Stillstand mit Quote.

Warum ich Dschungelcamp nicht mehr schauen werde.

Um die Jahrtausendwende habe ich einige Zeit als Freelancer im Bereich Text und Konzeption gearbeitet. Unter anderem auch für TV-Produktionen. Ich fuhr dazu in den schönen Medienpark in Potsdam-Babelsberg, wo einen TV-Produktion eines ehemaligen RTL2 Programm-Chefs seinen Sitz hatte. Sagen wir es mal so: ausgedacht haben wir uns im Grunde nichts, sondern stundenlang VHS-Cassetten (andere Zeit) angesehen. Da konnten wir dann australische, amerikanische oder sogar argentinische Formate bewundern. Da wurden Bands gecastet, Witze gemacht oder schlicht einfach abgenommen.

Wir versuchten die dann für den deutschen Markt zu adaptieren (kopieren ist so ein beschissenes Wort). „The biggest Loser“ hatte bei uns den Arbeitstitel „Dick Brother.“ Überhaupt war „Big Brother“ das Format der Stunde. Wir überlegten also, wo sich sonst noch überall Menschen einpferchen lassen konnten. Wir kamen u.a. auf eine Idee, sie auf ein Segelschiff zu verfrachten. Gab es aber schon so ähnlich in den Niederlanden. Im Grunde hatten wir keine neuen Ideen, sondern versuchten nur erfolgreiche Sendungen aus anderen Ländern so umzuschreiben, dass keine Lizenz-Gebühren fällig wurden. Ich habe das nicht lange gemacht.

Big Brother ist tot. Aber viele Sendungen, die vor etwa 20 Jahren erfunden wurden, sind heute immer noch erfolgreich oder haben wenigstens so eine Quote, dass die Sender sie einfach weiter zeigen, weil sich die Werbeblöcke immer noch teuer verkaufen lassen. Stillstand mit Quote. Ob nun DSDS, Dschungelcamp, Casting-Shows in allen Formen oder notorische Koch-Sendungen – all dies hatte seinen Ursprung schon vor langer Zeit. Schaut man sich das sogenannte neue Format „Get the fuck out of my house“ an, dann ist das auch nur eine Abwandlung von Big Brother mit einer Prise Utopia (Pro/ Flop 2015) und den typischen Lästereien aus Bachelor respektive Bachelorette. Wahrscheinlich wurde das auch von irgendwem zusammengeschrieben, wie ich das früher gemacht habe. Nur ohne VHS-Cassetten, sondern praktisch auf einen USB-Stick geladen.

Manche TV-Sender stecken in Sachen Kreativität in einer Dauerwiederholung. Die letzte neue Format-Entwicklung von Belang war „Schlag den Raab“, der aber ansonsten sich auch ständig selbst kopierte: Turmspringen. Wok-WM und Co. funktionierten im Grunde alle nach dem gleichen Muster. Bizarre Sportarten von unbeholfenen C-Promis durchführen lassen. Gähn. Jetzt gibt es nicht einmal mehr Raab. Was bleibt ist Fernsehen wie eine Kirchenmesse: ein Ritual, das nach dem immer gleichen Muster mit den selben Kandidaten durchgezogen wird. Mal ist etwas mehr Silikon in den Brüsten, mal weniger Hirn im Kopf. Aber ansonsten könnte man auch einfach die Staffel vom letzten Jahr zeigen – keine Unterschiede.

Ein solches Ritual-TV ist das Dschungelcamp. Das darf man ja seit ungefähr 5 Jahren gut finden, vorher war es Ekel-Fernsehen. Aber man stumpft ja ab. Wenn man schon 100mal gesehen hat, wie jemand Maden oder Krokodilpenis isst – dann tut es irgendwann nicht mehr weh. Gestern habe ich den Auftakt gesehen und es hat mich nur noch gelangweilt. Fallschirmsprung ins Camp? Gab’s schon. Ansgar Brinkmann hieß früher Eike Immel oder Thorsten Legat. Und die Zicken aus den Zuliefer-Trash-Formaten geben sich die Klinke in die Hand. Es ist nur noch öde. In den nächsten Tagen werden die Rollen verteilt und alles ist wieder wie 2017 oder 2011. Es ist immer die gleiche Geschichte. Ich stelle mir vor es gäbe 12 Staffeln von Game of Thrones – aber es wird immer wieder die 1. Staffel neu verfilmt, nur mit anderen Hauptdarstellern. Kann man mal machen – aber 20 Jahre? Selbst die ganzen Schreiber in den Redaktionen, die jetzt den Dschungel lustig kommentieren – die wiederholen sich nur noch. Lästern macht keinen Spaß mehr, wenn man gefühlt alle Sprüche schon mal gehört hat. Ja, ich kenne die Kandidaten auch nicht. Außer…aber lassen wir das.

Keiner ist mehr überrascht, wenn da Ratten ins Nachtlager kriechen oder Maden von der Decke fallen. Die Moderation ist launig aber eben auch sehr routiniert launig geworden. Die Kandidaten werden lästern, werden den Dschungel ggf. versuchen für sich selbst zu nutzen und wir sitzen vor dem Fernseher und machen auch immer die gleichen Witze. Als Twitter-User folge ich vielen Menschen, die fast alle Trash-Formate (Frauentausch, Schwiegermutter gesucht, Bauer sucht Frau etc.) schauen und kommentieren. Ich verurteile das nicht, bewundere aber trotzdem, wie man es schafft so viel Fernsehen zu schauen, das sich immer wiederholt. Nur die Vornamen ändern sich. „Ach, jetzt macht der Martin wieder das und das“ und aus dem munteren Milchbauern wird der zaudernde Ziegenhirte. Gähn.

Ich kann den Dschungel nicht mehr schauen. Nicht wegen Unterschichten-Fernsehen oder Ekel-Gründen. Es ist schlicht megalangweilig. Es passiert nichts, es entwickelt sich nichts und es unterhält mich auch nicht mehr. Vielleicht ist das Dschungelcamp das wirklich letzte Lagerfeuer der Nation – wenn nicht das dumme Blondinchen aus Trash-Format XY auch dieses bei der Nachtwache ausgehen lässt. Weil sie ihr Naildesign überarbeiten musste.

PS: Aber weil ich meinen inneren Martin Schulz vielleicht nicht besiegen kann, werde ich ggf. meine Meinung ändern und stehe dem Dschungelcamp doch wieder zur Verfügung.

PPS: Ich habe heute keine Rose für euch.

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