Zeit für ein #Ichgate

Die Aufregung über das Taschengate zeigt, dass es Zeit ist sich mal über Aufregung aufzuregen. Denn die Empörungskultur ist eine Kultur des Scheiterns. Höchste Zeit für ein #Ichgate.

Wir sind immer informierter, so können wir mit immer mehr Informationen unsere Welt noch besser an den Abgrund bringen. Aber natürlich nicht ich, sondern immer die anderen. Irgendwie ist dies genau das Mantra unserer Gesellschaft. Alle halten sich für besonders gut und weltrettend. Sie leben vegan und wollen auch sicher gehen, dass dies auch der sündhaft teure Kapsel-Kaffee ist, den sie trinken. Und der gleichzeitig für irrwitzige Müllberge sorgt. Sie fahren Fahrrad, aber für jede Fernreise nehmen sie das besonders CO2 freundliche Flugzeug. Sie sind extrem gegen Kinderarbeit, aber kaufen bei H&M ein. Der Arbeitsbedingungen bei Amazon sind wirklich schlimm, aber wenn da die DVD 3€ günstiger ist, kauft man sie eben doch da ein. Und Zalando ist einfach so praktisch, da kann man die Sachen bei Nichtgefallen zurückschicken. Von mies bezahlten Paketboten. Irgendjemand zahlt halt immer den Preis für unseren Lebensstandard: das Kind in Indien, die Umwelt in China oder der freundliche Niedriglohnarbeiter von Nebenan.

Wir alle führen ein mehr oder weniger schizophrenes Leben. Wir wollen jeder ein Gutmensch sein und schaffen es doch nicht. Wir sind besser informiert über alle Ungerechtigkeiten dieser Welt, aber nicht bereit etwas dagegen zu tun, als uns aufzuregen. Gestern las ich einen Bericht, dass Wähler der Grünen öfter mit dem Flugzeug reisen, als Wähler anderer Parteien. Das erklärt auch die überdurchschnittliche SUV Dichte im Prenzlauer Berg, wenn da sonst schon alles Bio ist. Wir alle wissen, dass wir nicht immer so leben, wie es sein müsste um Ressourcen zu schonen oder um menschenwürdige Arbeit in Billiglohnländern möglich zu machen. Davon kann sich keiner – auch ich nicht – freimachen. Auch ich kaufe Kleidung, von der ich nicht weiß, wie sie produziert wurde. Ich kaufe Obst und Gemüse nicht nur regional ein, sondern aus Spanien, obwohl ich weiß, welche Wasserverschwendung in den andalusischen Anbaugebieten herrscht. Diese Liste ließe sich noch ohne Probleme verlängern.

Diese Schizophrenie, zu wissen, dass man selbst ständig Dinge tut, die unserer Umwelt und anderen Menschen nicht gut tun, sucht sich immer wieder ein Ventil. Wie jetzt beim sogenannten #Taschengate. Warum regen wir uns so gerne auf? Weil es gut tut, die Fehler immer bei den anderen zu suchen, statt bei sich selbst. DM ist schuld. Oder Amazon. Oder Zalando. Nicht ich. Die Empörungskultur ist gleichsam eine Kultur des Scheiterns. Der Shitstorm gegen Amazon hat nur dazu geführt, dass die danach das Umsatzstärkste Jahr hatten. Hermes oder DHL sind auch nicht Pleite gegangen. Und auch der DM Drogeriemarkt wird eher wachsen statt Insolvenz anmelden. Die Empörung in Internet ist wie der Kampf Don Quixotes gegen Windmühlen: für den Augenblick vielleicht befriedigend, aber im Endeffekt vollkommen nutzlos. Die Geschichte der Facebook-Gruppen ist eine Geschichte voller Rohrkrepierer: Guttenberg kam nicht zurück, Wetten dass…? weiter tot und die Hunde in der Ukraine wurden weiter massakriert.

Jeder, der sich über eine vermeintlich nicht fair hergestellte Tasche bei DM aufregt, sollte vielleicht zunächst seine Kapselkaffeemaschine aus dem Fenster werfen, die Primark-Einkäufe zur Altkleider-Tonne bringen und einfach mal auf den Winter-Urlaub auf Bali verzichten. Wahrscheinlich tut er dann mehr für die Weltrettung, als sich nur zu empören. Aber das ist ja einfacher, als wirklich etwas zu ändern.

Darum wäre es Zeit, wenn wir uns einfach mal über uns selbst empören. Zeit für das #Ichgate.

Share

10 Bambis, die 2014 wirklich verliehen werden müssten.

Es ist die glamouröseste Preis-Gala Deutschlands, auch wenn sie gegen eine Oscar-Verleihung, wie eine eher mediokre Autohauseröffnung wirkt. Sogar die Musik ist nicht viel besser, als wenn Gunter Grabiel beim neuen Hyundai-Vertragshändler in Uelzen zur Klampfe greift und zum 1 Millionsten mal will, dass da jemand unter seine (jetzt eher: Heiz)Decke kommen soll (HORROR!).

Wie immer mäandert die Verleihung zwischen Peinlichkeit und Verlogenheit. Aber sind die letzten Wochen eines Jahres sowieso nur davon geprägt? In dem Sinne ist die Bambi-Verleihung der perfekte Auftakt für die letzten Wochen des Jahres. Dabei könnte man doch viel bessere und ehrlichere Bambis verleihen.

