Anerkennungsmarke

Der Verteidigungsminister Thomas de Maiziére brachte die Bundeswehr unlängst in helle Aufregung mit seiner Aussage, dass die Truppe nach “Wertschätzung giere”. Da ich selbst fast neun Jahre als Soldat gedient habe kann ich sagen: er hat recht. In all den Jahren, die ich in der Bundeswehr war und auch danach hatte die Armee von zwei Dingen nie genug: Geld für neue teure Ausrüstung und natürlich ganz allgemein Anerkennung.

Woher kommt eigentlich der Wunsch gerade von Soldaten, dass man das, was sie tun in der Bevölkerung erkennt und anerkennt? Natürlich liegt es daran, dass sie Staatsdiener sind – in Uniform noch dazu. Und dann an dem, was den Soldatenberuf erst dazu macht: die Möglichkeit während eines Kampfeinsatzes sterben zu können. Nun kann man einwenden, dass jeder Soldat beim Eintritt in die Bundeswehr doch genau diese zwei Aspekte seines Berufes kennen musste: Zum einen die Funktion als Staatsdiener und zum anderen der Fakt, dass die Bevölkerung von Dingen wie Tod oder Verletzung am liebsten nichts wissen will. Das dürfte ganz verständlich sein, denn wer will sich mit Krieg in einem eher pazifistischen und saturierten Land wie unserem beschäftigen? Die Freiheit wird am Hindukusch verteidigt, die Gleichgültigkeit am Hunsrück. So oder ähnlich.

Als ehemaliger Offizier, der selbst neun Jahre gedient hat (und der als Sohn eines Offiziers aufgewachsen ist) kann man konstatieren: Das Bild der Bundeswehr war im Grunde nie besser als heute. In den Zeiten des kalten Krieges war die Armee – auch weil der 2. Weltkrieg noch so nah wirkte – etwas, dass für das schlechte Deutschland stand, das mit seinen Panzern halb Europa eroberte. Diese Bundeswehr habe ich noch kennen gelernt. Sie hat nichts mehr mit der Einsatz -Armee von heute zu tun. So wie sich Deutschland gewandelt hat, so hat sich auch meiner Meinung das Bild verwandelt, was die Menschen von der Bundeswehr haben: Viele sehen, dass dort nicht nur Wehrpflichtige sinnlos ihre Zeit verdaddeln, sondern das Berufs- und Zeitsoldaten auf der ganzen Welt unter Lebensgefahr im Einsatz sind. Wenn dann der Ruf nach besserer Ausrüstung laut wird, hat man dafür Verständnis. Schließlich kann man Soldaten nicht nach Afghanistan schicken und sie dann einem höheren Risiko aussetzen, als sowieso schon.

Soldaten sollten einfach mal erkennen, dass die Gesellschaft ihnen heute oft viel positiver gegenübersteht, als noch vor 10 oder 20 Jahren. Das nach mehr als einer Dekade Afghanistan und den überschaubaren Ergebnissen auch Fragen nach dem Sinn solcher Einsätze laut werden, dürfte verständlich sein. Schließlich stellen sich die Soldaten als erste die Frage nach dem Sinn. Warum also nicht die Gesellschaft? Zudem: Anerkennung findet ein Soldat auch dadurch, dass er einen sicheren Beruf hat, der vergleichsweise gut bezahlt wird, wenn man das Lohndumping in vielen Branchen sieht. Ein Soldat bekommt darüber hinaus auch erhebliche Unterstützung bei der Wiedereingliederung in das zivile Berufsleben.

Was erwarten Soldaten also? Das die Bevölkerung Blumen auf die Straße wirft, wenn ihre Panzer durch das Dorf fahren? Das die Presse unkritische Lobhudeleien verfasst? Das das Parlament jede Forderung nach neuen Schiffen, Panzern oder Flugzeugen einfach so durchwinkt? Woran macht die Bundeswehr fehlende Anerkennung fest? So weit man es sehen kann, stehen alle politischen Parteien – außer die Linke – hinter den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Es gibt einen überparteilichen Konsens, dass die meisten Mandate jeweils verlängert werden. Die Bundeswehr bekommt neue Schützenpanzer, einen Euro-Fighter, das neue Transportflugzeug A400 oder den Kampfhubschrauber Tiger. Alles Milliarden-Projekte. Stirbt leider ein Soldat im Kampfeinsatz, wird dieser entsprechend geehrt. Man hat nicht den Eindruck, dass die Bundeswehr keine Anerkennung bekommt. Im Gegenteil.

Andere Berufsgruppen würden sich freuen, wenn sie mehrfach finanziell abgesichert wären. Sie würden es wahrscheinlich nicht glauben, wenn ein eigener Minister ihr Tun über den grünen Klee lobt. Oder eine Bundeskanzlerin um die halbe Welt fliegt, um einfach mal vorbeizuschauen. Die Wahrheit ist doch auch die, dass die allermeisten Menschen für ihr Tun viel weniger Anerkennung erfahren, als Bundeswehr-Soldaten. Sie kriegen mickrige 5,67 Euro die Stunde, müssen unbezahlt am Wochenende arbeiten und keiner interessiert sich für sie. Man sollte mal Friseure danach fragen, wie hoch ihr Stellenwert in der Gesellschaft ist. Oder Erzieher. Oder Altenpfleger.

Vielleicht sollten Soldaten sich einfach mal mit anderen Berufsgruppen vergleichen (auch wenn die Möglichkeit des Todes unvergleichlich ist). Dann würden sie sehen, wie viel Anerkennung sie erhalten. Als ich den Lehrgang “Überleben und Durchschlagen” absolvierte, hing in Hörsaal ein Plant mit der Aufschrift: “Klagt nicht, kämpft.” Ein wenig davon ist wahr.

 

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Die digitale Bohäme.

