Brüderle im Geiste

Man sollte sich selbst nichts schönreden: man selbst ist auch ein Brüderle. Und zwar immer wieder. Die Geschichte mit dem Sexismus ist wie die mit dem Puff. Man kennt immer jemand, der mal im Bordell war, aber man selbst war es nie. Es stellt sich die Frage, wie solche Etablissements überleben können, wenn kein Mann jemals da war (ich natürlich auch nicht). Ein Wunder, ein Mirakel. Vielleicht denkt die FDP in Zukunft mal über Steuersenkungen für Freudenhäuser nach, damit die irgendwie durchkommen. Schließlich steckt in Stundenhotel ja auch das Wort Hotel.

Aber gefickt wird auch in der Krise. Genau wie Sexismus Alltag ist, unabhängig von den Wirtschaftsdaten. Auch meiner. Ich habe mir heute auf Twitter die Tweets unter dem Hashtag #aufschrei durchgelesen. Frauen berichten da von sexuellen Belästigungen in allen Formen: dumme Anmache, angrapschen, eindeutige Angebote, zweideutige Blicke, Herrenwitze. Das alles kommt jeden Tag vor: im Büro, auf der Straße, in der U-Bahn oder einfach nur so im Vorbeigehen. Für mich als Mann ist das schwer nachzuvollziehen, weil Frauen einen normalerweise nicht betatschen oder mit Blicken ausziehen. Mir ist es zwar auch schon passiert, dass mir eine Kollegin einen Klaps auf den Hintern gab mit der Bemerkung „Knackarsch“, aber ich habe das nicht als sexuelle Belästigung empfunden. Vielleicht auch, weil es einmal vorkam und nicht die Regel war. Im gleichen Betrieb hatten wir einen CEO, der alle jungen Frauen antatschte und von allen weiblichen Angestellten nur „Die Hand“ genannt wurden. Auch wir Männer wussten davon und niemand hat was gesagt. Aus Angst, man würde seinen Arbeitsplatz verlieren.

Wegen der aktuellen Diskussion habe ich mein eigenes Verhalten reflektiert: Gut, ich habe niemals eine Kollegin angetatscht, eine Frau auf offener Straße verfolgt oder wildfremde Damen in der U-Bahn zum Sex aufgefordert. Das käme für mich – Stand jetzt – niemals in Frage. Aber ich habe schon Zoten in Meetings gerissen, oder über blöde Herrenwitze gelacht, wenn andere Frauen dabei waren. Selbstverständlich schaue ich bei allen Frauen erst mal auf den Arsch und stimme mich mit den Kollegen über deren Aussehen ab. Ich will das nicht alles unter das Label Sexismus setzen: Als Mann betrachte ich jede Frau nicht nur als Mensch, sondern eben als Frau.

Andererseits habe ich mir einfach mal selbst ein paar Beispiele aus den letzten Wochen vor Augen gehalten: Meetings, in denen ich Ideen mit sexuellem Inhalt präsentierte (die aber keinesfalls als Anmache gemeint waren, der Kunde wollte selbst ein Konzept, bei dem es um das Thema Erektionsstörungen ging). Ich merkte aber bei der Präsentation, dass einer Kollegin mein Vorschlag zu weit ging und sie unangenehm berührt war. Oder noch was: In den letzten Wochen habe ich ein großes Casting mit geleitet: Viele tausend junge Männer und Frauen hatten sich beworben. Viele Frauen hatten ungefragt statt eines gewünschten Portrait-Fotos Bilder im Bikini gesendet – die habe ich mir natürlich als erstes angesehen. Bei einer sehr hübschen Frau schaute ich mir ihr Facebook-Profil an. Sie war unter anderem Unterwäsche-Model und entsprechend sexy. Ich druckte eines dieser Fotos der Dame in Lingerie aus und hing das Foto zum Spaß an die Bürotür – so konnten/mussten alle Kolleginnen es sehen. Ich persönlich sah darin keine sexuelle Belästigung, sehe dies aber nun anders. Das Bild habe ich heute früh abgehängt.

Es steckt eben in jedem ein Brüderle. Eine Zoten-König oder ein Blicke-Belästiger. Ich sollte mein Verhalten überprüfen, auch wenn ich von mir selbst niemals annehmen würde, ich wäre ein Sexist. Aber vielleicht ist das gerade die Gefahr: ich halte mich für einen modernen Mann, der Frauen ernst nimmt und für die Gleichberechtigung und die Frauen-Quote eintritt. Trotzdem bin ich in einigen Dingen nicht besser als ein Ol’ Dirty Brüderle oder ein Franz-Josef Wagner, der eine Bildungsministerin zunächst mal nach dem Äußeren bewertet.