Hier nun unsere vollkommen unverlogenen Vorschläge:

1. Gold-Bambi -> Bernd Lucke

afd-lucke

Die goldene Gold-Bambi in Gold kann dieses Jahr nur der neue Politikgoldjunge Bernd Lucke bekommen. „Ich freue mich sehr über den Gold-Bambi, gerade weil sich diese Farbe hervorragend mit braun kombinieren lässt“, sagt er im besten Teleshopping-Jargon in seiner Dankes-Rede. Kein Wunder, verkauft die AfD ja nicht nur angebräuntes Gedankengut aus der Vergangenheit, sondern sogar Gold. „Natürlich nicht in Form von Euro-Münzen“ stellt Lucke klar. Besonders freut er sich, dass er die Gold-Bambi von seinem Freund und weg Begleiter Michel Friedman überreicht bekommt. „Der Jude kennt sich mit Gold und Geld ja sehr gut aus (das war jetzt aber nicht anti-semitisch gemeint)“, unterstreicht der AfD-Chef.

 2. Botox-Bambi -> Patricia Riekel

 patricia-riekel-sc

Die Bambi-Verleihung ist auch eine Leistungsschau der nationalen Schönheitschirurgie und verwandter Anti-Ageing-Sparten. Der Botox-Bambi ging bis jetzt jedes Jahr – verdientermaßen – an Donatella Versace (der Frankenstein-Bambi übrigens auch). Doch dieses Jahr hat der Burda-Verlag und die Bunte dem endlich einen Riekel vorgeschoben. 2014 bekommt die Bunte-Chefredakteurin den Botox-Bambi. Leider kann sie noch nicht einmal lächeln, so gelähmt sind die Gesichtsmuskeln. Und reden: „Höhöfdöhd shaai fdodpe fhfkfz dkdheu!“, fällt ihr auch hörbar schwer Aber was tut man nicht alles, um jung und schön zu bleiben? Und so bleibt uns wenigstens eine sinnentleerte Dankesrede erspart.

 3. Spar-Bambi -> Julia Jäkel

title

Julia Jäkel, die eiserne Lady des Journalismus, freut sich in ihrem einfachen H&M Abendkleid (29,90€ im Pre-Sale) über den Spar-Bambi. „Eigentlich wollten wir von Gruner + Jahr auch die Bambi-Verleihung absagen, bis wir merkten – die gehört ja zum Burda-Verlag (*kicher*)“, meint die Verlags-Imperatorin in ihrer leutseligen Art. In ihren Zalando-Pumps (49,90€, reduziert aus der Vor-Saison) bleibt sie auch bei der Award-Party Parkettsicher, verwundert ist sie nur, wie viele Journalisten es noch bei Burda gibt. „Wir bei G+J brauchen die als Verlag gar nicht mehr, sondern setzen auf die Flexibilität und Kreativität mäßig bezahlter Freiberufler – das spart sogar Weihnachtsfeiern, denn wer will schon nur mit Controllern Wichteln?“ Und was soll man da beim Wichteln geschenkt bekommen? Eingebungen?

4. Teflon-Bambi -> Klaus Wowereit

wowereit_klaus_jpg-data

Eine Bambi ausnahmsweise in Teflon nimmt dieses Jahr – wer kann es anders sein? – Klaus Wowereit nach Hause. Es gab schon Minister, die mussten wegen Einkaufchips für wenige Cent von ihrem Amt zurücktreten. Der regierende Bürgermeister von Berlin regiert aber noch immer, trotz eines Milliarden-Desasters am Flughafen und einem fast ebenso großen Imageschaden für die Stadt und das Land. Natürlich muss man Verständnis haben, dass er nichts von den Schwierigkeiten beim Bau des Großflughafens mitbekommen hat. Wie denn auch, er war ja nur Chef des Aufsichtsrates. Und wie jeder weiß, machen die eigentlich nichts, außer sich bezahlen zu lassen. Aus seiner Dankesrede: „Die Outdoor-Firma Jack Wolfskin möchte meine Haut klonen lassen, um damit ihre Jacken zu beschichten, davon perlt wirklich alles ab“, teilte der Noch-Regierende Bürgermeister in bester Party-Laune mit.

5. Friedensnobelpreis-Bambi -> Wladimir Putin

Wladimir-Putin-Russland-Islamismus-Scharia-Islamisierung-Abwehr-Kampf-der-Kulturen-Religionen-Duma

Für den echten Friedensnobel-Preis hat es leider nicht geklappt, dafür müsste man wahrscheinlich so viele Kriege führen wie Obama oder zumindest ständig Killer-Drohnen einsetzen. Doch wenigstens der Friedensnobelpreis-Bambi ist ein kleiner Trost. Der gut Deutsch sprechende Putin betonte in seiner Rede bei der Preisübergabe: „Wir haben in nächster Zeit nicht vor Deutschland zu besetzen, wer soll denn sonst die Bambi-Verleihung durchführen?“ Es bleibt also noch Hoffnung. Übrigens rangelte sich Putin bei der Aftershow-Party am kalten Buffet um die besten Kanapees mit Kai Diekmann – ein Zeichen dafür, dass der kalte Krieg wiederkommt?