Ich träume von einem Internet, das von mir träumt. Vielleicht lässt sich all mein Tun und Handeln in diesem Netz in diesem einem Satz zusammenfassen. Mein Antrieb ist Eitelkeit in der Egomarketing-Maschine der sozialen Netzwerke. Ich wäre gerne wichtig, und würde mich unheimlich freuen, wenn wirklich jeder noch so unwichtige Furz von mir sogar noch in einem Internet-Café in Papua-Neuguinea goutiert würde. Natürlich positiv goutiert. Ich stehe wie alle Menschen im beständigen Spannungsfeld zwischen Sein und Schein. Wobei das Sein eher Erbsengröße hat (ohne Prinzessin auf selbiger) und der Schein das World Wide Web ist.

Es gibt ziemlich viele Menschen da draußen – sie nennen sich Social Media Berater – die einem erzählen, wie man u.a. mehr Bedeutung da draußen im Netz bekommt. Mehr Kontakte, mehr Likes und mehr Retweets. Es geht immer um Gewicht in einem Internet, das nichts wiegt – nun gut: es wiegt einen in der Sicherheit einen Platz gefunden zu haben. Gerade bei denen, die sonst keine haben: In der Gesellschaft, im Leben, in sich selbst. Und wenn Sie dann einen Ort gefunden haben, dann ist es meistens auf den Stehplätzen und nicht in den VIP-Logen, wo der Champagner von hübschen Hostessen ausgeschenkt wird. In der VIP-Loge sitzt eben die digitale Bohéme, auf den Stehplätzen deren lautmalerisches Pendant: die digitale Bohäme.

Heute hat sich ein Vertreter der Bohéme von Twitter verabschiedet: @schmidtlepp oder besser gesagt, weil er ja nicht mehr da ist: Christopher Lauer. Er selbst ist vielleicht sogar Häme und Bohéme in einem: scharfzüngig, spitzfindig und vor allem: wichtig. Er hat mehr als 20.000 Follower auf Twitter, gehört also alleine deswegen zu den oberen 10.000. Viele lieben ihn, viele hassen ihn. Er bietet mit seinem Verhalten und seinem Werdegang für viele Menschen eine Projektionsfläche für vielerlei, oft Kritik oder mehr noch: Beleidigungen. Ein Hybrid aus Neid und vielleicht auch heimlicher Bewunderung. Bohéme ist auch immer Avantgarde, in dem Sinne ist der Abschied eine logische Konsequenz. Und das nicht nur, wegen der vielen Menschen, die ihn alle ablehnen.

Da ich zur digitalen Bohäme gehöre, liegt mir diese Konsequenz natürlich nicht inne. Was mache ich ohne meine Twitter-Basis? Ich würde wieder auf dem Kehrichthaufen der Geschichte landen und dort vor mich hingammeln, bis Gevatter Tod mich holt. Dabei bin ich doch in meiner Eigenwahrnehmung so ein unglaublich intelligenter Mensch, der zu allem eine Meinung hat: Ob Gorleben oder „We love Sölden“, Champions League oder Schavan, ob GEMA oder Pferdefleisch-Skandal. Ich sitze immer am Kopfende des digitalen Stammtisches. Gefühlt zumindest. Da ich zu allem etwas zu sagen habe – meistens etwas Schlechtes – habe ich vielleicht sogar zu nichts etwas zu sagen. Der Wind pfeift hier auf den Stehplätzen des Internets gewaltig. Und es pfeifen nicht die Scorpions.

Würde ich das Internet optimieren oder macht mich das Internet schlechter. Beides nicht. Ich bin nur ein Zahnrädchen im großen Getriebe, das kläfft um Gehör zu bekommen. Ich weiß immer alles – und zwar besser. Dies ist auf gewisse Weise das Mantra der digitalen Bohäme. Wir sitzen in der Deckung und lauern auf die Fehler der anderen und die machen es immer falsch: Wenn Christopher Lauer Twitter verlässt: schlecht. Bleibt er: noch schlechter. Man kann die Namen austauschen: Amazon, Wiesenhof, Steinbrück, Guttenberg, Piraten – sie alle sind Flachpfeifen. Ohne wenn und aber. Nur ich. Ich nicht. Ich schreibe meine Doktorarbeiten noch selbst, ich bezahle meinen Leiharbeitern mehr als 10 Euro die Stunde und ich würde niemals 25.000 Mücken für eine Rede nehmen, wenn man sie mir zahlt. Einfach weil ich so ein verfickt geiler Typ bin, der immer alles richtig macht. Eben: Dr. Superschlau.

Langsam wird es mir als Social Media Berater-Berater kalt hier auf  den Stehplätzen des Internets. Aus den VIP-Logen dringt das Lachen von Sascha Lobo (Idiot natürlich der keine Ahnung hat), Richard Gutjahr unterhält sich angeregt mit Sue Reindke über die Zukunft des Internets, die ich doch schon längst kenne. Aber keiner fragt mich danach: das beschissene Schicksal der digitalen Bohäme.

 

PS: Übrigens mag ich den Humor von Christopher Lauer sehr –  gerade den werde ich auf Twitter vermissen.

 

 

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Kleiner Scherz:

Ich bewerbe mich natürlich nicht. (Auch wenn ich wahnsinnig geeignet wäre. Oder so.)

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Thermen statt Köpfe.

Dieser Text soll ein Plädoyer sein: Und zwar dafür, dass der kommende BPT in Neumarkt ein Programm- und kein Personal-Parteitag werden soll. Ich vertrete die Ansicht, dass wir mit den viel beschworenen Themen eher einen Grund liefern die 5% Hürde im September zu überwinden, als mit Köpfen die ja eigentlich keine Köpfe sein sollen. Viel wichtiger sind grundlegende Beschlüsse zu einer SMV mit der wir einen Begriff wie “New Democracy” verständlich und erlebbar machen. Zudem packen wir nicht einfach einen Begriff auf einen Plakat, sondern leben es vor. Das ist glaubhafter und damit überzeugender als jede Strategie. Oder die Strategie ist: Leben wir unsere Forderungen – so weit es geht – vor und machen uns damit für die Wähler attraktiv. Eine weitere programmatische Arbeit ist meines Erachtens Erfolg versprechender als ein Parteitag, der sehr wahrscheinlich zu öffentlichen Abrechnungen genutzt wird. Der BPT 13.1 wäre damit nur ein weiterer Mosaikstein an einem Bild, welches wir grade mit Verve malen: zerstritten, egoistisch und irgendwie latent mediengeil. Alles Attribute, die eher zu 5% – x als 5% + x führen werden. Denn neben rein sachlichen, kopfgesteuerten Gründen, entscheidet insbesondere der Bauch, wo man am 22. September sein Kreuzchen macht. Das sind alles Faktoren, die hinlänglich bekannt sein dürften.

