Im 7. Fußballhimmel.

Als Deutschland das letzte Mal Europameister wurde, erlebte ich das Finale im Cockpit eines Passagier-Jets, der mich mit einer Kompanie englischer Soldaten nach Kanada brachte. Ich war damals ein junger Offizier, der zum Austausch mit den Briten entsendet wurde. Eigentlich war ich im brandenburgischen Nichts stationiert. Einem Kaff Namens Brück, unweit von Potsdam. Hier gab es nur diese ehemalige NVA-Kaserne mitten in einem Wäldchen, in die damals viel Steuergelder flossen, um die Gebäude zu sanieren. Unser Stab war übergangsweise in einer Baracke beherbergt.

Der Bataillons-Kommandeur war ein schrecklicher Vorgesetzter, der die Kompanie-Chefs in den Stabs-Besprechungen regelmäßig rund machte. Jeder hatte vor ihm Angst, sogar sein Stellvertreter im Range eines Majors. Als damals das Fernschreiben (E-Mails gab es noch nicht) reinkam, mit der Aufforderung einen deutsch-britischen Austausch-Offizier abzustellen, fiel die Wahl auf mich. Das war nicht schwer, die meisten anderen, waren ehemalige NVA-Offiziere und konnten besser russisch, als englisch sprechen. Sie hatten DDR typisch früh geheiratet und alle schon Kinder. Keiner wollte seine Familie wochenlang nicht sehen. Also schaute der Kommandeur mich an und sagte: „Frommer, sie machen das.“ Widerstand zwecklos.

Wenig später packte ich meine Ausrüstung zusammen und fuhr nach Osnabrück zum britischen Regiment, mit dem ich nach Kanada zu einem Übungsplatz fliegen sollte. Zwischenzeitlich begann die EURO96 im Mutterland des Fußballs. „Football is coming home“ wurde als Hymne geboren – bis heute. Matthias Sammer war der letzte Libero vor dem Zeitalter der Viererabwehrketten (das Deutschland verschlief), Heribert Faßbender (die Wanderdüne der TV-Kommentatoren) begrüßte alle mit „Guten Abend, allerseits“ und Gascoigne war wirklich mal ein sehr guter Fußballspieler. Deutschland rauschte durch die Vorrunde.

In Osnabrück lernte ich britischen Offizierskasino-Style kennen – Schlachten-Gemälde vom Hindukusch an der Wand, Teatime mit Queen-Gedenken und „Hooray for the Husars!“ Gebrüll beim Toast. Ich wurde in die Waffensysteme der Panzer eingeführt, die wir in Kanada für die Übung nutzen würden. Eines Tages plötzlich mehrere laute Explosionen, in Panik suchte ich Deckung. Die IRA hatte mit einem Mörser die Kaserne beschossen. Der letzte große Anschlag der Terror-Organisation in Deutschland. Zum Glück hatten sie nicht die Tankstelle getroffen und nicht jede Granate explodiert. Wir bekamen danach den freundlichen Hinweis, vor dem Starten des Autos mal einen Blick drunter zu werfen. Meine Freude über die Versetzung wurde immer größer.

Und sie steigerte sich ins unermessliche, als ich erfuhr, dass wir gerade am Finaltag nach Kanada fliegen würden. Man muss sich da so vorstellen: Deutschland hatte im Halbfinale den Gastgeber England im Elfmeterschießen rausgekickt. Jetzt saß ich mit circa 200 englischen Soldaten im Finaltag im Flieger nach Kanada. Die Stimmung gegenüber Deutschen war sowieso schon blendend und wurde durch den Sieg der National-Elf noch besser. Wir hoben in Hannover ab Richtung Calgary. Irgendwann sagte der Kapitän per Bord-Mikrofon: „Wie alle wissen, haben wir einen Deutschen als Gast. Wenn er möchte, kann sich hier bei uns im Cockpit das Finale der EURO96 anhören.“ Natürlich kam ich dem Angebot sofort nach. Damals durfte man noch während des Flugs in die Cockpit-Kanzel.

