicht fähig zur Reflektion. Dabei geht es gar nicht um Feminismus ja oder nein. Es geht einfach um Respekt.”

    Und woher nimmst du diese Annahmen dass ZDFLogin vom Konzept männlich ist? Steht irgendwo ‘für Männer?’. Ist es, weil die Moderatorin eine junge Frau ist?
    Wegen der Frage “Frauen Macho-Opfer”? – Die Intention wissen wir nicht, aber offensichtlich war es Provokation zur Reaktion auf beiden Seiten.

    Einerseits anderen fehlende Reflektion vorzuwerfen, zeugt nicht gerade davon, dass man das selber schonmal gemacht hat. Auch führst du nicht aus wen du zu diesen “meisten” zählst und wen nicht.

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