Ein Personal-Parteitag macht aber noch aus einem anderen Grund keinen Sinn: Eine Neuwahl des BuVo ist wie ein herumdoktern an den Symptomen und nicht den Ursachen der ganzen (Personal-)Debatten. Grundsätzlich muss vor einer Neuwahl des Bundesvorstands eine – wenn gewünscht – Neudefinition der Aufgaben eines Bundesvorsitzenden oder politischen Geschäftsführers stehen. Im Moment stehen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber: Die einen wünschen einen verwaltenden Vorstand, die anderen wollen, dass ein Bundesvorsitzender mehr Möglichkeiten bekommt, aktuelle Debatten anzustoßen und mitzugestalten. Es sollte erst einmal diese Frage geklärt werden, bevor wir damit anfangen einen neuen BuVo zu wählen, der dann genau wieder in diesem Spannungsfeld steht.

Man sollte sich einfach mal vor Augen führen, dass der aktuelle BuVo vor gerade einmal 10 Monaten gewählt wurde. Damals unter großem Beifall und vielen Hoffnungen. Seitdem sind zwei Mitglieder dieses Vorstands zurückgetreten (@kungler, @laprintemps), der politische Geschäftsführer kokettiert chronisch öffentlich mit seinem Rücktritt, will den aber nur vollziehen, wenn auch Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender mit ihm zusammen zurücktreten. Wollen wir den gleichen Fehler wieder machen? Wollen wir in Neumarkt einen neuen Vorstand wählen, der dann genau vor den gleichen Problemen steht und sich sehr wahrscheinlich in kürzester zeit abnutzt?

Wir müssen für uns als Partei zunächst einmal definieren, war unser Vorstand ist. Ich plädiere für einen gestaltenden Vorstand und keinen verwaltenden. Gerade in den nächsten 6 Monaten müssen wir auf öffentliche Debatten Einfluss nehmen können. Heute ist es doch – polemisch ausgedrückt – so, dass auch ein Sack Kartoffeln als Bundesvorsitzender oder polGF gewählt werden kann. Denn im Grunde kann er nichts beeinflussen (übertrieben ausgedrückt). Unsere Probleme werden in Neumarkt nicht dadurch gelöst, dass wir wieder Köpfe wählen, die keine Köpfe sein dürfen. Denn dann stehen die wieder genau da, wo ihre Vorgänger standen: Im Spannungsfeld zwischen den Anforderungen einer super schnellen Mediendemokratie der Informationsgesellschaft und den Piraten, die einen Vorstand wollen, der gleichzeitig kein Vorstände sein darf.

Diese Schizophrenie wird eben in Zeiten des Wahlkampf zu eher mehr als weniger Streitigkeiten führen. Wer also denkt, eine BuVo Neuwahl würde irgendetwas besser machen, wird sehr wahrscheinlich irren. Wenn jedoch unser polGF zurücktreten will, kann er das meiner Meinung nach machen und die Piraten wählen einen neuen, der mit dem Rest des BuVo besser auskommt. Denn wir brauchen Geschlossenheit mit Offenheit oder wie man es modisch nennt: Transparenz.

Zum Schluss würde ich mir bei der hoch nervösen Burnout-Partei neben Themen statt Köpfen ein wenig Entspannung wünschen: Thermen statt Köpfe. Damit wäre schon viel erreicht.

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Wir sind Papst. Gewesen.

Heute trat der unzurücktretbare zurück: Papst Benedikt XVI. Bekannt wurde er vielen Menschen in diesem Lande durch die launige BILD-Schlagzeile: Wir sind Papst. Viele fanden schon 2005, dass seine Wahl ein Kardinalfehler war. Manche von ihnen bekommen heute sehr wahrscheinlich recht.

 

Mit heute 85 Jahren zieht sich der ehemalige Kardinal Ratzinger vom Stuhl des Vatikans zurück und geht in den wohlverdienten Ruhestand. Vor dem Konklave in Rom, wollen wir einige mögliche Nachfolger von Benedikt XVI. vorstellen:

 

Thomas Gottschalk (Show-Papst): Er wäre perfekt, weil er auch den größten Mist non-chalant wegmoderieren könnte: Verweigerung der ‚Pille danach’ trotz Vergewaltigung, sexuellerMissbrauch von Zöglingen oder Haribo als Hoflieferant des Vatikan – er würde alles lächelnd den Menschen erklären. Als Goldbärchen I. macht er nicht nur Kinder froh (aber nicht so wie früher…) sondern Eltern ebenso. In mit 100.000 Gläubigen gefüllten Stadien würde er seine alte Stadionrock-Hymne „What happened to Rock ‚n Roll“ intonieren und damit beweisen, dass die katholische Kirche nicht nur Kirchen, sondern ganze Stadien leer spielen kann. Es zeigt allen Christen: auch die Kirche kann sich steigern.

 

 

Erste Maßnahme: Papstbann über Markus Lanz

Erste Auslandsreise: Vatikan

Papstname: Goldbärchen I.

 

Marcel Reich Ranicki (Literaturkritik-Papst): Als Papst Faust der Vierte (Nach Faust I., II. und III.) würde er allen Kirchen-Kritikern die Leviten lesen. Und zwar richtig.

 

 

Erste Maßnahme: Abschaffung des deutschen Fernsehpreises per Dekret

Erste Auslandsreise: Fantasialand

Papstname: Faust IV.