So saß ich zwischen den beiden Piloten mit einem Kopfhörer auf – mitten über dem Nord-Atlantik. Auf BBC lief die Radio-Reportage. Deutschland lag hinten, bis Bierhoff eingewechselt wurde und per Kopf zum Ausgleich traf. Die Piloten – beide Engländer – freuten sich mit mir. Schließlich ging es in die Verlängerung und damals galt die sogenannte Golden Goal Regel – wer in der Verlängerung das erste Tor schoss gewann automatisch. Das sollte das Spiel attraktiver machen – so attraktiv, dass man es einige Jahre später wieder abschaffte. Zum Glück. Oder auch nicht. Als Bierhoff dann zum Golden Goal einnetzte, war es mir scheißegal. Deutschland war Europameister – und ich glücklich! Ich war im wahrsten Sinne des Wortes im Fußball-Himmel.

Nach dem Sieg ging ich zurück in die Kabine. Glückselig. Als ich auf meinem Platz eintraf, verkündete der Kapitän den deutschen Sieg. Selbstverständlich wurde der von meinen britischen Kameraden mit großer Begeisterung aufgenommen. Hinter mir sagte einer: „Wenigstens hat Damon Hill dieses Wochenende gegen fucking Schumacher gewonnen.“ Es geht doch nichts über Freude teilen.

Schließlich landeten wir in Calgary und fuhren mitten in die Prairie. Es war ein wahres Grasmeer. Kein Baum, kein Strauch. Ein Horizont wie auf dem Ozean. Manche wurden mit der Weite nicht fertig und dadurch krank. Ich schaute mich um und dachte: Deutschland ist Europameister und was habe ich davon: ein riesengroßes Nichts.

In dem Sinne: eine schöne Europameisterschaft. Wo auch immer.

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In weiter Ferne so China

Der Unterschied zwischen meiner Chefin und mir ist, dass ich immer gut aussehen werde. Selbst ohne Zähne, mit einem Bierbauch bis zum Baikalsee und der Tatsache, dass ich Haare eher mit Krishna als mit meinem Kopf in Verbindung bringe. Weil Sie ist eine Sie und Ich bin ein Er. Aber dafür ist Sie Chinesin.

Die Gnade der richtigen Geburt. Oder so. Im Radio spielen sie eine Musik die ich nicht einordnen kann. Wo steht Pop? Bei Mediamarkt zwischen Rock und Alternative. Wo stehe ich? Bei Mediamarkt an der Kasse. Tolle Karriere. Irgendwann brauchen die uns nicht mehr. Dann kassieren die für uns in China up.

Es kommt der Tag, da reichen 2,5 Milliarden Chinesen vollkommen aus. Wir brauchen keine anderen Menschen mehr, um das Bruttosozialprodukt in ungeahnte Höhen zu liften. Muss man sich da nicht zumindest ein bisschen wehren? Zu den Asia-Wochen von McDonalds bin ich demonstrativ (sick!) nicht gegangen. Und wenn in der Gala was über das Dekollete von Bai Ling geschrieben wird, blättere ich schnell weiter. Dahin wo die Leute noch was zu feiern haben. Ich muss mir das nicht bieten lassen. Die schleichende Sinosierung meines Seins.

Meine Xbox habe ich aus dem Fenster geschmissen, weil Made in China. Den Fernseher ebenso. Und alle anderen elektronischen Geräte meines Haushaltes. Zum Anziehen habe ich auch nichts mehr, das Zeug wurde alles in kantonesischen Sweatshops zusammengenäht. Meine Freundin erklärt sich solidarisch und lässt die H&M Unterwäsche weg. Zu irgendwas muss der Boykott ja gut sein.