Daher bin ich froh über die Diskussion – weil ich darin in erster Linie eine Aufforderung sehe, mich selbst zu überprüfen.

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38 thoughts on “Brüderle im Geiste”

  1. Klasse Artikel, vielen Dank! Es ist wirklich so: Es sind die vielen Kleinigkeiten, die es ausmachen und es wäre großartig, wenn die #Aufschrei-Aktion heute vielleicht ein bisschen hilft, wieder das Bewusstsein dafür zu schärfen, was da eigentlich tagtäglich draußen so los ist.

  2. DANKe für den Text! Er trägt zu Reflektion und Aufklärung bei! Und hoffentlich zu Schluss und Ende unerwünscht unerbetener Einmischung in ‘anderer Leuts Leben’!

    Mich nerven unemanzipierte Männer mit Gewalt und unemanzipierte Frauen mit Macht. Ich denke, dass Machtausübung (durch Frau) und Gewaltanwendung (durch Mann) ursprünglich und wesentlich zur Fortpflanzung beigetragen hat. Eine Trennung und Zuordnung von Gewalt zu Mann und Macht zu Frau erscheint mir sinnvoll (zweckdienlich und zielführend), um bei der Aufklärung + Befreiung (Emanzipation) hilfreich zu sein!

    Natürlich ist mir klar, dass Gewalt Macht und Macht Gewalt sein kann und Frau und Mann zu beidem fähig sind. – Trotzdem erscheint mir die (künstliche) Trennung für die Analyse (Aufklärung) notwendig, und hinreichend zur Befreiung. Dabei sei nicht vergessen, ‘die Dinge’ nach Trennung/Spaltung wieder zusammen zu fügen! ‘Wir’ wollen ja Sex 😉 Und dann kann das Spiel im Sex – mit Macht und Gewalt – in gegenseitiger Anerkennung und im Respekt, durchaus befreiend wirken und Freude bereiten 🙂

  3. Yo! Genau so und genau das. Fühle mich ganz genauso und wurde mir vor ca. 2 Jahren Dank der klaren Rückmeldung einer Kollegin darüber bewusst, dass meine Komplimente dann irgendwann etwas zuviel und für sie unangenehm wurden. War über die Direktheit ihrer Rückmeldung erst voll überrascht, habe mich dann aber ‘selber überprüft’ und festgestellt, dass es da doch zu einigen eben zu vielen verbalen ‘Ausrutschern’ gekommen war. Diese passieren mir inzwischen wesentlich seltener und diese Diskussion fordert sicherlich dazu auf, sich nochmal das ein oder andere Mal mehr zu fragen, ob ich das ein oder andere Kompliment denn nun wirklich sagen muss. Denn die Grenze vom Kompliment zur Schlüpfrichkeit ist nicht bei allen Menschen die Gleiche.

  4. Ich danke dir für diesen ehrlichen selbstreflektierenden Blog. Und ich finde es toll, dass du schon jetzt etwas an deinem Verhalten geändert hast. Allein das zeigt schon, dass #Aufschrei doch zumindest etwas Wirkung hatte.
    Und auch nur einer der sein Verhalten verändert ist zumindest ein Erfolg.

  5. Nur mal so, weil ich das hier gerade las und dich, anders als viele andere Männer, gerade zu fassen kriege: Was denkst du dir dabei, Bikinibilder fremder Frauen auszudrucken und an eine Tür zu hängen. Ernsthafte Frage, weil ich es nicht verstehe. Ich meine, wenn du sie dir privat ankucken willst… aber warum an eine Tür hängen? Wo sie dann auch deine Mitarbeiterinnen sehen müssen (ich hoffe, daran hast du auch gedacht)?

    1. ….und im Umkehrschluss: Was denken sich Frauen dabei, bei einem Casting lieber ein Bikinifoto einzureichen als das geforderte Portrait Bild 😉

      ….was nicht heißen soll das das öffentliche Anpinnen damit OK sei, aber diese Frau wollte sexuell wahrgenommen werden. In dieser ganzen Diskussion fordern wir als Frauen von den Männern sich zu ändern, wenn ich aber sehe und lese wie Frauen bewusst ihren Körper, ihre Weiblichkeit und damit auch ihre Sexualität einsetzen um Männer gefügig zu machen, so erwarte ich im Umkehrschluss auch von den Frauen dies zu unterlassen. Es ist ebenso sexistisch wie die andere Seite 😉

      1. In diesem Zusammenhang interessierte mich eigentlich mehr, warum ein Mensch, der in dieser Branche drin ist, nicht wissen kann (bzw. dem es egal ist), dass er damit die Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten verletzt… Recht am eigenen Bild und so.