 

Kai Diekmann (Wir sind Papst-Papst): Jetzt muss mal der Boss ran: Gott. Denn alle anderen sind Luschen und kriegen sowieso nichts auf die Reihe. Papst Gott A – der ehemalige Chefredakteur Kai Diekmann – wird der erste Chef des Vatikans sein, dem seine Tiara auch bei stärksten Wind nicht vom Kopf weht: dem ultrastarken Haargel sei Gott sei dank. Päpstliche Bullen werden bald sehr knapp ausfallen und vor allem aus RIESENGROßEN ÜBERSCHRIFTEN bestehen. Zum Beispiel wie „Ostzonen Pille danach macht Krebs!“ oder „Besoffen am Steuer: Margot, mach kein Käß, Mann!“. Unabhängig und übernatürlich, wie er nun mal ist, knöpft sich Papst Gott A nach dem Rundfunkbeitrag, die Kirchensteuer vor. Bis der Unfehlbare merkt, dass er einen Fehler gemacht hat. Um die Stimmung in der Kirche zu retten, postet er auf Twitter zum Karfreitag den alten Witz: „Wie nannte man Ostern in der DDR? Western!“

 

Erste Maßnahme: BILD als unfehlbar einstufen

Erste Auslandsreise: „DDR“

Papstname: Gott A

 

Alice Schwarzer (Die Päpstin): Warum nicht mal ein Schwarzer als Papst? Vor allem, wenn er dann noch eine Frau ist. Im Business nennt man so was: Win-Win Situation. Päpstin Emma I. rief natürlich nach ihrer Wahl aus: Habemus Mama! Als erstes würde sie den Laden total umkrempeln: Statt der Vertuschung des sexuellen Missbrauch, steht nun die Vertuschung des sexuellen Missbrauchs auf der Agenda – aber eben in weiblicher Form. In einer ihrer ersten Amtshandlung wird der Vatikan in Mamikan umbenannt, zudem wird das Zölibat abgeschafft und Frauen als Priester zugelassen.

 

Erste Maßnahme: Päpstliche Bullin zur Frauenquote in der Konklave

Erste Auslandsreise: Ihrland

Päpstinname: Emma I.

 

Pep Guardiola (Trainer-Papst): Schon beim FC Barcelona hatte er eine Messi nach der anderen gelesen. Nun will er als Papst Tiki-Taka der erste die Vatikan-Auswahl auf Vordermann bringen. „Ich habe schon als Trainer alle Stadien dieser Welt gefüllt, warum soll mir das als Papst nicht gelingen?“ Zudem wird Tiki-Taka I. als bestangezogener Papst aller Zeiten in die Weltgeschichte eingehen.

 

Erste Maßnahme: Bällebad in allen Kirchen

Erste Auslandsreise: Bayern (München)

Papstname: Tiki-Taka I.

 

Harald Glöööööckler (Mode-Papst): Papst Karl XXS. wird auf jeden Fall der am schlechtesten angezogene Papst aller Zeiten werden. Bibel TV wird gleich am Anfang seines Pontifikats zu einem Verkaufssender umgemodelt. Hier wird Karl XXS. neben übergewichtigen Frauen stehen und betonen, wie figurunbetont seine von ihm designten Talare sind. Er wird sich für die Homo-Ehe einsetzen und überrascht feststellen, wie viele katholische Pfarrer plötzlich verheiratet sind.

 

Erste Maßnahme: Abschaffung der Frauenkleidergrößen über 44

Erste Auslandsreise: Ööööööööööööööööööösterreich

Papstname: Karl XXS.

 

Peter Scholl Latour (Islam-Papst): Die Aussöhnung der großen Weltreligionen ist das Ziel von Papst Mohammed I.: „Das Schwert des Islams ist furchtbar noch, dass habe ich erst bei einer meiner letzten Reisen am Hindukusch erleben müssen.“ Als er nach wenigen Wochen feststellen muss, dass sich der Islam nicht einfach so schlucken lässt, ruft er zu einem Kreuzzug via Fox News auf. Begeisterte US-Amerikaner machen sich auf den Weg nach Byzanz, bis sie feststellen müssen, dass dies kein Kaff in Wyoming ist, sondern eine Weltmetropole irgendwo da draußen, außerhalb der Zivilisation. Einer Zivilisation ohne youporn, Chips mit Hot-Dog Geschmack und Oprah Winfrey.

 

Erste Maßnahme: Kreuzzug

Erste Auslandsreise: Osmanisches Reich

Papstname: Mohammed I.

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Wie mich der Papst besuchte.

Dieser Artikel erschien im September 2011 auf jetzt.de – am Tag nach dem Berlin-Besuch des Papstes. Er kam auch zu mir, zumindest fast:

Da war der Papst – kurz nachdem mich Scharfschützen im Visier hatten.
Da war der Papst – kurz nachdem mich Scharfschützen im Visier hatten.

Die meisten Menschen verfolgen den Besuch des Papstes im Fernsehen. Unser Autor erlebte ihn am Fenster seiner Wohnung – inklusive Scharfschützen und Polizisten auf dem Speicher.

Der Papst weilt in Deutschland. Das ist ein Mega-Event in jeder Hinsicht: Große Reden, noch größere Messen und größte Sicherheitsvorkehrungen. Der Heilige Vater vereint Religion, Ethik und Politik in einer Person. Und das nicht nur für Deutschland, sondern für alle Katholiken und viele Christen in aller Welt. Eines vorweg: Ich bin weder Freund noch Gegner des Papstes. Es ist eher so, dass er mich und meine Lebenswirklichkeit nicht berührt. Als er am Donnerstag nach 40 Jahren des Beginns der Ökologie-Bewegung nette Worte für die “jungen Leute” fand, die das angestoßen haben, dann dachte ich an den grauen alten Ströbele. Dieser “junge” sehr alte Mann der Grünen war wohl auf dem Fahrrad in Kreuzberg unterwegs, als der Papst im Bundestag sprach. Man muss kein Freund von Finanztransaktionen in Mikrosekunden sein, um zu erkennen: die Kirche lebt – zumindest an der Spitze – in einer Parallelwelt der verschiedenen Gesellschafts-Geschwindigkeiten. Einerseits vielleicht gut, andererseits zunehmend katastrophal.