Zugegeben: mein Leben ist ärmer geworden. Vor allem seitdem ich nicht mehr bei 9live anrufen kann, um megafett Kohle abziehen zu können. Zum einen habe ich kein TV-Gerät mehr zum anderen war das Telefon auch aus China. Und wer weiß: Vielleicht senden die gar nicht aus dem schönen München, sondern aus einem Studio bei Shanghai. Ein paar Moderatoren haben große Schwierigkeiten mit dem Deutsch. Könnte ja sein, dass das Chinesen sind, die für den europäischen Markt zurechtgeschminkt wurden.

Ich lese jetzt mehr Zeitung. In der BZ habe ich folgenden Satz gelesen: „Rene Kollo haust am Holocaust-Mahnmal.“ Welch Absturz für den einstigen King of leichte Muse. Aber leider, so wird im dem Artikel weiter ausgeführt, singt jetzt ein Chinese seinen Part. Der ist billiger und trällert das hohe C (!) fast genauso hoch wie der Deutsche an sich.

Die zukünftige Regierung soll auch nur noch aus Chinesen bestehen. Besser gesagt wird die outgesourct. Die haben irgendwo im Südwesten des Reiches der Mitte einen 1:1 Nachbau des Reichstags aufgebaut. Total günstig und alles in 1,5 Jahren, da wäre hier das Baugenehmigungsverfahren in den Kinderschuhen. Da sitzt jetzt die Regierung und arbeitet. Nebst 600 chinesischen Billig-Bundestagsabgeordneten. Alles viel günstiger. Für umgerechnet 200 Euro im Monat. Und die schwänzen keine Debatte oder Ausschusssitzung. Passt doch auch: Von Berlin-Mitte nach Reich-Mitte.

Hier wird nicht mehr viel passieren. Im Moment überlegen die sogar, ob die nicht Deutschland komplett nach China verlegen. Passen würde es ja. Und sogar einige Male. Das Leben ist doch hier viel zu teuer. Hat nicht mal der altchinesische Drachengott Helmut Kohl über den Freizeitpark Deutschland sinniert? Das wäre doch die Chance für unser schönes Land:

Vollständiges Outsourcing der Bundesrepublik nach China. Dort detailgetreuer Nachbau als eine Art Deutschnyland. Arbeitslosengeld II statt Micky Mäuse, Alt-Platte statt Neuschwanstein und Hartz 4-Kings statt Ludwig II. Und das supertolle: Alle hätte wieder einen Job als Statisten für chinesische Touristen. Sogar die Arbeitslosen. Die spielen dann einfach Arbeitslose. Bei der langjährigen Erfahrung ist das ein Klacks für die.

Ich stehe dann immer noch an der Kasse eines Mediamarkt-Nachbaus in einem Nachbau eines gesichtslosen deutschen Industriegebiets. Das ist das Paradies: Hier verlieren nur Industriegebiete ihr Gesicht und nicht die Menschen. Gestern zeigte mir ein chinesischer Tourist das chinesische Zeichen für Glück: € – ich habe verstanden.

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Oberklasse-Rap

Lord Handy, Bluebox Moses und ich haben in Berlin die 1. Grunewald-Rap-Combo gegründet. Wir nennen uns „Arnold Schwarzenegger auf dem Karneval in Rio.“ Wir wollen einfach auch mal aus dem harten Alltag einer Vorstadt berichten. Bei uns brennen zwar keine Mazda 121 ohne TÜV, dafür aber die Augen vom vielen Sonnenbaden in unseren Heimsolarien.

Unser erster Rap ist eine schonungslose Abrechnung mit den Realitäten im Grunewald. Diese Langeweile zwischen Villenmauern und die Hoffnungslosigkeit hier niemals raus zu kommen. Dieser Frust entlädt sich in einem Schrei aus Louis Vuitton und Hotel Adlon:

Das Leben ist brut nicht brutal.