        Das ist einfach eine männliche Denke, die ich nicht verstehe. “Woah, die sieht geil aus, die hänge ich mir mal auf wo es jeder sehen kann” – da komme ich nicht mit, ehrlich nicht.

  6. Ich kann mich noch sehr gut an den Film “Angeklagt” mit Jodie Foster und die Diskussion darüber hinaus erinnern. Nur weil eine Frau sexy angezogen ist, wird sie damit zum Sexobjekt für Jedermann. Darum geht es doch. Und ich habe dazu eine klare Meinung, denn Männer, die das oder andere ähnliche “Zeichen” als Aufforderung sehen, zudringlich zu werden, gehören mal kräftig in die Mangel genommen. Ich selbst habe es jahrelang am eigenen Leib erfahren wie es ist, saudumm angemacht zu werden. Von Chefs, von Kollegen und sogar von Kunden. Es ging bis hin zum Begrapschen und nachdem ich mit anderen Kolleginnen gesprochen hatte, wusste ich auch, dass ich nicht die Einzige bin. Seltsam und sehr traurig war aber, dass ich mich wehren wollte und ich die anderen Frauen aufforderte, gemeinsam dagegen vorzugehen – wenn nötig sogar mit einer Anzeige und jetzt rate was geschehen ist. Sie wollten nicht. Sie hatten Angst um ihren Job oder was auch immer. Vielleicht fühlten sie sich aber sogar geschmeichelt, dass sie vom Chef eine besondere Aufmerksamkeit erhielten (ich will niemandem etwas unterstellen). Ich bin dagegen vorgegangen und mit einer direkten Konfrontation ließ mich mein Gegenüber ab diesem Tag in Ruhe. Ich gebe dir in allen Punkten Recht und ich finde es nicht ok, dass einige Männer so drauf sind, aber es hat auch mit uns Frauen zu tun, wie wir damit umgehen. Wenn wir uns verhalten wie kleine Mäuschen und noch nicht einmal Piep sagen, sehen es manche Männer als Aufforderung weiter zu machen. Ja, das ist leider so und liegt wohl im Urtrieb begründet. Aber – und das finde ich einen mindestens genauso dramatischen Aspekt – der Mut und Einsatz von anderen Menschen in solchen Situationen ist ernüchternd. Sehr, sehr oft bekommen solche Begebenheiten andere Personen mit und anstatt einzugreifen, halten sie den Mund, wenden den Blick ab oder zum Boden und tun so als hätten sie nichts gesehen. Wo sind die Beschützer hin? Wenn wir schon über Rollenverhalten sprechen, warum beschützen die Männchen nicht die Weibchen?
    Ohne Sex in der Werbung oder im echten Leben wäre es schon ganz schön langweilig und seien wir doch mal ehrlich, hin und wieder ist eine nett gemeinte Anmache auch für Frauen sehr schmeichelhaft und gerade die, die so laut aufschreien, dass sind die, die es besonders brauchen.
    Alf, erfreue dich weiterhin am weiblichen Geschlecht und hin und wieder ein Kommentar schadet auch nicht. Das gehört zum Spiel des Lebens. Der Ton macht die Musik und ich stimme zu, ein Nein ist ein NEIN ist ein NEIN.

    1. “und gerade die, die so laut aufschreien, dass sind die, die es besonders brauchen.”
      soso, woher weisst du das? ich finde das eine ziemlich üble Unterstellung…

  7. also, in meinem Umfeld klatscht niemand Frauen auf den Arsch oder fasst sie an. Ich hab das zuletzt bei Freundinnen massiv auf der oriental Dance Night im SO 36 erlebt, vor Jahren. Vielleicht lebe ich ja auch in einer Parallelrealität………..

  8. > Als Mann betrachte ich jede Frau nicht nur als Mensch, sondern eben als Frau.

    Frauen attraktiv finden muss doch nicht zwangsläufig darauf hinaus laufen, Frauen mit Kennermine zu taxieren und anschließend das Resultat kund zu tun, als ginge es um eine Meinung über ein Produkt.