 6. Ranglisten-Bambi -> ADAC

interpane-adac-muenchen-66-2

Um die Abstimmungen beim Publikums-Preis des Bambi-Awards kümmert sich in bewährter Manier der ADAC. Dort kann man per Anruf und online darüber abstimmen, wer so wichtige Bambis wie „Die beste TV-Serie“ bekommt. Gewonnen hat „Die Küstenwache“ weil die wenigstens zur Preisverleihung kommen wollten. Breaking Bad und Mad Men hatten leider keine Zeit. Tja. Pech gehabt, dann müsst ihr eben mit so einem Tralala-Preis wie dem Emmy vorlieb nehmen. Ätsch, selbst schuld. Küstenwachen-Megastar Rüdiger Joswig: „Gerade im Mittelmeer sieht man, wie wichtig es ist seine Seegrenze konsequent dicht zu machen.“ Übrigens: laut ADAC-Rangliste ist der Bambi der wichtigste Medienpreis der Welt (aber nur, weil das süße Bambi auch bei der Bambi-Verleihung vorbeischaute).

 7. Wut-Bambi -> HoGeSa

 2-format43

SORRY, ABER DIESER TEXT IST SO FUCKING WÜTEND, DASS ER EINFACH IN VERSALIEN GESCHRIEBEN WERDEN MUSS. UND ER IST AUCH NOCH SO VERDAMMT SCHREIEND KOMISCH. DER BUNDESVERBAND DEUTSCHER WUTBÜRGER FREUT SICH DEN DIESJÄHRIGEN WUT-BAMBI AN DIE „HOOLIGANS GEGEN SALAFISTEN“ ZU ÜBERREICHEN. ENDLICH REGT SICH MAL EINER IN DIESEM LAND AUF, MACHT JA SONST KEINER. AUS DER DANKESREDE VON SS-SIGGI: „ICH WAR AUF DER BERLINER SEX-MESSE VENUS ECHT SCHOCKIERT, DA HIESS ES ‚SAAL A FISTEN“ – DA DACHTE ICH: JETZT REICHT’S“ Uns auch.

8. Tschüss-Bambi -> Piratenpartei

grafik-piratenpartei-ich-will-so-leben-wie-ich-bin

Was hatten wir alle für große Hoffnungen in die Piratenpartei. Aber selbst bei der Hoffnung starb die Hoffnung zuletzt. Jetzt sie weg. Was bleibt? Erinnerungen an unzählige Gates, Skandälchen und grandioses Scheitern an sich selbst. Erkenntnisse: mit Twitter gewinnt man keine Wahlen, sondern verliert sie höchstens. Und für Überwachung interessiert sich kein Schwein, denn wer hat schon was zu verbergen? Die C-Promis auf der Bambi-Verleihung mit ihren Doppel-D gemachten Brüsten auf jeden Fall nicht. Der „Künstler International“ Bambi geht im Rahmen der Tschüss-Bambi Verleihung an F.R. David. Er intoniert „Nerds don’t come easy“ auf der Gala-Bühne.

9. Betonkopf-Bambi -> Claus Weselsky

claus-weselsky-540x304

Der halbe Saal bei der Bambi-Preisverleihung ist leer. Nicht wegen Claus Weselsky, die meisten reisen Business-Class per Flugzeug an, nein, viele wirklich Prominente sind einfach nicht gekommen zu dieser „Premium-Gala auf Weltniveau“. Man vermutet Angst vor Ebola. „Wenn Franz-Josef Wagner früher schwitzte, dachte man, der braucht nur schnell einen Whiskey, heute denkt man da doch ein Stück weiter“, so ein Besucher, der nicht genannt werden will. Auch Claus Weselsky ist nicht gekommen. Ganz einfach, weil er sich sowieso nicht gern bewegt. Per Video wird er jedoch zugeschaltet. „Isch bedange misch für den Betonkopf-Bambi, zeigt er doch, wie wichtisch diesem Lande Unbeweglischgeid ischt“, verlautbart der GDL-Chef. „Stillstand ist nicht Rückschritt, sondern Vorankommen“, unterstreicht in ihrer Laudatio für den Betonkopf-Bambi Preisträger Bundeskanzlerin Merkel. Denn wenn sich eine mit dem Thema auskennt, dann sie.

 10. Einsichts-Bambi -> Christian Wulff

christian-wulff-mai

Christian Wulff war ein Bundespräsident, der einem im Gedächtnis bleibt: schließlich besaß er Deutschlands hässlichstes Haus. Und er hatte jede Menge reiche Freunde, die ihn mal hier mal dort einluden. Schließlich stolperte er über 750 Euro und einem Riesenberg voller Dinge, denen er im Amt nicht gewachsen war. 2,5 Jahre später veröffentlicht er ein Buch, das noch einmal klar macht, warum er niemals hätte Bundespräsident werden sollen. Das ganze garnierte er mit bizarren Talkshow-Auftritten, die bewiesen, dass er so nah an der Lebenswirklichkeit steht, wie einst Erich Mielke, als er vor der Volkskammer seine Liebe dem DDR-Volk gegenüber zum Ausdruck brachte. Für so viel Einsicht kann es nur den Einsichts-Bambi 2014 geben. Wulffs Kommentar: „ich wäre immer noch der richtige im Amt.“ Fragt sich nur welches? Bademeister? Denn ins Schwimmen kommt er ja ganz gern.

 

 

 

 

Share

Die Wohlstandsmauer muss weg.