Hier geht es aber nicht um das große Ganze, sondern um den kleinen Ausschnitt. Der Papst besuchte nämlich nicht nur Wulff, Merkel und die Abgeordneten des Bundestags. Nein, er besuchte auch mich. Na ja. Fast. Ich wohne in Berlin-Mitte direkt am Haus der Deutschen Bischofskonferenz. Hier traf am Donnerstag die Bundeskanzlerin den Papst zu einer Privataudienz. Ich hätte zwar auch Kaffee und Kuchen im Haus gehabt, nur um auf alles vorbereitet zu sein, aber leider musste der Papst dann doch sofort zum nächsten Termin. Dann beim nächsten mal. Bestimmt.

Während des Papstbesuchs lebte ich im Auge des Orkans. Meine Straße war komplett abgeriegelt. Wo sonst die Wogen des Berufsverkehrs vorbei rauschten, konnte man nun die Vögel Choräle singen hören, nur unterbrochen von harten Männerstimmen, die durch Polizei-Funkgeräte knarzten. Trotzdem: Es war so eine ungewohnte Ruhe und Stille in einer sonst so hektischen Gegend. Eine unsichtbare Kathedrale der Einkehr. Eine Pilgerreise zum Hier und Jetzt. Wenn da nicht so ein permanentes Gefühl gewesen wäre: Plötzlich bist du nicht mehr Bürger und Hausbewohner, sondern ein ungeliebtes, temporäres Sicherheitsrisiko.

Überall waren Polizisten. Sie patrouillierten im Rudel auf der Straße, standen vor dem Haus, wachten im Hof, und auch das Treppenhaus war von oben bis unten komplett mit Beamten besetzt. Vorsichtshalber schaute ich noch in meinem Schlafzimmerschrank nach, ob da einer hockte. Keiner da. Super. Die Polizisten im Hof hatten nichts anderes zu tun, als die Fenster meines Hauses zu observieren. Blickte man raus, wurde man von mehreren misstrauischen Augenpaaren dabei beobachtet, wie man raus blickte. Eigentlich eine harmlose Sache. Aber nicht heute. Heute war alles anders. Possierliche Sprengstoffspürhunde durften unseren Hausmüll beschnuppern. Viel Spaß dabei. Und dann klingelte es zum ersten Mal an der Wohnungstür: Ein junger Beamter fragte, ob ich vielleicht den Schlüssel für den Speicher hätte. Leider nicht. Hektik. Gefunke. Befehle. Anweisungen. Schwere Stiefel, die die Treppen auf und ab hetzen. Mein persönlicher Soundtrack zum Papstbesuch.

Im Fernsehen sah ich, wie der Papst 15 Minuten zu früh landete. Der eilige Vater. Draußen wurde die nächste Eskalationsstufe eingeleitet. Das Sondereinsatzkommando der Polizei fuhr vor. Breitschultrige Elite-Polizisten mit Sturmhauben auf dem Kopf und Maschinenpistolen in der Hand. Furchterregend. Andere Beamte sprengten mit Bolzenschneidern die Schlösser von Rädern am Straßenrand. Sicher ist sicher. Schon Tage vorher wurden alle Gullydeckel verklebt, das Unkraut vom Grünflächenamt gejätet und man hatte auch nicht vergessen, den Spruch “Patriarchat abschaffen” zu überstreichen, der jahrelang auf einer Mauer neben meinem Haus prangte. Mein Kiez ein Quasi-Potemkinsches Dorf. Auf N24 schüttelte derweil der Papst kleinen Kindern die Hand. Irgendwie auch ein Potemkinsches TV-Bilderdorf.

Ab 11 Uhr mussten alle Fenster geschlossen werden. Diese wurden permanent weiter überwacht. Ging ich ans Fenster, um mit meinem Handy Bilder zu machen, war klar, dass ich dabei einer sehr kritischen Würdigung unterzogen wurde. Immer mehr schwarze Limousinen fuhren vor. Es lag so eine Ahnung von Bedeutung in der Luft. Draußen eine Armada Anzugträger, die auf den Würdenträger warteten. Alle extrem gestresst. Menschen, die mit dem Handy am Ohr geboren werden. Und wie Ralf Rangnick geduldig ungeduldig auf ihren Burn-Out warten. Da müsste der Papst mal ran! Auf N-TV wünschte sich der Bundespräsident, geschiedene Katholiken sollten nicht von der Kommunion ausgeschlossen werden. Klimawandel? Kapitalismus-Krise? Missbrauch in der Kirche? Alles unwichtig. Warum nicht mal ein Spezial-Problem der Katholiken ansprechen, wenn man die Möglichkeit hat. Übrigens ist Wullff geschieden, von der Kommunion ausgeschlossen und laut BILD ist seine Frau tätowiert. Wollte es nur mal erwähnen.

Es wurde immer schwieriger zu fotografieren, je näher der Papst kam. Das Handy könnte ja auch eine Waffe sein. Wer will das so genau wissen? Die Blicke der Polizisten wurden von Minute zu Minute mürrischer. Der Papst verließ Schloss Bellevue und fuhr los zu mir ins Haus der Deutschen Bischofskonferenz. Im Fernsehen zeigte das ZDF ein Bild vom Eingang. Ich sah es in echt. Wenn Fernsehen und Realität aufeinanderprallen, dann wird das immer zum unsichtbaren Kampf der Bilder. Bildschirme haben so eine Faszination, weil sie alles riesengroß machen. Päpste, Sarkozy, Merkel, überhaupt Themen. Dann blickt man vom Screen weg auf das gleiche Bild und es ist einfach nur schnöder Alltag. Papst, Sarkozy und Merkel schrumpfen zu Sitzriesen. Also doch wieder Fernsehen? Nein.

