Nicht noch ein schnelleres Pferd.

Henry Ford – der große Autobauer der USA – soll mal gesagt haben: wenn er seine Kunden gefragt hätte, was sie sich wünschen hätten sie gesagt „ein schnelleres Pferd“. Heute fragt man im Internet permanent seine Kunden: per Tracking und diversen anderen Analyse-Tools erfahren Webseiten-Betreiber genau, was ihre Kunden oder Leser, anklicken oder eben nicht. Das Ergebnis sind im Grunde immer neue „schnellere Pferde“, aber keine Webseite, die den Mut hat, Dinge mal anders zu machen, als alle anderen. Denn auch dort machen die Leser alle das gleiche und jeder kommt auf die selben Schlussfolgerungen.

Warum ich das schreibe? Die Jugend-Webseite der Süddeutschen Zeitung, jetzt.de, startet einen umfassenden Relaunch. Dieser war wohl dringend nötig, denn seit der letzten großen Überarbeitung der Seite verlor jetzt.de dramatisch an Mitgliedern in der Community, was man unter http://mehrjetzt.tumblr.com/ nachlesen kann. Ich möchte es gleich vorausschicken: ich bin nicht objektiv. Für mich gehörte das jetzt-Magazin und auch die Webseite jetzt.de zu meiner digitalen Seite im Leben. So wie Dick zu Doof gehört. Oder zu einem Zwerg eben noch sechs weitere. Jetzt.de hat mich im Internet sozialisiert, zum  10-jährigen Bestehen der Seite durfte ich dazu auch eine Kolumne schreiben, die im dem dazu erschienenen Magazin gedruckt wurde. Den Text dazu kann man hier noch einmal nachlesen https://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/528914/Was-ich-vom-Internet-gelernt-habe – diese Seite hat mich viele Jahre begleitet, war Facebook und Twitter in einem für mich. Und mein größter Viral-Erfolg im Netz hängt auch mit jetzt.de zusammen. Als Anfang 2011 die Werbe-Agentur Jung von Matt, Judith Holofernes für die BILD-Kampagne verpflichten wollte, veröffentlichte ich dort einen satirischen Text. Es war eine fiktive Antwort der Werbeagentur auf die Absage der Sängerin. Ich veröffentlichte einen Link auf Twitter und danach explodierte das Netz. Hunderte Kommentare unter dem Beitrag, die Webseite an der Belastungsgrenze und der Chefredakteur musste eine Klarstellung veröffentlichen: dieser Text ist nicht von der Redaktion. Hier noch mal zum Nachlesen:

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/520439/3/Die-Antwort-der-Werbeagentur-Jung-von-Matt-auf-Judith-Holofernes

In seinen besten Zeiten war der sogenannte Kosmos von jetzt.de die inspirierendste Community, die ich je erlebt habe. Tolle, intelligente Menschen. Autoren mit einem Sprachwitz und einer -gewalt, die mich immer auch ein bisschen neidisch machte. Aber ist Neid nicht auch ein wenig das größte Lob, was man jemandem geben kann? Ich denke schon. Einige von denen sind später Schriftsteller oder Journalisten geworden. Alles, was ich an dummen Sprüchen jetzt auf Twitter mache, übte ich jahrelang auf jetzt.de. Ich wurde daher nicht Autor, sondern Werbetexter. Nach vielen Jahren konnte ich daraus dann endlich mal eine nationale Werbe-Kampagne machen. Für Lieferando. Auch das habe ich dieser Seite zu verdanken. Vielen satirischen Texten, die ich geschrieben habe, gab die Redaktion ein Forum und präsentierte sie auf ihrer Startseite. Das war Motivation.

Natürlich wurde ich wie fast jeder bei meiner ersten Bewerbung abgelehnt. Und dann noch mal abgelehnt. Genommen wurde ich, weil ich bei irgendeinem Schreibwettbewerb auf jetzt.de zu den beliebtesten Texten gehörte. Da wurde ich freigeschaltet. Ab da gehörte ich zu den Menschen die Texte veröffentlichen durften. Hört sich heute total wahnsinnig an: nicht jeder durfte dort schreiben, sondern nur die, die einen Auswahlprozess überstanden hatten. Das Gegenteil zu heute, wo jeder meint seine Meinung überall kundtun zu müssen, ohne einen geraden Satz aufs Online-Papier zu bekommen. Jetzt.de war von seiner Idee der Zeit voraus. Wo konnte man schon das tun, was man da machen konnte? Facebook und Co. gab es nicht. Meine einzige andere Community war ein Fußball-Netzwerk, wo sich Soccer-Nerds austauschten. Aber nichts hatte die Anziehungskräfte von jetzt.de.