Die Lichtgrenze ist das wichtigste Kunst-Happening in Berlin, seit Christo den Reichstag verhüllte. Berlin ist heute wie damals ein Ort, der wie kein anderer nicht an seiner jüngeren Geschichte vorbeikommt. Kein Wunder, viele Jahre stand man ja auch vor einer Mauer, die alles umschloss. Zum 25. Jubiläum des Mauerfalls erleuchtet nun die Lichtgrenze über 15 Kilometer Länge den Verlauf der Mauer innerhalb der ehemals geteilten Stadt.

Ich selbst war an vielen prominenten Orten, wie dem Brandenburger Tor, dem Checkpoint Charlie oder dem Reichstag. Mit mir waren unzählige Menschen auf der Straße, die noch einmal erleben konnten, wo früher zwei Systeme aufeinanderprallten. Es herrschte eine aufgeregt-fröhliche Stimmung, man stieß mit Sekt an und viele fotografierten die Lichtinstallation. Wo früher Teilung herrschte, war nun ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen konnten, um Geschichte zu erleben. Eine wirklich gelungene Aktion, um den Mauerfall zu begehen.

Abseits der ganz großen Orte des Gedenkens war ich auch unterwegs und kam an eine Stelle am Nordhafen, wo Mitte und Wedding bis 1989 durch eine Mauer geteilt wurden.

B16S7egIUAAlG58-1

Direkt hinter der Lichtgrenze stand hier zwar keine Mauer an sich, dafür aber typische Townhouses (für jeden Geschmack, ab 500.000 Euro aufwärts) auf der Seite von Berlin-Mitte. Wie an vielen Orten des Bezirks, so entstehen auch hier Häuser und Wohnungen für Menschen, die es sich leisten können. Letztens sah ich das Angebot einer 138qm großen Wohnung für 1 Million Euro: Engel & Völkers – schaut auf diese Stadt.

Das Bild blieb mir im Kopf hängen, zeigt es doch die Teilung der Stadt nach der Berliner Mauer, die in den letzten Jahren eher zu- als abnimmt. Menschen mit geringem oder auch normalem Einkommen, können sich die Mieten in den Innenstadtbezirken nicht mehr leisten und ziehen in sogenannte Verdrängungsbezirke um. Zum Beispiel dem Wedding. Wer wie ich (noch) in Mitte lebt und oft im Wedding unterwegs ist, der weiß, dass zwischen 2 Kilometern Luftlinie Welten liegen, die nichts miteinander zu tun haben. Die betucht-urbane Wohlfühlwelt von Mitte, zwischen Yoga-Studios, Designer-Lofts und Bio-Läden, hat nichts mit dem (immer noch) Innenstadt-Ghetto Wedding zu tun, das sich gerade in der 1. Gentrifizierungs-Phase befindet.

Die Menschen aus dem Wedding sind wahrscheinlich genau so oft in Mitte, wie DDR-Bürger früher im Wedding. Kaum bis gar nicht. Denn nur weil es keine sichtbaren Mauer mehr gibt, heißt dies ja nicht, dass keine Mauern mehr vorhanden sind. Vielleicht sogar viel stabiler und höher, als es der sogenannte antifaschistische Schutzwall je war. Und ohne Beton, zementierter. Die Segregation der Bewohner Berlins wird gerade wieder stärker. Es stimmt natürlich: jeder kann überall hingehen, aber nicht jeder ist überall willkommen. Dabei sollte Freiheit auch immer die Freiheit des andersverdienenden sein.

Man sollte bei aller berechtigten Begeisterung über das Ende der Teilung nicht vergessen, dass gerade insbesondere in Berlin eine neue Form der Teilung erschaffen wird. Jenseits aller Festreden ist dies eine Aufgabe, die der neue Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, ab Dezember anpacken muss. Schließlich sollten gerade bei einem Sozialdemokraten teilen etwas anderen bedeuten, als trennen.

 

Share

25 Dinge, die passieren würden, wenn heute die Mauer fallen würde.

Journalismus früher: “Hey listen!” Journalismus heute: “Hey, Listen!” Getreu diesem Motto nehmen wir uns heute dem an, was den 9. November so wichtig macht: Abdankung des Kaisers, Reichspogrom-Nacht, dem Mauerfall.

Hier versammeln wir in bester, neuster journalistischer Tradition 25 Dinge, die passieren würden, wenn heute die Mauer fallen würde.

1. Fifty Shades of Grey DDR-Edition

sachRiemann

Die DDR war das graueste Land der Welt, gleichzeitig musste man sadomasochistisch verlangt sein, um da leben zu wollen. Also lag nichts näher (außer der goldene Westen mit seiner Glitzerwelt), DEN Sex-Roman des Internets auch in der DDR zu veröffentlichen. Schließlich war man da dank FKK einiges gewöhnt und ließ sich nicht so leicht schocken.

2. BILD veröffentlicht die Telefonnummer von Erich Honecker

DIGITAL IMAGE

Die BILD hat seit jeher einen Faible für Betonköpfe. Der Fidel Castro des Axel Springer Verlags – Kai Diekmann – kennt da keine internationale Solidarität, sondern nur noch imperialistische Transparenz. Endlich kann man Honni mal die Meinung Schalmeien! Danke Genosse Diekmann!

3. Primark verkauft FDJ-Hemden für 1 DDR-Mark

primark-bild

Cogito ergo Konsum ist das Mantra des globalen Kapitalismus: Primark lässt nicht umsonst in der Primark Brandenburg produzieren, sondern für einen Hungerlohn. Die FDJ Hemden für einen Spott-Preis finden reißenden Absatz unter West-Jugendlichen, die sich mal aus der Masse der Arbeiterbewegung herausheben wollen.