Dann totale Verwirrung. Eine Gruppe Fahrzeuge fuhr vor. Das muss er sein! Aber es war nur ein Ablenkungsmanöver. Es war eine zweite Papst-Kolonne, die eine fünfte Kolonne potentieller Attentätern verwirren sollte. Ich kam richtig ins Schwitzen. Wo ist der Papst? Ich rannte zwischen meinem Schlaf- und meinem Wohnzimmer hin und her. Auch im ZDF fragt man sich, wo zum Teufel der Heilige Vater steckt. Berghain? Soho-House? Gesichter der Renaissance-Ausstellung? Facebook? Das weiß nur Gott oder Google. Die Unwissenheit nagte an mir. Jetzt hatte ich stundenlang auf diesen Moment gewartet, jetzt wollte ich auch ein Foto von Benedikt XVI.. Dann aufgeregte Funkgespräche bei mir im Hof. Knarz. Quietsch. Schepper. Die Beamten sahen alle zu mir hoch. “Ja, den sehen wir auch.” Wen? Mich? Zwei Beamte machten sich auf den Weg und standen kurz darauf freundlich, aber bestimmt vor meiner Tür: “Scharfschützen haben bemerkt, dass Sie sehr hektisch sind, können Sie ein bisschen ruhiger agieren?” Ja, kann ich. Schnell zurück. Der Papst muss jede Minute eintreffen.

Dann hatte ich Angst. Ich stellte mir vor, wie mich ein SEK-Beamter im Visier hat. Den Finger am Abzug seines Präzisionsgewehres. Langsam würde ich mein Handy heben, um zu fotografieren. Der Elite-Kämpfer von Dach gegenüber denkt: Waffe oder nicht Waffe, dass ist hier die Frage. Unmerklich krümmt sich sein Finger weiter… Ich sah die Schlagzeile vor meinem geistigen Auge: Unschuldiger stirbt bei Papstbesuch. Hey, Papst: es geht auch um den Schutz des geborenen Lebens! Mehrere Sekunden spielte ich mit dem Gedanken: Weg vom Fenster, sonst bist du weg vom Fenster. Doch die Neugier siegte. Erst kam Merkel. Klatsch. Klatsch. Dann kam der Papst. Klatsch. Klatsch. Klatsch. Klatsch. Klatsch. Aufgeregt nutzte ich den Mini-Slot von wenigen Augenblicken. Jetzt nichts falsch machen. Meine Hand zitterte leicht vor Aufregung. Da. Da war er, im Kreis seiner Kardinäle. Gemessenen Schrittes schüttelte er Hände.

Ich hatte ihn: Der Papst  besuchte mein Smartphone. Draußen knarzte ein Funkgerät. Ich lebte noch. Danke Gott. Danke für diesen schönen Morgen. Danke für diesen schönen Tag.

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Doktorgrad, das Stalingrad der Minister.

Ob Karl-Theodor (steht bei uns im Fußballtor) von und ab und zu Guttenberg, Silvana (Miss Europaparlament) Koch-Mehrin oder „Person und Gewissen“ in einem Annette Schavan: Sie alle wurden von den grassierenden, tödlichen Promoviren dahingerafft. Oder wie die BILD heute titelte: „Das Kabinett ist außer Doktorrand und Band.“ Immer mehr Doktoren geben freiwillig ihren Titel zurück und hoffen so auf eine Strafmilderung, wie zum Beispiel Steuersünder.

Wir haben uns im Kabinett Merkel bei weiteren Ministern umgehört:

Dr. Frankenstein (Verteidigungsminister): „Natürlich habe ich meine Doktorarbeit „Mumien, Monster, Mutationen“ aus mehreren Teilen zusammengesetzt. Dies war schon immer Teil meiner Arbeitweise, fragen Sie Graf Gut…äh Dracula.. So habe ich erst vor wenigen Jahren ein Monster Namens Daniela Katzenberger erschaffen. Dabei habe ich erstmals mit Materialien wie Botox, Silikon und Spatzenhirn gearbeitet. Ich kann die Aufregung um meine Doktorarbeit nicht verstehen und ich werde auch nicht zurücktreten. Da müsste ich ja erst sehen, welches Teil von mir zurücktritt.“

Dr. Jekyll (Entwicklungshilfeminister): „Man nennt mich ja auch Dr. Jekyll und Mr. Niebel. Ich habe eine gespaltene Persönlichkeit: Ich bin Entwicklungshilfeminister, obwohl ich die Entwicklungshilfe abschaffen will. Schizophren, oder? Bei meiner Doktorarbeit zum Thema „Ich und ich – das ist zweierlei“ ist nicht sicher, wer sie geschrieben hat: Ich oder ich. Selbst Vroniplag ist an mir und mir verzweifelt (übrigens auch wie der afghanische Teppichhändler, mit dem Ich und Ich um den Preis schacherten).

Dr hc Hase Cäsar (Gesundheitsminister): „Theorie der Praxisgebühr“ lautete das Thema meiner Doktorarbeit. Die habe ich damals für 20 Mark (heute 10 Euro) von einem Ghostwriter schreiben lassen. Später wurde die Praxisgebühr dann Bahr jeder Vernunft eingeführt und dann sogar gängige Praxis. Das mit dem Ghostwriter ist natürlich doof, aber als Hase konnte ich ja gar nicht schreiben, sondern nur hoppeln. Darum hoppel ich jetzt auch ganz schnell aus dem Kabinett.

Dr. Bob (Wirtschaftsminister): „Als Wirtschaftsminister muss ich nicht nur parteiinterne FDP-Kröten schlucken, sondern auch CSU-Kakerlaken und CDU-Kamelpenisse. Das ich dafür keinen Doktor gemacht habe, dürfte ja jedem klar sein. Meine Doktorarbeit zum Thema „Entwicklung der Inflation anhand des Grimme-Preis“ sollte mir rote Teppiche auslegen von hier bis sagen wir mal zur Verleihung der goldenen Henne. Aber nüscht war’s. Wenn man dann noch einen „Parteifreund“ wie Brüderle hat, der unbedingt ins Kabinett will, weil er meint das wäre ein Wein. Was will man da noch machen, außer seinen Doktor zurückzugeben und das Himmelreich zu suchen? Obwohl Himmelreich, da komm ich ja vom Regen in die Traufe!“