Manchmal ist der Himmel so grau
Und die Stimmung im Whirpool eher mau
Der Champagner im Kristallglas schon lauwarm
Und mein Penis leider in deinem Enddarm
Es sind die Tage die gibt es auch hier
In der Vorstadt ohne Schulden und Hartz Vier
Ihr nennt es tolles Leben und Jet-Set
Wir nennen es Alltag und Bonjour Tristesse

Wir haben auch Probleme,
Vielleicht nicht ganz so extreme
Aber auch wir können uns was nicht leisten
Von den Ferraris jedenfalls die meisten

Ihr denkt wir würden den ganzen Tag nur lachen
Und mit geilen Frauen noch geilere Sachen machen
Unsere Schwänze gehen nicht immer steil wie Aktien anner Börse
Denn manchmal stürzen wir in das schwarze Loch einer Möse
Es sind die Tage die gibt es auch hier
In der Vorstadt ohne Schulden und Hartz Vier
Ihr glaubt, dass wir immer nur zu Feinkost Käfer fahrn
Dabei kaufen wir auch beim Discounter um zu sparn

Wir haben auch Probleme,
Vielleicht nicht ganz so extreme
Aber auch wir können uns was nicht leisten
Von den Ferraris jedenfalls die meisten

Unser Ghetto heißt ganz harmlos Grünwald
Und wenn du hier auftauscht erwischen wir dich bald
Wir haben keine Hoffnung hier jemals raus zu komm’
Falls es passiert geht ne Bombs hoch Kawomm!!!!
Es sind die Tage die gibt es auch hier
In der Vorstadt ohne Schulden und Hartz Vier
Ihr meint wir machen das ganze Jahr Urlaub in St. Tropez
Aber letztens waren wir inner Karibik und es war auch ganz OK.

Wir haben auch Probleme,
Vielleicht nicht ganz so extreme
Aber auch wir können uns was nicht leisten
Von den Ferraris jedenfalls die meisten

Seid ihr alle down?

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Er ist wieder da.

Thilo Sarrazin – das Zahlenmonster, die Mutter aller Technokraten, das Schreckgespenst der SPD ist wieder da. Und zwar genau da, wo er schon einmal eine Bühne fand: in der BILD Zeitung. Nach „Deutschland schafft sich ab“ heißt es diesmal „Wir schaffen das nicht“ – Im Grunde das gleiche Thema, nur aus einem (etwas) anderem Blickwinkel und unter den aktuellen Rahmenbedingungen der Flüchtlingskrise betrachtet.

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Im Grunde wärmt Thilo Sarrazin seinen alten Klassiker auf und kann ihn mit neuen Zahlen füttern. Zahlen und Statistiken liebt der unsozialdemokratischste SPD-Mann des Landes, denn dahinter verschwinden Schicksalen und Menschen so schön. In wundervollster Weltuntergangs-Prosa wird das Ende unserer Kultur gepredigt, so wie bei der AfD oder den leider unzähligen unsäglichen Pegida und Co. Demonstrationen. Überhaupt hat das Sarrazin Buch schon vor Jahren viele Argumentationshilfen für die geistigen Brandstifter von Bachmann über von Storch bis zu Höcke geliefert. Teilweise auch mit rassistischen Argumentationen. Auch in dem ersten Abdruck heute in der BILD werden Menschen muslimischen Glaubens qua Abstammung abgesprochen in einer demokratischen Gesellschaft leben zu können. Also alles wie gehabt.

Neu ist vielleicht nur, dass gerade die BILD, die erst im Spätsommer/Frühherbst letzten Jahres ihre große Flüchtlingshilfs-Aktion „Wir helfen“ ins Leben gerufen hatte, nun wieder einem Vordenker der Ausländerfeinde breiten Raum gewährt. Vor allem, ohne dessen Aussagen redaktionell zu begleiten. Ohne Einordnung kann Sarrazin seine Thesen verbreiten, die daraus hinauslaufen, dass die Menschen, die bei uns Schutz suchen eine Gefahr für uns und unsere freie Gesellschaftsordnung darstellen. Deutschland schafft sich ab – jetzt nur noch doppelt so schnell. Die BILD kann abdrucken, was sie will, aber sie muss auch die Verantwortung dafür übernehmen. Zwischen kritischer Berichterstattung zum Thema Integration und geistiger Brandstiftung im Sinne eines Thilo Sarrazin liegen jedoch Welten. Man fragt sich: wo ist der Lernprozess? Müssen erst wieder etliche Flüchtlingsheime brennen?

