Tweetyimages / 06.03.2014

 

 

 

 

 

 

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Die irren Augen des Mesut Özil

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Die irren Augen des Mesut Özil können schreiben.

Es war ein Tag, wie jeder andere: Eine bekannte Aneinanderreihung von Gewohnheiten, Abläufen und Gesprächen. Ich badete darin, wie in einem „Ich habe Miles Davis gehört und verstanden“ Badezusatz. Es roch nach Moschus mit einer kleinen Prise Patchouli. Zufrieden suhlte ich mich in meiner überbordenden Selbstgenügsamkeit. Bis. Ja. Bis die Mutter aller Eilmeldungen über den Live-Ticker kabelte. Eine Horror-Nachricht. Nein, der Krim-Krieg war nicht ausgebrochen. Schlimmer. Der Musikantenstadl wurde bis Ende 2015 verlängert. Und als wäre das Elend der Welt nicht versinnbildlicht durch diesen Sieg des Schunkel-Deutschlands über den Rest an Geschmack, meldete die Abendzeitung Insolvenz an. München ohne Abendzeitung ist wie Kir ohne Royal. Na, gute Nacht.

In dieser Stimmung saß ich am Tresen meiner Stamm-Kneipe und genoss ein Pils aus der Hausbrauerei. Ich fühlte mich als Teil einer Bewegung, die sich nicht bewegte, sondern an Kneipentresen festgebunden die Dinge versteht. Oder verstehen will. Oder auch nicht versteht. Je nachdem, wie man es eben versteht. Verstanden? Egal. Jedenfalls sitze ich da schaue die Kacheln an der Wand an, denke deswegen aus unerfindlichen Gründen an Jörg Kachelmann in einem „New Jörg City“ T-Shirt, als mir der Typ neben mir auffällt. Also nicht der Typ an sich, sondern seine Augen. Ich bin total fasziniert davon, denn sie sehen genau so aus, wie die von Mesut Özil. So ein bisschen glupschig und rausgewölbt, als ob der Druck in seinem Kopf einfach zu groß ist. Und diese gewisse Melancholie in seinem Blick: wie ein steter Herbst der stummen Schreie.

Ich schaue ihm in die Mesut Özil Augen, grinse und setze an: „Du hast Augen wie…“ „Mesut Özil“, verbindet der junge Mann meinen Satz. Scheinbar hat er das schon oft gehört. Vielleicht auch zu oft. Spontan bitte ich ihn um ein Autogramm. Er lacht und unterschreibt auf einem Bierdeckel. Lässig schiebt er den Deckel rüber. Leider hat er aber nur die Augen von Mesut Özil und ist nicht Mesut Özil selbst. Darum kann ich sein Autogramm nicht auf ebay verkoofen und bekomme dafür circa 300 Milliarden Euro. Was könnte ich für die 300 Milliarden Euro alles erstehen? Zum Beispiel die Abendzeitung. Dort würde ich ohne Schimmer vom Journalismus Schimmerlos-Journalismus machen. Ich finde das ist ein wunderbares Vorhaben. Die Abendzeitung wäre die erste Tageszeitung die völlig unabhängig von ihren Lesern wäre. Die bräuchte sie gar nicht mehr. Warum auch? Wir könnten über alles schreiben, was wir wollten: Blumen, Bienen oder abstürzende Steilküsten. Ein Traum. Und wenn es mal einen Tag geben würde, an dem wir keinen Bock hätten, würde die Abendzeitung einfach gar nicht mehr erscheinen. Oder als App.  Was auf das gleiche hinausläuft. Wie einfach die Welt doch war, wenn man sie durch die irren Augen des Mesut Özil betrachtete.

Ich zahlte, ging raus auf die Straße, auf der es schon nach Frühling roch. Es war doch nicht alles schlecht. Nur fast alles.

PS: Der einzige Stadl-Witz, den ich noch reißen kann:

„Darf ich mich vorstellen: Andy Borg.“

„Angenehm: Alf, Mensch.“

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Politik machen, statt Politiker kaputt machen.