Dr. Alban (Kulturstaatssekretär): „Zugegeben: Meine Doktorarbeit zum Thema „Krise der Euro-Disco anhand des Beispiels Nord-Zypern.“ war in weiten Teilen gesamplet und dann neu von mir abgemischt worden. Ich nenne so was Mashup, die Leute da draußen Sauerei. Ist halt immer die Frage, auf welcher Seite des Mischpults man sitzt. Als Nachfolger der ehelamigen Pop-Beauftragten Stigma Gabriel, war ich der Roberto Blanco des Kabinetts mit dem Motto „Ein bisschen Copy&Paste muss sein.“ Ich trete jetzt zurück, denke „nach mir die SintfluT“ und „SING HALLELUJAH DADDADAADADADA…“

Dr. Sommer (Familienministerin): „BRAVO! Ich finde es echt gut, dass das mit meiner Doktorarbeit endlich mal aufgeklärt wird. Ich will sowieso nicht mehr arbeiten, ich kassier einfach das Betreuungsgeld und verschwinde dahin, wo ich hingehöre als Frau: Hinter den Herd. In meiner Freizeit male ich dann moderne Frauenbilder im Stil des 15. Jahrhunderts. Und zwar nicht nur im Sommer, sondern auch im Herbst meiner Karriere.

Dr. Oktopus (Innenminister): „Lebensräume von Datenkraken“ war ein Thema, welches mich auch ganz persönlich interessiert hatte. Ich hatte alle Krakenhände voll zu tun, die Arbeit nicht zu schreiben. Immer wieder störte mich Spiderman, gerade wenn ich mich an meine Schreibmaschine setzen wollte. Schließlich kopierte ich weite Teile der Arbeit auf Betamax-Cassetten und reichte sie bei meinem Doktorvater, dem grünen Kobold, ein. Das hatte damals niemanden interessiert. Da aber neben Mord, die Erschleichung eines Doktortitels nicht verjährt, bin ich jetzt gefangen im Netz meiner Lügen. Das war bestimmt Spiderman!

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It’s the democracy stupid.

Am Wochenende fand das Strategiecamp der Piratenpartei in Leipzig statt. Etwa 75 Piraten, darunter der Bundesvorsitzende Bernd Schlömer, der politische Geschäftsführer Johannes Ponader oder die Berliner Abgeordneten Christoper Lauer, Martin Delius sowie Oliver Höffinghoff. Ziel der Veranstaltung war es, über die strategische Ausrichtung des Wahlkampfes zu sprechen. Im Grunde genommen, war es eine typische Piraten-Veranstaltung. Man will über das große Ganze sprechen und landet plötzlich bei völlig nebensächlichen Details wie Bierdeckeln. Aber das macht die Partei und deren Leute ja auch so sympathisch.

Es gab viel Diffuses in diesen beiden Tagen. Die größte Enttäuschung war für mich Daniel Domscheit-Berg. Er spulte einen eher uninspirierten Standardvortrag runter, bei dem außer „lasst uns zusammen reden und sehen was passiert“ nichts kommuniziert wurde, was nicht schon bekannt war. Was daran Netz-Campaigning war, erschloss sich mit in keinster Weise. Meiner Meinung nach, wurden nur in zwei Veranstaltungen wirklich konkrete Vorschläge gemacht:

So gab Bernd Schlömer als Ziel vor, dass die Piraten bei der Bundestagswahl 6,5% erreichen wollen. Anhand dieser Vorgabe wurde diskutiert, wie dieses Ziel zu erreichen ist. Es wurde nicht klar, wie Schlömer auf die 6,5% kam. Es hätten auch 10% oder 16% sein können. Es gab also keine statistische Grundlage, auf der man zu dieser Zahl kam. Aber immerhin war es mehr als ein “es könnte“, „es sollte“ oder „es dürfte“ – zu oft regiert in dieser Welt und auch in der Partei der Konjunktiv ( der dann mit 100%).

Der zweite Vortrag mit einem konkreten Vorschlag, war der an dem ich selbst beteiligt war. Zusammen mit Katja Dathe, fRED und Christopher Lauer stellte ich das Konzept .NEUSTART vor. Ich möchte hier noch einmal kurz die Gelegenheit nutzen, um diese strategische Idee vorzustellen, zu erklären (und auch dafür zu werben).

1. .NEUSTART signalisiert Aufbruch und den Beginn einer (politischen) Veränderung. Dabei funktioniert der Neustart sowohl allgemein als Begriff für den Anfang (z.B. Auto neu starten) als auch im Hinblick auf die eigene Sprache/Codes der Piraten. Dadurch finden sich die Anhänger der Piratenpartei in diesem Slogan wieder, ohne dass er beispielsweise für den Rest der Bevölkerung unverständlich ist. Jeder benutzt das Wort Neustart zum Beispiel im Hinblick auf sein Auto.

2. Darüber hinaus ist .NEUSTART sowohl für positive als auch negative Wahlkampf-Aussagen einsetzbar. Wenn die Piratenpartei eine neue Drogen- oder Bildungspolitik fordern passt Neustart als Slogan genauso gut, als wenn wir gegen INDECT oder ACTA ins Feld ziehen: Ändert eure Politik, wir fordern einen .NEUSTART. Das heißt, .NEUSTART eignet sich perfekt für einen Wahlkampf, in dem man sich selbst vorstellt und den politischen Gegner bloßstellt.

3. Nicht zuletzt hat der Slogan/diese Idee eine Außen- und Innenwirkung: Nach außen kommunizieren wir den Wählern, dass die Piraten für eine neue Politik stehen: BGE statt Hartz4-Demütigung, Entkriminalisierung vor Drogen, Religion privatisieren etc pp. Nach innen sagt Neustart, dass die Piraten im Jahr 2013 neu anfangen, die Querelen und persönlichen Befindlichkeiten vergessen und sich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig wird: 2013 in den Bundestag einzuziehen: Für den .NEUSTART. Gerade diese Innenwirkung, wäre ein Signal an alle: stellt das Ego hinter die Sache zurück.