Eines lässt sich nach einer Diskussion mit einem Parlaments-Redakteur der BILD schon heute feststellen: Übernahme von Verantwortung? Keine Spur. Verbreitung von Thesen, die Rechtsradikalen Argumente liefern? Das ist doch nur Kritik am Merkel-Kurs! Überhaupt deckte meine Diskussion (soweit das auf Twitter überhaupt möglich ist) nur den Zynismus und die Selbstgerechtigkeit einer Medienmacht auf, die sich (O-Ton) „mit 16 Millionen“ Lesern brüstet. Wer so viele Leser hat, hat eben immer recht. Punkt.

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Sowieso sind alle Kritiker per se verblendete Linke, die nur Vorurteile haben. Sobald man auf der Sachebene nicht weiterkommt, wird der Diskussionsgegner eben zu jemandem erklärt, der nur seine weltfremden Vorurteile bei einem Mitarbeiter des Axel Springer Verlags loswerden will. Die Welt wird genau so in schwarz und weiß eingeteilt, wie das einem selbst ständig vorgeworfen wird. Ein BILD Redakteur hat dagegen ein differenziertes Weltbild, während man selbst als eine Art Alt-68er hingestellt wird, der alles hasst, was von der BILD kommt. BILD-Redakteure machen es sich also gerne genau so einfach, wie manche der BILD-Hasser.

Dabei würde man sich doch nur mal ein Funken Übernahme von Verantwortung wünschen. Wer manche Kommentar-Spalte auf bild.de liest, der erschreckt vor dem versammelten Mob aus AfD und Pegida-Anhängern, die dort ihre sattsam bekannten „Argumente“ loslassen. Gerade wer sich mit 16 Millionen Lesern brüstet, sollte auch menschlich in der Lage sein, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Journalisten sind sowieso schon gerne Besserwisser, die BILD hat daraus aber ein unerträgliche Zynismus-Maschine gemacht, deren Ton von Kai Diekmann und Julian Reichelt vorgegeben wird: Frech, aggressiv und immer im Recht und getragen von der Macht eines erfolgreichen Verlags. Da kann man schon mal Allmachts-Fantasien entwickeln, andere Meinung abkanzeln und Kritiker platt machen. Denn wer braucht schon Argumente, wenn er 16 Millionen Leser hat? Niemand (denkt man wohl bei der BILD):

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In diesem Sinne gleichen sie verbohrten Pegida-Anhängern, mit denen man auch nicht diskutieren kann. Und in dem Sinne macht es auch Sinn mit jemandem wie Thilo Sarrazin weiter zu zündeln und dem Teil der 16 Millionen Leser von Rechtsaußen (und deren Sympathisanten) Argumente für Fremdenhass zu liefern. Aber damit hat BILD ja nichts zu tun, die liefern nur einen Beitrag zu einer Debatte – wir dürfen gespannt sein, was man in Dresden oder Freital aus solchen “Debatten-Beiträgen” macht…

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Jan Böhmermann: der Jean-Paul Sartre, der Generation Schmähgedicht.

In seiner abgerüsteten Friedfertigkeit, die das Fragmentarische nicht mehr in Frage stellt, sondern.

Keine Angst: ich belästige euch nicht mehr mit dem Quatsch!!!

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5 Aufgaben die Roboter wirklich übernehmen sollten.