Wahrscheinlich haben Sie auf den Link geklickt, weil Sie sich noch mehr Eskalation gewünscht haben. Geben Sie es ruhig zu. 5 Minuten Popcorn machen eben mehr Spaß, als 5 Stunden in einem überfüllten Raum zu sitzen, in dem ganze Anträge vorgelesen werden. Das ist eher anstrengend. Darum werden Sie hier keinen Mitschnitt des sogenannten Drohanrufs hören, von dem keiner weiß, welche Drohung da im Raum stand. (Zudem wird sich sowieso nach der Riesen-Empörung alles in Luft auflösen – setzt eure Energie gewinnbringender ein: zum Beispiel für Wahlkampf).

Um was es hier eigentlich geht: Die #lmvb141 war für mich ein Schritt in die richtige Richtung: Hier wurde Politik gemacht und nicht Politiker kaputt gemacht. Und dafür ist man doch in einer Partei. Die Piraten sind doch keine betreute Gruppe zum halbwegs organisierten rumstreiten, sondern wollen eben ihre Ideen für unsere Gesellschaft miteinbringen. Davon konnte man in Berlin weitaus mehr sehen, als in Kassel auf der #mk14. Und das obwohl sich doch gerade in Kassel die Leute befanden, die in Berlin einen linksextremistischen Haufen sehen, der die Partei unterwandern will. Ganz ehrlich: In Berlin herrschte fast durchgehend eine ruhige, besonnene Arbeitsatmosphäre und von einer Unterwanderung von Linksradikalen war nichts zu bemerken. Im Gegenteil:

Hier wurde auf Landesebene eine ständige Mitgliederversammlung beschlossen und endlich ein Tool zur Verfügung gestellt, das demokratische Entscheidungsprozesse auf moderne Weise definiert. Diese Entscheidung bringt den Piraten weitaus mehr, als weiter darüber zu diskutieren, ob Anne Helm auf Platz 5 der Europawahlliste bleibt, oder eben nicht. Zum einen hat sich Anne Helm entschuldigt und ihren Fehler eingestanden (auch wenn es zu lange gedauert hat), dass sollte man jetzt auch einfach mal akzeptieren. Zum anderen sieht es sehr unwahrscheinlich aus, dass die Piraten am Ende 5 Kandidaten ins Europaparlament entsenden. Wir sollten uns konzentrieren jetzt zunächst mal 2 oder 3 entsenden zu können, das wird schwer genug. Gerade wenn es nicht gelingt, endlich mal die Eskalation der Diskussionen innerhalb der Partei zu verhindern.

Für mich war aber nicht nur der Beschluss zur SMV richtig, sondern auch die Wahl von Christopher Lauer zum Landesvorsitzenden. Das Ergebnis war denkbar knapp, doch ich bin sehr froh, dass es geklappt hat. Für mich ist Christopher der richtige Mann: er ist einer der wenigen professionellen Politiker in der Piratenpartei und meines Erachtens in der Lage die heterogene Gruppe der Mitglieder im Landesverband zu einen. Er hat die richtige Motivation, denn er müsste sich den Stress nicht geben, als Abgeordneter im Berliner AGH. Darum macht er es für die Partei und nicht für sich. Der Landesvorsitz bedeutet nämlich im Zweifelsfall jur noch mehr Ärger für ihn. Das er sich dem trotzdem stellt, sollte ihm jeder hoch anrechnen. Ich jedenfalls freue mich über die Entscheidung.

Ich würde gerne an dieser Stelle noch einmal alle Piraten aufrufen, sich endlich wieder darauf zu besinnen, Politik zu machen. Es macht keinen Sinn einen neuen BuVo zu fordern, der dann nach wenigen Monaten vor dem gleichen Dilemma steht: er ist ein Frühstücksdirektor, weil die Basis das so wollte. Aber jetzt plötzlich rufen alle nach ihm, als könnte er der Heilsbringer sein. Schizophren auf seine Art. Auch wird uns ein Sonderparteitag nicht weiterbringen, weil wir uns da nur im Kreise drehen und die TO-Trolls ihre Spielwiese bekommen. Ein Sonderparteitag kostet die Piraten am Ende nur noch mehr Prozente bei der Europawahl, weil das Bild, das davon ausgeht nur hässlich, doof und schlecht sein kann. Und am Ende keine Lösungen bieten wird.

Vielleicht wäre es toll einfach mal was Verrücktes zu machen: Politik.

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