Als Begriff impliziert .NEUSTART also sehr vieles, wenn nicht fast alles, wofür die Piraten stehen: Innovatives Denken, positiv ausgedrückter Skeptizismus und in einem passenden Begriff gepackter Protest gegen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft. Zudem ist er eine klar und verständlich formulierte Forderung, die dem Wähler deutlich macht, wofür die Piraten stehen. Er vereinigt Kopf mit dem Bauch – gerade die Kopfpartei Piraten braucht einen emotionalen Türöffner in die Herzen der Menschen. Wir neigen oft zu sehr, uns in vollkommen verkopfte Details zu verlieren. Und wer sich darin verliert, verliert: die Kampagne der Piraten in Niedersachsen war das beste schlechte Beispiel dafür. Meine Meinung zu dieser Kampagne hatte ich hier: http://bit.ly/T1aZnd geäußert.

Was wir brauchen ist eine klare Kommunikation unserer Positionen mit einer Idee, die unsere Inhalte transportiert und die den Menschen sagt, warum man uns wählen soll und nicht jemand anderes. Wir müssen erklären, dass eine Phantom-Diskussion über eine Rente mit 67 utopischer ist, als ein BGE. Wir müssen deutlich machen, dass wir die innovativste Partei in Deutschland sind. Und wir müssen klar sagen, dass mit den Piraten eine neue Opposition in den Bundestag einzieht, die für ein ganz eigenes Gesellschaftsbild steht. zwischen den Fixpunkten individuelle Freiheit, neue Demokratie und uneingeschränkte Information.

Zeit für einen .NEUSTART.

 

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Was Sölden das bitte?

In dieser Woche war das Thema „Sexismus“ Programm. In fast allen wichtigen Talkshows des Landes wurde drüber und drunter geredet. Mal banal, mal aufgeregt, mal völlig am Thema vorbei. Es wurde marginalisiert, relativiert, abgewehrt oder eben schon Wahlkampf gemacht. Insbesondere letzteres zerstört sachliche Diskussionen im Keim. Talk-Sendungen tragen sowieso immer nur Tröpfchenweise etwas zu einer Debatte bei, diesmal beschränkte sich der Beitrag auf Homöopathische Dosen. Meine eigentlich überraschendste Erkenntnis dieser Woche: Ein über 80-jähriger Heiner Geissler hat ein moderneres Gesellschafts- und Frauenbild, als so mancher weitaus jüngerer Mann. Auf der anderen Seite auch wieder erschreckend.

Fast unbemerkt strahlte Pro7 gestern einen Themenabend Sexismus aus, der leider von den richtigen Leuten gar nicht bemerkt wurde (einfach weil die Solche Sendungen nicht schauen). Eins vorweg: das Format „The Beauty and the Nerd“ ist menschenverachtende Kackscheiße. Im Grunde schlimmer als das Dschungelcamp. In dieser Sendung tummeln sich die typischen mediengeilen Durchschnittsschönheiten aus den Friseursalons und Arztpraxen-Vorzimmern der Nation. Das ganze garniert, mit echten oder gecasteten Männern, die sinnbildlich für die Krise des Mannes stehen. Hier gleichförmig gemachte Frauen der so genannten Individualgesellschaft, dort Jungs, die jetzt in dieser Gleichförmigkeitsmaschine Fernsehen entindividualisiert werden sollen. Beauty and the Nerd ist vollkommen Idee befreites Voyeur-Programm für die zynische Social-TV Meute da draußen. Nerds mit einem eigenen Stil werden vorgeführt, während auf der anderen Seite junge Frauen – die vollkommen angepasst sind – als Prototyp des (sexuellen) Erfolgs dargestellt werden. In beiderlei Hinsicht ein einziger Horror. Wichtigste Frage: hat sich Pro7 wenigstens mit RTL die Kosten für die Bachelor-Villa in Südafrika geteilt?

Gleich danach ging „We love Sölden“ auf Sendung. Dieses Scipted Reality Format um eine Gruppe desperater Ruhrgebiets-Gigolos und deren weiblichen Pendants funktioniert nach dem klassischen Schema. Jungs machen Mädchen klar, oder wie einer der Protagonisten mit Blick auf den Whirlpool meinte: „Hier werden die Hühner weggeflankt.“ In Sölden ist Alkohol der Treibstoff des Triebs. Die Mädchen machen sich die Brüste und ansonsten wenig aus der Sexismus-Diskussion. Hier stimmt das Leben noch: die Chicks werden zunächst mal nach den körperlichen Parametern abgecheckt und auch die Damen sind im Grunde nur damit beschäftigt Männern zu gefallen. Es stört sie auch gar nicht und ein Dirndl-Spruch ala Brüderle ist in dieser Welt wahrscheinlich das höflichste, was man so hört. Wahrscheinlich müsste mal Lory Glory, Bauer, Maikiboy und dem Polen erst mal erklären, was eine Tanzkarte ist. Denn der Dancefloor in den Söldener Großraum-Diskotheken dient vorzugweise als Basis für einen „Trockenfick.“

Ich zappte einige Male zwischen Illner und „We love Sölden“ hinterher. Zum einen, weil ja eigentlich schon alles nicht gesagt wurde zum #aufschrei, zum anderen weil die Aussagen der Diskutanten so wunderbar konterkariert wurden, durch das Bumsfallera auf Pro7. Während Maybritt Illner darüber philosophiert , dass junge Männer von heute doch mit einem anderen Frauenbild aufwachsen, werden in Sölden die Chicks weggeflankt – von Twentysomethings. Hier regt sich Claudia Roth über den Begriff „linke Fotze“ auf, dort gehört so ein F-Wort zum Standard-Vokabular. Auf der ARD sinniert man über den Zusammenhang von Wein, Brüderle und verbaler Übergriffigkeit und auf Pro7 fließt der Alkohol in Strömen und die Tanzfläche wird zum „Trockenfick“-Revier. Durch das Zappen wurde manches klarer.

In diesen Momenten hat man gesehen, dass es parallele Wirklichkeiten gibt. Auch wenn Pro7 eine Scripted Reality Geschichte erzählt, so wird doch auch dadurch viel über das Frauen- und Männerbild klar. Vor allem das Bild der Programmmacher.

 

 

 

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