4. Erich Mielke erhält den Mut-Bambi

Festveranstaltung SV Dynamo, Erich Mielke

Aus der Gala-Rede auf der Bambi-Verleihung des Burda-Verlages: “Die einzigartige Darstellung eines Stasi-Chefs vor der Volkskammer, der sein Volk liebt, war mutig und beispiellos in der deutschen Filmgeschichte.” Den Integrations-Bambi erhält der Typ aus Rostock-Lichtenhagen, der seine Jogginghose bepisste.

5. Buzzfeed-Reportage “Menschenunwürdige Katzenhaltung in der DDR”

buzzfeed-screenshot1

Miau! Knallhart recherchierter Investigativ-Listenjournalismus. So kennt man unsere Freunde von Buzzfeed. Ausnahmsweise im Fließtext nehmen sie sich dem an, was ihnen wirklich ist: Katzen. Ihre erschütternde Reportage über Katzenhaltung in der DDR (eingesperrt durch die Mauer, kein Whiskas) rüttelt die Menschen in der BRD auf. Sie senden Katzenbilder in den Osten.

6. Frau läuft 10 Stunden durch Ost-Berlin und findet keine Männer

harrassment

Inspiriert vom Film einer Frau, die 10 Stunden durch New York läuft und 108mal belästigt wurde, schickt der Sender Freies Berlin eine Frau durch Ost-Berlin. 10 Stunden läuft sie durch die Hauptstadt der DDR und niemand spricht sie an – einfach weil keine Männer da sind. “Das die Versorgungslage mit Männern in der DDR so schlecht ist, hätte ich nie für möglich gehalten”, so die süße West-Biene (eine Zote muss sein).

7. Wolf Biermann rückt in die DSDS-Jury ein.

51887236

Endlich bekommt Mecker-Onkel Dieter Bohlen den passenden Sidekick. Schon in der ersten Sendung beleidigt er Teilnehmer aus DDR mit “ihr seid der elendige Rest” vom Re-Call. Da staunt selbst die schärfste Zunge des RTL-Fernsehens Bohlen.

8. US-Stars müssen “Ein Kessel buntes” besuchen.

will-arnett100_v-TeaserAufmacher

Langsam bringen Hollywood-Schauspieler schon Routine mit beim Besuch seltsamer Samstag-Abendshows aus Mehrzweckhallen in der Provinz. Aber ein Kessel buntes ist noch mal ein neues Level. Ist Wetten dass…? Police Academy, so ist das ostdeutsche Pendant in etwa so schreiend komisch wie Police Academy 5. Besonders schwierig wird es durch Simultan-Übersetzer mit stark sächsischen Akzent.

9. Ost-Berlin Tag und Nacht.

Berlin Tag & Nacht

RTL2 reagiert umgehend auf die Wiedervereinigung und bringt einen Ableger ihres Erfolgsformats “Berlin Tag und Nacht” heraus: Ost-Berlin Tag und Nacht. Eigentlich ist alles genauso wie beim West-Original (Darsteller haben auf beiden Seiten einen IQ von 40 – passend zum DDR-Geburtstag), nur sind im Osten alle Protagonisten arbeitslos und fremdenfeindlich.

10. Neues Forum auf Spiegel Online eingerichtet

890909_neues_forum_dpa_542-data

Endlich können DDR-Bürger denen “da oben in der gleichgeschalteten Chefetage des Spiegels” mal die Meinung geigen. Der Ost-Troll wird geboren und findet sogleich seine Heimat. Foren die DDR-Bürger früher an den Balaton, so gönnen sie sich jetzt eine Auszeit als pointierter Kommentator des Zeitgeschehens: im neuen Forum auf SPON.

11. Margot Honeckers Snapchat Account geleakt

honecker-DW-Politik-Berlin

DDR-Bürger mussten ziemlich viele schreckliche Dinge mitansehen: Katarina Witt bei Lets Dance oder Kai Pflaume bei “Nur die Liebe zählt” zum Beispiel. Aber die geleakten Nacktbilder von Margot Honecker sind noch einmal eine ganz neue Dimension. Das das in unserer wunderbaren Republik möglich gewesen ist, neben Schießbefehl, Selbstschussanlagen oder Pittiplatsch – ein Unding!

12. Claus Weselsky wird letzter DDR-Regierungschef

gdlchef-claus-weselsky

Betonkopf nach Betonkopf. Es gibt keinen idealeren Nachfolger für den obersenilen ewigen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, als  Claus Weselsky. Schließlich erinnern nicht nur seine Anzüge von der Stange an DDR-Politiker, vom Aussehen erinnert er sogar ein wenig an lupenreine Demokraten wie den syrischen Diktator Assad. Es kann nur einen geben – ein kluger (Schach)Zug.

13. An dieser Stelle stand ein Text zu Juliane Leopold

 

Diesen Text habe ich auf Wunsch von Juliane Leopold entfernt. Wir hatten ein kontroverses Gespräch über Satire an sich und es wurde auch kurzzeitig emotional. Sie hat mir aber nicht mit einem Anwalt gedroht, sondern mir sehr persönlich erklärt, warum sie gerne hätte, dass ich Foto und Text entferne. Das fand ich auf jeden Fall viel besser, als ein Schreiben von einem Anwalt zu bekommen. Ich habe Juliane Leopold erklärt, dass es mir nicht darum ging, sie zu trollen oder persönlich zu verletzen, sondern dass sie nur darum in dieser Liste erschien, weil sie als Buzzfeed-Chefredakteurin sozusagen die “Mutter aller Listen” ist. Ich finde es hat Courage, einfach selbst anzurufen und Dinge zu klären. Daher habe ich den Text entfernt.