Ich kenne selbstverständlich nicht die internen Gedankengänge der Redaktion. Aber nach jedem Relaunch wurde die ursprüngliche Idee der Einbindung der Community immer weiter zurückgeschraubt. Das tat mir weh. Irgendwann habe ich mir dann auch nicht mehr die Mühe gemacht, dort wirklich Texte zu veröffentlichen und wich auf mein eigenes Blog und zu „Der Freitag“ aus. Zurück blieben die ganz hartgesottenen, die auch kein Relaunch abschrecken konnte. Die schrieben jeden Tag ihren Tagesticker unbeirrt weiter und diskutierten dort, als wäre nichts geschehen. Als würde die immerwährende Beta-Phase des Webs nur eine Laune der digitalen Natur sein. Manchmal noch klickte ich in den Tagesticker und sah dort die gleiche Skatrunde, wie Jahre zuvor. Einerseits schön, andererseits auch traurig. Es war ja abzusehen, dass sich etwas grundlegendes ändern musste.

Denn anders, als etwa vor 5 oder 10 Jahren gibt es jetzt ernsthafte Konkurrenz im Netz. Mit bento oder zett. Und neon.de gibt es ja auch irgendwie noch. Das Problem am Internet ist sein Hang zur grundlegenden Gleichmacherei. Nach innen, wie oben beschrieben durch die Daten, die niemals lügen. Und nach außen eben auch. Jeder kommt heute an alle Informationen. Das Privileg der Jugend, ein eigenes Geheimwissen zu haben, was Erwachsenen nicht verstehen, verschwindet immer mehr. Man kann die gleichen Klamotten kaufen und die selbe Musik hören. Alles nur einen Klick entfernt. Ist Jugend nicht wirklich nur noch ein Alter? Wenn man heute bento Artikel liest, könnten die genauso gut auch auf spiegel.de gepostet werden. Kein Unterschied. Ich hoffe, jetzt.de wird nicht nur ein weiterer Kanal, um ein Jan Böhmermann Video zu promoten. Denn man Ende ist das dann nicht mehr bento, jetzt oder zett, sondern nur noch Facebook. Es schreiben ja eh alle über das gleiche.

Journalismus an sich ist heute auch ein Show-Geschäft: man braucht Rampensäue mit einer hohen Vernetzung im Internet, um wirklich Aufmerksamkeit zu erzielen. Es wird nicht nur alles schneller, sondern auch schriller. Alle reden über Rant-Journalisten wie Matussek, Martenstein oder deren junge Ausgabe von Rönne. Wahrscheinlich glauben die den Kram selbst nicht, den sie schreiben, aber wie soll man noch Awareness schaffen, wenn alles eine unerträgliche Konsens-Soße geworden ist. Gerade auch im jungen Journalismus. Da gibt es unzählige Lebenshilfe-Artikel, aber keine 100 Zeilen Hass mehr. Wir müssen nicht alles und jeden akzeptieren und lieb haben. Scheiße, ihr seid jung. Ihr müsst auf die Kacke hauen und mir nicht erklären wollen, wie man im Bewerbungsgespräch punktet. Oder wie man einen transsexuellen Veganer im Rollstuhl richtig anspricht. Leute, das langweilt.

Ich wünsche dem neuen jetzt.de alles Gute. Ich wünsche euch, dass ihr als Mutter aller jungen Angebote im Netz (aber immer noch eine attraktive MILF), den jungen Journalismus neu definiert. Jenseits von der Gleichmacherei der Themen durch den Moloch Internet. Diesseits des Konsens-Geschreibsels. Mit einer eigenen Stimme. Wieder mehr Rampensäuen in der Redaktion, die Leser auf die Seite ziehen. Die dann – in welcher Form auch immer – eine neue lebendige Community bilden. Ich werde da nicht mehr dabei sein. Denn selbst die erfolgreichsten Berufsjugendlichen gehen irgendwann in Rente.

Aber bitte denkt daran, trotz allen ausgewerteten Daten: das Internet und der Journalismus warten nicht auf noch ein schnelleres Pferd. Geht euren eigenen Weg, einen auf den die Leser vielleicht warteten.

 

 

 

 

 

 

Share