Adolf, Heinrich und Herrmann.

Gestern wurde auf Google Maps ein Adolf-Hitler-Platz in Berlin entdeckt. Ein Skandal. Den man wusste nicht sicher, ob der immer noch so hieß. Schließlich hat Goslar erst 68 Jahre nach Kriegsende dem ehemaligen Führer und Reichskanzler des Deutschen Reiches die Ehrenbürgerwürde aberkannt. Vielleicht ein wenig voreilig, wer weiß.

Die Geschichte erinnerte mich an meine Teenagerzeit, als ich im beschaulichen Emsland wohnte. Genauer gesagt in Rheine. Mittelgroße Städte sind das eigentliche Grauen der Provinz: Dort laufen keine Hühner oder Gänse über die Straße, wie in pittoresken Dörfern, dafür aber versucht man urbanes Leben von Großstädten zu kopieren. Was dabei herauskommt sind großraumdiskoeske Clubs und der örtliche, traurige McDonalds als Verheißung für die große weite Welt da draußen. Man wartet ständig auf den KIK und landet doch wieder bei NKD. Es gab schönere Lebensabschnitte. Aber ich war jung.

Damals verdiente ich mir Geld als Zeitungsausträger der katholischen Kirchenzeitung dazu. Auf meinem Hollandrad eroberte ich die Hügel der Stadt und fühlte mich dabei wie der Träger des gelben Trikots, der einen Alpenriesen bezwingt. Fantasie ist die beste Droge der Welt. Oben angekommen steckte ich die Zeitung in die Briefkästen, im Sommer gab es ab und an ein kaltes Glas Cola von den Abonnenten. Manchmal sogar mit Schuss (ich lebte schließlich auf dem Lande). Das war mein Doping. Auf meiner Tour erreichte ich immer ein Viertel mit drei Straßen, die Vornamen-Namen hatten: Adolf, Heinrich und Herrmann. Trotz meines Alters fiel mir auf, dass die Vornamen zu drei netten alten Herren in der Vergangenheit passten: Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Herrmann Göring. Der eine GröFaz, der andere SS-Führer und der letzte Chef der deutschen Luftwaffe. Verbrecher, die für Millionen Tote und den Holocaust verantwortlich waren. Ich fand das damals schon sehr offensichtlich, aber ich sah es nicht als meine Aufgabe an, dagegen irgendwas zu sagen. Die Erwachsenen würden schon wissen, ob die Namen gut und richtig sind. Oder nicht. Und keiner regte sich auf, aber damals hießen ja auch noch Kasernen nach Kriegsverbrechern und Nazi-Generälen, den Angriffskrieg der Nazis planten.

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Gestern habe ich aus Spaß einfach Adolfstraße und Rheine bei Google Maps eingegeben und siehe da: Die Adolf, Heinrich und Herrmannstraße heißen immer noch so, wie damals. Seit der Zeit, als ich katholische Zeitungen austrug ist viel Wasser die Ems hinuntergelaufen. Das Denken hat sich komplett verändert und die Menschen sind sensibler geworden, wie sie die Dinge betrachten. Dies ist auch kein Scherz, den sich irgendjemand erlaubt, sondern Realität: mitten in einer mittelgroßen Stadt wie Rheine gibt es drei Straßen mit den Vornamen von Nazi-Verbrechern. Ein Zufall? Oder sind ganz andere Adolfs. Herrmanns oder Heinrichs gemeint? Schwer vorzustellen.

Vielleicht wäre es endlich an der Zeit, dass die Stadt Rheine die Namen der Straßen ändert.

 

 

 

 

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One thought on “Adolf, Heinrich und Herrmann.”

  1. Ist schon eine komische Häufung und Kombination.

    Aber ich könnte dir auch reichlich Heinrichs, Herrmanns und auch einige Adolfs nennen, welch mit den Nazis nichts zu tun haben, von den schwedischen Königen angefangen.

    Statt blind umzubenennen, wäre vielleicht eine Klärung angebracht, auf wen man sich bei den Straßen bezieht. Nachnamen mit draufschreiben, damit klar ist, wer gemeint ist – und wer nicht.

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