14. My First Banana Viral

titanic-banane-5160481537674527147

Im Stile des Viral-Hits “First Kiss” zeigt “My first Banana” wie Ostdeutsche auf ihre erste Banane reagieren. Unglauben, schüchterne Annäherungsversuche und vergebliche Versuche, sie zu schälen. Manche finde das zwar Banane, aber 13,78 Millionen Klicks (genau die Einwohnerzahl der DDR!), lassen sich nicht wegdiskutieren.

15. Abgenickt von Blockflöte Tech Nick

629aff8f17e0bb6a960805a4cca2e529-technick-large

Ein großer Elektronik-Einzelhändler startet kurz nach dem Mauerfall eine Kampagne mit dem Slogan “Abgenickt von Tech Nick”, der Schauspieler war früher Mitglied der Ost-CDU und damit mehr als prädestiniert zum Abnicken.

16. Jan Böhmermann wird DDR-Bürger

Bildschirmfoto 2014-11-07 um 14.13.43

Jan Böhmermann ist sich für keine Provokation zu schade. Jetzt stellt er allen Ernstes kurz vor der Wiedervereinigung einen Antrag auf Einbürgerung – in den Arbeiter- und Bauernstaat. Zum Glück passt er mit seinem aktuellen Outfit hervorragend nach Hoyerswerda oder in die sächsische Schweiz. Siegstyle, lieber Böhmermann!

17. Twitterwall zum Mauerfall

Picture-12

Einfach nur geschmacklos: Zum Mauerfall fällt Twitter nichts besseres ein, als eine Twitterwall zu schalten. Skandal. Die Digital Native der Vertriebenen @erikasteinbach ist entsprechend empört: “Die gesamte Twitter-Belegschaft in den Geschichtsunterricht – und zwar mit einer Deutschlandkarte in den Grenzen von 1937!” #gehtgarnicht

18. Helmut Kohl tumblr: Kohl looking at things.

FILE PHOTO OF GERMAN CHANCELLOR HELMUT KOHL HOLDING A CABBAGE.

Der tumblr zeigt den “Großen Führer der europäischen Einheit und weisesten Menschen unter der Sonne aller Sonnen” (BILD-Zeitung) bei Besuchen von Chemie-Fabriken in Bitterfeld, Werften in Rostock oder im Braunkohletagebau in der Lausitz. Immer betrachtet er dabei Dinge – meistens in seiner sehr eigenen Sicht. Bis heute.

19. Playstation Game “Schießbefehl Mauer”

stalker-ego-shooter

Wie kann man die schreckliche Geschichte der Mauertoten der Jugend besser nahebringen, als mit einem Egoshooter? Mit finanzieller Unterstützung des Bildungsministeriums entsteht das Spiel “Schießbefehl Mauer”. Minsterin Wanka: “Endlich können Jugendliche sich hinein fühlen, wie menschenverachtend das Grenz-Regime wirklich war.” Im Gegensatz zu den Republikflüchtlingen, haben die Grenzsoldaten im Spiel drei Leben.

20. Facebook-Gruppe “Gehen wir den 3. Weg”

facebook

Die Geschichte von Facebook-Gruppen ist eine Geschichte voller Erfolge: die Hunde in der Ukraine wurden gerettet, Guttenberg ist zurück und Wetten dass…? wird nicht abgesetzt. Diese Gruppe setzt sich für eine Demoraktisierung der DDR ein, ohne Wiedervereinigung. Wie das wohl ausgeht?

21. Amazon sendet Westpakete umsonst in den Osten

bundeskartellamt-amazon-marktbehinderung

Ein Herz für die Landsleute und Landsleutinnen in der DDR. In den Monaten nach der Wiedervereinigung sendet der Weltkonzern mit Herz Amazon seine Pakete ohne Versandgebühr in den Osten unseres Vaterlandes. In der DDR werden Paketboten daher auch zärtlich “Amazonie” genannt.

22. ZDF plant ostdeutsches Breaking Bad

Breaking-Bad-Season-51

Der innovativste Deutsche TV-Sender nach Bibel TV, dass ZDF plant etwas wirklich bahnbrechend neues: Nein, kein Affe Charly aus Weimar, sondern das ostdeutsche Pendant zum US-Serien-Hit “Breaking Bad”. Programm-Chef Himmler (immer noch kein Scherz) dazu: “Walter Weiss, Chemiearbeiter im VEB Chemieproduktion Wolfen, backt aus einfachsten chemischen Zutaten die Frau Christel Meff, die gnadenlos süchtig macht.” Wir können es kaum erwarten.

23. Veronica Ferres spielt Katarina Witt

11-06

Veronica Ferres hat als Staatsschaupielerin der BRD so ziemlich alles gespielt: Willy Brandt in “Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört” oder sogar die Ehefrau eines windigen Finanzhais (das täglich). Daher ist sie die einzige, die Katarina Witt verkörpern kann – das schöne Gesicht des Sozialismus.