Der digitale Wandel ist so rasant, da kommt selbst Usain Bolt nicht mehr hinterher. Kühlschränke unterhalten sich mit dem Supermarkt, Fabriken werden intelligenter, als deren Chefs und immer mehr Berufe werden von Robotern übernommen. Wo jedoch früher nur für Schichtarbeiter Schicht war, weil der freundliche Löt-Roboter deren Aufgaben übernahm, da sind heute ganz andere Berufsgruppen gefährdet: Journalisten müssen um ihre Jobs bangen, ebenso wie Call-Center-Mitarbeiter, denn Roboter schreiben bessere Texte und antworten freundlicher, als ihre menschlichen Pendants.

Für die Vordenker ist es keine Frage des ob, sondern nur noch des wann. Aber was wäre, wenn mal ganz andere Berufe durch Roboter gefährdet wären. Wir wagen einen Blick in die Zukunft.

  1. Roboter-Vorstände und -Aufsichtsräte

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden (nein, nicht aus einem Labyrinth): Der Vorstand von heute lässt sich ganz einfach von einem Roboter ersetzen. Ein einfaches Sprachprogramm formuliert bei Krisen ohne weiteres Sätze wie: „Ist ohne mein Wissen gelaufen.“ Oder „Wir werden eine umgehende Untersuchung einleiten.“ Beziehungsweise „Trotz des Diesel-Skandals bestehe ich auf meinen Bonus.“ In Berlin wird gerade ein neuer Roboter-Aufsichtsrat getestet, der simuliert, dass man nichts mitbekommt – selbst von den größten Missständen. Die Wissenschaftler der renommierten Elite-Universität MIT in Boston sind stolz: „Es war nicht einfach den Roboter-Vorständen genau die Verhaltensweisen von menschlichen Vorständen zu programmieren, denn sie sind für eine Maschine teilweise völlig irrational – wer nimmt schon Extra-Geld für eine schlechte Leistung?“ Überhaupt haben sich erste Tests mit Roboter-Vorständen bewährt: „Wir können hunderte Millionen an Vorstands-Boni und horrenden Aufsichtsrats-Vergütungen sparen und müssen sonst keine Mitarbeiter entlassen.“ Einer der Roboter-Vorstände antwortete konsequent auf das Thema Einsparungen: „Das sind für uns Peanuts.“

  1. Roboter-Politiker

So mancher Technokrat an der Spitze von Parteien muss nun um seinen Job bangen. Experten des Frauenhofer Instituts für künstliche Intelligenz gelang es Roboter-Politiker herzustellen. „Es war einfacher als gedacht“, so der Leiter des Instituts, „die Plattitüden von Berufs-Politikern sind sehr leicht berechenbar.“ Vor allem das Aussitzen von Problemen geriet sehr einfach, den Maschinen wurde einfach per Code eingebaut zunächst mal gar nichts zu machen. „Denn bevor man etwas falsch macht, macht man als Politiker erst mal gar nichts“, so das Frauenhofer Institut. Die versammelt Hauptstadt Presse staunte das über das Roboter-Politiker Modell „iSchmidt“ der Sätze formulierte wie: „Wer Visionen zu künstlicher Intelligenz hat, soll zum Roboter-Arzt gehen.“ Das Modell Barschel2.0 brillierte auf der Pressekonferenz mit „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: mein Ehrenwort, dass Roboter niemals Politik machen werden.“ Ein typisches Barschel-Ehrenwort eben. Auch bei anderen Verhaltensweisen wurden die Roboter-Politiker auf ihre menschlichen Vorbilder eingestellt. „Sie konsumieren Crystal Meth, Kinderpornos und zu viel fettiges Fleisch – denn wir wollen sie so detailgetreu wie möglich anbieten.“ Böse Zungen behaupten sogar, dass die vorgestellten Roboter-Politiker mehr Emotionen zeigen, als Angela Merkel.

