140 Zeichen Hass.

Der Autor Maxim Biller hatte mal in grauer Vorzeit eine Kolumne mit dem Titel „100 Zeilen Hass“. Hier breitete der Journalist in der legendären Jetzt-Weltschau ‚Tempo’ seine Sicht der Dinge über gesellschaftliche Themen aus, die ziemlich konträr zur allgemeinen Anschauung der Dinge lag. Oft pointiert, gnadenlos egomanisch und eben triefend vor Ablehnung. Die Zeiten haben sich geändert. Aus Tempo wurde Übersch(w)all und aus 100 Zeilen 140 Zeichen. Nur der Hass, der ist geblieben – leider weniger intelligent und vielleicht noch eine Spur hassvoller.

Denn wir leben in aufgewühlten Zeiten. Gräben werden tiefer. Wir reden nicht mehr miteinander, sondern schreien viel öfter aneinander vorbei. Es geht nicht mehr um Dialog, sondern nur noch ums reden. Am dran sein. Am gehört werden. Von wem auch immer. 7 Followern oder 7 Millionen. Nachrichten sollen nicht mehr Nachrichten sein. Eher haben sie bei vielen Bevölkerungsschichten nur noch die Funktion das eigene Weltbild abzubilden. Wird das nicht getan, ist es eben Lügen- oder Halblügenpresse. Zeit hat niemand mehr: für Fakten, Recherche für Besonnenheit in unserem aufgehetzten und –geheizten Zeitalter.

Ich bin wie viele gerade erschüttert über die Anhäufung von Gewalttaten in Deutschland, Europa und der Welt. Jede dieser Taten hatte meines Erachtens andere Hintergründe: Terror (Ansbach, Würzburg), Amok (München) oder eine Beziehungstat (Reutlingen). Für die Angehörigen ist es wahrscheinlich egal, welcher Hintergrund die Tat jeweils hatte, sie wird das Leben aller dieser Menschen ihr Leben lang negativ beeinflussen. Allen diesen Menschen gilt mein Mitgefühl.

Trotzdem. Oder gerade deswegen. Habe ich nach dem Anschlag von Ansbach diesen Tweet geschrieben:

Bildschirmfoto 2016-07-27 um 11.59.13

 

Als Mensch. Nicht als Berliner. Nicht als Werber (wie ich danach auch verunglimpft wurde/werde – als ob ‚Werber’ kein Recht hätten auf eine Meinung zu einem Thema). Übrigens: ich habe politische Wissenschaft studiert, war knapp 9 Jahre als Offizier bei der Bundeswehr (habe also für unser Land wahrscheinlich weitaus mehr geleistet, als diese anonymen Internet-Krakeeler auf ihrem Sofa vorm Fliesentisch) und verkaufe keine Schokoriegel. Ich mache Wahlkämpfe und Kommunikation für öffentliche Institutionen oder Verbände. Mich mit gesellschaftlichen Themen zu beschäftigen gehört zu meinem Beruf. Und meine Aufgabe ist es, Menschen diese Themen zu erklären und nahe zu bringen. Sie ggf. sogar von einer guten Sache zu überzeugen. Ich liebe meinen Job.

Nichtsdestotrotz wurde ich nach posten dieses Tweets von anderen Usern mit dem Tode bedroht und etliche Male beleidigt. „Hurensohn“, „Arschloch“ oder „linksversiffter Gutmensch“ war eigentlich Standard. „Idiot“ habe ich schon fast als Kompliment aufgefasst.

Die Tweets gegen mich waren teilweise so hasserfüllt, dass ich mir fast mehr Sorgen um die Schreiber gemacht habe, als um mich. Wo biegt man eigentlich mental falsch ab, um in dieser Kommunikation voller Wirrnis und Verschwörungen zu landen. Wo jemand wie ich – ein kleiner Berliner mit einem dämlichen Beruf – zur Projektionsfläche für Hass wird von Menschen, die denken in unserem Land läuft alles falsch und Merkel gehört an den Galgen.

Überhaupt: wir, die immer noch sagen, dass es vor knapp einem Jahr richtig war, Menschen Schutz zu bieten, die vor Krieg und Zerstörung flüchteten. Wir müssen uns Naivität und das zur Beleidigung gewordene Gutmenschentum vorhalten lassen. Ich bin übrigens gerne und mit Überzeugung Gutmensch. Dabei ist es fast zum Lachen, dass genau die rechten Trolle, die fordern, die männlichen Flüchtlinge aus Syrien sollten ihr Land verteidigen, dass gerade diese „Helden“ nicht mal den Mut haben mit Klarnamen ihre Meinung zu vertreten. Schöne Helden sind das. Und wahrscheinlich die ersten die aus Deutschland flüchten, wenn es statt Pringels vorm Computer plötzlich Bomben zum Nachtisch gibt.

Wenn aber jemand wie ich zu seiner Meinung steht, trotzdem Mitgefühl für die Opfer und Angehörigen hat, dann wird er bedroht und gestalkt – weil man den Mut hat mit seinem Namen für seine Überzeugungen einzustehen. Und noch einmal: ich kann auch verstehen, wenn es Menschen gibt, die Merkels Flüchtlingspolitik ablehnen – aber wenn dabei Flüchtende entmenscht, Heime angezündet oder Thesen verbreitet werden, die nicht mehr auf dem Boden unseres Grundgesetzes stehen, dann ist bei mir Schluss. Schließlich ist es mehr als fragwürdig, wenn ein bekannter Blogger der FAZ genau diese Menschen noch mit Argumenten füttert und sich anhand eines Tweets eine Einschätzung darüber erlaubt, wie ich die Welt sehe und verstehe. Aber bloggende Berufsbesserwisser mit Internet-Anschluss haben nie die Welt verbessert, sondern geben nur Moment-Meinungen ab (die genauso lange nachhallen).

Zum Schluss: ich habe gestern gegen zwei Twitter-User Anzeige bei der Polizei erstattet, weil sie mir Tod und Gewalt androhten. Bei einem dritten habe ich überlegt, aber es war ggf. zu schwammig formuliert (hier profitieren die Trolle von unserem Rechtsstaat, den sie so doch so sehr hassen). Wir dürfen uns nicht von solchen anonymen Salonlöwen vorschreiben lassen, was wir wagen zu sagen und was nicht. Dafür musste ich mir von völlig empathielosen Trollen vorwerfen lassen, ich suhle mich in diesen Todesdrohungen (wie krank kann man sein?).  Ich mache mir keine Illusionen: es wird dabei nichts rauskommen. Alleine die Anzeige zu formulieren war irgendwie absurd. Wer hat mich geschädigt? Ein @irgendeinfantasiename aus ich weiß nicht wo. Das wird aller Wahrscheinlichkeit im Sande verlaufen. Was bleibt? Meine Frau hat Angst um mich, ich selbst sehe das eher gelassen. Doch was solche Hass-Trolle anrichten und an Furcht verbreiten, wenn sie jemand den Tod androhen, geht fast in Richtung Terror (den sie ja eigentlich so vehement ablehnen).

Und vielleicht kann das ein FAZ-Blogger aus dem beschaulichen Franken gar nicht beurteilen, wie sich das im fernen Berlin anfühlt – mit dem Tode bedroht zu werden. Aber: lassen wir den Hass nicht siegen, am Schluss setzen sich christlich-abendländische Werte durch: Nächstenliebe (die haben die selbsterklärten Bewahrer dieser Werte leider längst vergessen).

In dem Sinne bleibe ich dabei: Merkels Politik war, ist und bleibt richtig.

PS: Ich habe auch sehr viel Solidarität erfahren – danke dafür.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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