24. Das Sandmännchen wird nach China verkauft

sand4

Liebe DDR-Kinder, ihr müsst jetzt ganz stark sein. Eine Finanz-Holding aus China kauft das Sandmännchen und setzt es zukünftig im chinesischen Staatsfernsehen bei Bildstörungen ein. Sand aufs Herz: der globale Monopol-Kapitalismus hat nichts menschliches mehr an sich.

25. Intershops führen Online-Shops ein.

0025503607-0055100198

Auch die Intershops in der DDR führen nach der Wende einen dieser neumodischen Online-Shops ein. Gleichzeitig gibt es jetzt an jedem Shop eine Webcam, bei der die DDR-Internetnutzer sehen können, wie lang gerade die Schlange vor ihren Intershop ist. Mittels einer App bieten DDR-Bürger ihre Schlangenplätze gegen Naturalien anderen an, die nicht so viel Zeit beim Warten verbringen wollen.

 

 

Share

Ein Schachzug nach Nirgendwo.

Der Bahnstreik teilt Deutschland und dies ausgerechnet genau 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. Die einen sind empört über den 4-tägigen Ausstand, wieder an einem Wochenende, wovon abermals viele Pendler betroffen sind und gerade jene, die zu den Jubiläums-Feierlichkeiten in Berlin reisen wollten. Die anderen betonen das Grundrecht auf Streik und sehen eine große Notwendigkeit, dass die Löhne der Lokführer steigen (die übrigens wir dann mit höheren Preisen für Fahrkarten bezahlen – höre jetzt schon den #Aufschrei). Die Veröffentlichung der Telefonnummer von Claus Weselsky durch Boulevard-Medien ist dabei mehr als eine Randnotiz. Leider muss man sagen, dass dies nicht die erste Telefonnummer war, die u.a. die BILD veröffentlichte und es wird auch nicht die letzte sein. Volkszorn braucht eben laut Meinung von Kai Diekmann und anderen Chefredakteuren ein Ventil. Aber darum soll es hier gar nicht gehen.

Vor einem Jahr bin ich nach Braunschweig gefahren. Hin mit dem Fernbus und zurück mit der Bahn. Die Busfahrt kostete 7€ und die Bahnfahrt 36€. Zeitlich sparte ich mit der Bahn (musste einmal umsteigen) gut 30 Minuten gegenüber dem Bus. Der Zug brauchte 1:58h, der Fernbus für die Strecke 2:30h laut Fahrplan. Dafür musste ich aber eben viel tiefer in die Tasche greifen. Da ich vorher noch nie Bus gefahren bin – wer einmal am irgendwie schmuddeligen ZOB in Berlin stand, weiß auch warum – war ich entsprechend misstrauisch. Fahren da nur Leute mit, die sich die Bahn nicht leisten können? Ist das also eine Art arme Leute Fortbewegungsmittel, wie der Greyhound in den USA? Der Zentrale Omnibusbahnhof in Berlin ist alles, nur nicht zentral. Er befindet sich jwd tiefst im Westen, strategisch günstig bei der Auffahrt zur Stadtautobahn. Der Bus war sauber, die Mitfahrer ganz normal und der Bus sogar 15 Minuten zu früh an seinem Ziel, direkt am Hauptbahnhof Braunschweig. Es gab sogar funktionierendes WLAN, etwas, was ich bei der Bahn noch nie erlebt habe. Viele meiner Vorurteile wurden also entkräftet.

Einen Tag später dann die Rückfahrt. Mein Zug hatte schon in Braunschweig über 30 Minuten Verspätung, so dass ich den Anschlusszug in Hannover verpasste, wo ich umsteigen musste. Meine Reservierung war hinfällig und erst nach langem Suchen fand ich einen freien Platz. Schließlich war ich über 3 Stunden unterwegs gewesen, statt knapp 2 Stunden. Zumindest kann man sich dafür heute einen Teil des Fahrpreises erstatten lassen. Aber auch das ist mit Aufwand verbunden und eigentlich will man ja nur halbwegs pünktlich ankommen und nicht danach noch Zeit aufwenden, um Geld zurückzubekommen.

Jetzt habe ich die Fahrt meines Schwiegervaters an Weihnachten organisiert. Das Zugticket hin und zurück kostet 156€. Ein Flug wäre halb so teuer gewesen, aber mein Schwiegervater ist schon so alt, er setzt sich lieber einfach in den Zug, als zum Flughafen zu fahren und dort zu boarden. Ein Bus hätte sogar nur einen Bruchteil gekostet, als die Bahn. Aber auf der längeren Strecke (Krefeld –Berlin) hätte der Bus deutlich länger gebraucht. Etwa 3 Stunden mehr, als die Bahn. Wenn sie pünktlich ist. Wem auf längeren Strecken die Zeitersparnis egal ist, der kann beim Umsteigen auf den Fernbus viel Geld sparen. Ich glaube, die größte Hemmschwelle bei vielen Deutschen ist im Moment noch das Gefühl, dass der Bus eben ein Mobilitätsangebot der 2. Klasse ist. Nur was für Studenten oder anderen Menschen mit beschränktem Budget. Das heißt, Fernbusse haben ein Image- und weniger ein Qualitäts-Problem.

Daher ist der Bahnstreik wahrscheinlich das Beste, was der Fernbus-Branche passieren kann. Viele Reisende, die aus den genannten Gründen den Bus nie nehmen würden, müssen ihn quasi zwangsweise ausprobieren. Sie sehen, dass der Komfort einer Reise nicht schlechter ist, als bei der Bahn. Ab und an sogar besser, jeder, der mal in einem alten IC saß, weiß, was ich meine.