    Derartiges Abchecken und kühl-expertöses Bewerten (ob das hier tatsächlich gemeint war, weiß ich nicht) wirkt auf mich narzisstisch.

  9. Sehr geehrter Herr Frommer,
    das sind neue, erfreuliche Töne eines offensichtlich modernen Mannes. Erfreulich deshalb, weil auf sich selber bezogen. Was echte Frauen nämlich auch nicht mögen, sind frauenversteherisches Äußerungen, die auch nur eine verkappte Anmache sind.
    Was mir persönlich gut gefällt ist der leise Zwischenton, ein Gefühl für sich als Mann zu haben. Das ist eine gute Ausgangslage, dass sich Männer und Frauen wieder sicher miteinander fühlen.

    Viktoria Hammon

  10. Ernst gemeinter Ratschlag: Vielleicht solltest du einfach so bleiben, wie du bist.

    Ja, Sexismus ist Alltag, aber who cares? Was soll daran ein Problem sein?
    Deal with it, macht nicht die Welt da draußen für euren Ärger verantwortlich, man schadet so nur sich selbst, und in der Regel hat man nur ein Leben. Also lieber Sexist und stolz drauf.

    PS: Ich war auch mal in einer Firma, da hatten wir auch so einen Typen, auch mit dem speziellen Spitznamen und so. Und ja, es haben alle gewusst, keiner hat was gesagt.
    Ich habe es auch gewusst. Mich hat es aber nicht im Geringsten gestört.
    Sie waren alle selbst erwachsen und müssen wissen, was sie tun.
    Wo leben wir eigentlich, dass jeder meint, er könne die Eigenverantwortung einfach so zur Seite legen, nur wenn es mal in dem Kram passt?
    Am Ende des Tages muss jeder selbst wissen, wie er mit solchen Situationen klarkommt. Irgendwann hat doch mal ein Kollege den Mund aufgemacht, und das war auch okay.
    Nicht okay ist hingegen, hier zu glauben, dass irgendeine der hier auftretenden Verhaltensweisen richtiger oder falscher sei als irgendeine andere…

  11. Was ich mich immer wieder frage, warum müssen sich Frauen in unserem Kulturkreis ständig so “ausgezogen” zeigen. Mit kurzem Rock oder tiefem Dekolleté ins Büro ist kein Problem. Selbst im Winter. Ein Mann könnte nicht so rumlaufen, selbst bei größter Hitze. Kurze Hosen, Hemd offen bis zum Bauch? Geht gar nicht. Hier nehmen sich Frauen auch mehr Freiheiten raus, beschweren sich dann aber wenn mann mal genauer hinschaut oder kommentiert. Das ist doch mit zweierlei Maß gemessen. Ich behaupte, wenn eine Frau was zeigt will sie auch, dass sie gesehen wird.

  12. “Ich behaupte, wenn eine Frau was zeigt will sie auch, dass sie gesehen wird.”

    “Gesehen werden” heißt aber weder “unaufgefordert angefasst werden” noch “auf rüdeste Weise angemacht werden” noch “als Schlampe abgestempelt werden” noch “vergewaltigt werden”.
    Das ist ja wohl ganz eindeutig ein Unterschied, und wer mit solche Kommentaren um sich wirft, ohne zu differenzieren, hat nicht verstanden, worum es hier eigentlich geht. Natürlich will man gesehen werden! Und wenn man gesehen worden ist, dann will man anständig behandelt werden. Ist das so schwer?

  13. Werbergewäsch. In deiner Twitterbio steht z.B. immer noch das “lustige” C-Wort-Wortspiel.

    Ich kaufe dir deine Erklärungen nicht ab.

    1. Danke für den Hinweis, habe ich ehrlicherweise nicht mehr dran gedacht und jetzt geändert. Aber wie ich schon sagte: In jedem steckt ein Brüderle, daher ist das hier kein Gewäsch. Was das mit meinem Beruf zu tun hat, kann ich wiederum nicht verstehen – oder verstehe es einfach als diskriminierend.

  14. Pingback: Sie schreien auf
  15. Ich kann mich als Frau dem Verfasser des Textes nur anschließen. Meine persönliche Meinung dazu: Männer sollten Männer bleiben dürfen, das heißt, sie dürfen schauen, Bemerkungen machen. Frauen müssen endlich aus ihrer Opferrolle herausfinden.

  16. Sehr schöner Text und sehr wertvolle Kommentare, die die vielen möglichen Betrachtungswinkel zeigen.

    Selten so viel Reife im Internet!!

  17. Pingback: Anonymous

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