Der Bahnstreik wird den Lokführern kurzfristig helfen. Mittel- und langfristig aber schaden. Konsequenz der höheren Gehälter werden höhere Fahrpreise sein. Die Schere zwischen den Fernbus-Tarifen und denen der Bahn wird immer größer werden. Auf mittellangen Strecken hat die Bahn kaum Zeitvorteile, die sie sogar (gefühlt) oft durch Verspätungen verliert. Die Folge kann sein, dass immer mehr Reisende auf Fernbusse umsteigen. Zumindest solange sie noch so günstig sind. Und: die Lokführer haben eine großen Imageschaden erlitten, egal wie berechtigt oder unberechtigt der Streik ist. Die Bahn ist eine Branche von der täglich Millionen abhängig sind, Kunden, die man nun vergrault. Das war früher vielleicht egal, weil es keine vernünftigen Alternativen gab, aber heute nicht mehr. Der Bahnstreik wird von der Mentalität eines Quasi-Monopolisten geführt, genau deswegen kann Claus Weselsky den Rambo der Gerechten aufführen. Was viele freut, weil es so scheint, als wenn es einer mal denen da oben so richtig zeigt. Das Gegenteil ist der Fall. Weselsky erweist den Lokführern einen Bärendienst. Leider ist seine Einsicht genau so verspätet, wie so mancher ICE.

 

Share

Das Shitstormgeschütz der Demokratie.

Die einzige wahre Festrede zum 20. Jubiläum von SPIEGEL Online:

Liebe äußerst friedvolle SPIEGEL Familie,

Rudolf Augstein nannte seinen SPIEGEL einmal zärtlich das „Sturmgeschütz der Demokratie“. Heute möchte ich mich deswegen ganz weit aus dem Browserfenster lehnen und SPON das Shitstormgeschütz des besten schlechtesten Herrschaftssystems nennen (frei nach Churchill). Dieses Ehrentitel hat es sich gerade in den letzten Monaten eifrig verdient. So hat doch gerade unser beliebtes Konzept SPIEGEL3.0 (3.0 steht hier nicht für Promille, die Zeiten des Journalismus sind ja nun vorbei) gezeigt, wie Troll gerade die Print-Redaktion eine enge „Verzahnung“ von Off- und Online findet.

Aber lassen sie uns zunächst einen Blick auf die Anfangstage von SPON werfen: damals im Kellerbüro neben den Toiletten, als die Spinner und Nerds mit ihren quietschenden 56K Modems niemand ernstnahm. Die durften erst ins Internet, wenn Rudolf Augstein fertig telefoniert hatte – und jeder, der Rudi noch kannte, weiß, wie lange er mit seiner Frau telefonierte… Spiegel TV hatte damals beim Blick in den Redaktionsraum spontan die Idee zur Sendung „Das Modem und der Freak“. Leider wurde davon nur ein Pilot gedreht – und der ist dann auch prompt in Streik getreten. Das war früher nicht anders als heute: der Lokruf des Geldes verdrehte schon damals jedem den Kopf. In ihrem Kellerbüro ohne Windows brannte ständig das Licht, denn die Datenautobahn hatte 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche geöffnet. Wirklich viel viel Arbeit. Da konnten die Print-Leute in den einschlägigen Kneipen schon gemütlich weiter recherchieren und sch zum Spesenritter schlagen lassen.

Ja, das waren goldene Zeiten des Journalismus. Man sendete ausschließlich und baute aus blöden Leserbriefen Papierflieger in Form der Concorde, die gerade so böse abgestürzt war. Auch die hehrsten Journalisten können an und für sich ganz zynisch sein. Die kaum beachteten und geachteten Kollegen von SPON, aber mussten sich von den Print-Redakteuren Sätze wie „Das liest doch keiner“ oder „Online machen doch nur die, die nicht gut genug für Print sind“ anhören. Schon damals zeigte sich die enge Verzahnung von Print und Online durch starke Bisse in die Büroschreibtischplatte. Print-Kollegen hielten sich nicht für was besseres, sondern für was viel besseres. Muhammad Ali wäre gegen die der bescheidenste Mensch der Welt gewesen.

Irgendwann aber fingen die Auflagenzahlen des Sturmgeschützes an zu bröckeln. Heute ist es eher ein schweres Maschinengewehr. Aber eher so ein altes, was man lieber den Kurden gibt, als damit eigene Rohrkrepierer zu produzieren. Heute begegnen sich Print- und Online-Redakteure sogar auf Augenhöhe. Wenn sie sich mal begegnen würden, denn aus der „engen Verzahnung“ von Print und Online sowie dem vielbeschworenen SPIEGEL3.0 ist ja nichts geworden. Im kalten Krieg nannte man das friedliche Ko-Existenz. Übrigens sitzt die Print-Redaktion im Ostflügel.

Lassen sie uns also unser Glas erheben (Faber Sekt, wir müssen schließlich sparen, wie bei G+J): 20 Jahre digitaler Journalismus haben aus SPON ein Vorzeige-Objekt gemacht – nur nicht im eigenen Haus. Ich erspare mir jetzt die Plattitüde vom Propheten im eigenen Neuland und appelliere an die Vernunft: reicht euch die Hand, aber öffnet vorher die geballte Faust, damit wir in nochmal 20 Jahren feiern können: 10 Jahre nach dem Ende des SPIEGEL – schön wars.

Share