  1. Roboter-Satiriker

Nie mehr Anzeigen und Strafverfahren wegen ünterürdischen Beleidigungen. Denn wer kann schon Roboter-Satiriker zur Rechenschaft ziehen? Niemand. „Kein Mensch kann Roboter vor Gericht zerren – das lässt unsere Rechtslage derzeit nicht zu“, so ein Fachmann für Satire-Recht, der ungenannt bleiben will. Unser Modell „Roboter-Böhmermann“ kann also ungestraft alles und jeden als Ziegenficker bezeichnen, sogar Menschen, die wirklich Ziegen ficken. „Unsere Software muss nur noch mit etwa 100.000 deutschen Beleidigungen upgedatet werden, dann steht einer Karriere beim ZDF als Humorist eigentlich nichts mehr im Wege.“ Die Hersteller-Firma hat sogar ein älteres Modell Namens Roboter-Hallervorden im Angebot, dass singen kann. „Wenn er nicht wieder mal den Text vergisst, wir Hacker nennen das ‚Honig im Kopf’.“ Die Roboter gibt es in „Lustig“ und in „Mario Barth“. „Es gibt für alles einen Markt“, so die Entwickler. Das Modell Roboter-Böhmermann findet rasenden Absatz, besonders aus dem kurdischen Teil der Türkei hagelt es Bestellungen. „Die haben da scheinbar eine besondere Vorliebe für Gedichte“, vermutet man bei der Hersteller-Firma.

  1. Roboter-BILD Chefredakteur

Kritiker der Boulevard-Zeitungen behaupten seit Jahrzehnten steif und fest: BILD Mitarbeiter sind keine Menschen. Daher ist der nächste logische Schritt die Einführung eines echten Roboter BILD Chefredakteurs. Matthias Döpfner zur Digital-Strategie des Axel-Springer Verlags: „Wir setzen konsequent auf dem Umbau unseres Hauses von ‚Lügen wie gedruckt’ auf ‚Lügen wie digitalgedruckt’ – daher macht es natürlich Sinn, den Chefredakteur zu einem Roboter zu machen.“ Unterstützt wird er dabei von Cyborgs wie Julian Reichelt und seinem Klon Paul Ronzheimer. Der Roboter-BILD Chefredakteur sieht aus wie Kai Diekmann, nur mit mehr menschlichen Zügen. „Wir haben ihn mit einem empathischen Wesen ausgestattet, einfach weil wir gespannt waren, was passiert.“ Sein erstes Werk war ein Interview mit Jan Böhmermann. Die Humorversuche waren noch etwas ungelenk und das Lachen geriet arg mechanisch. Der Titel-Terminator verdrückte einige künstliche Tränen – also alles wie bei seinem ‚menschlichen’ Vorbild. „In den nächsten Tagen spielen wir noch die Software für Populismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechthaberei auf, dann ist er fertig.“ Was macht eigentlich Tanit Koch? Laut Döpfner: „Ein Auslaufmodell.“

  1. Roboter-NetzfeministInnen

Endlich eine Lösung für Trollerei und Hate-Speech gegen weibliche Netzfeminnist*Innen: die Roboter-Netzfeminist_innen. „Unsere Roboter haben keine Gefühle, daher perlen Beleidigungen einfach an denen ab“, so die EntwicklerInnen. Unsere Roboter-Netzfeminist*innen analysieren per Algorithmus die gängigen Beleidigungen und blocken sofort. Die Roboter kommunizieren ständig untereinander und blenden alles andere aus – „wir wollten sie so realistisch wie möglich programmieren.“ Die Roboter-Netzfeminist_innen zeichnen sich durch hohen Aktionismus und Hashtag-Kreativität aus. Als Roboter haben sie eine Mechanik entwickelt, sehr laut zu sein, aber im Grunde real nichts zu ändern. Alle paar Jahre diskutieren sie die gleichen Dinge nur unter anderen Hashtags. Aber zum Glück sind es ja Roboter, denen nie langweilig wird. Erst Maskus fühlen sich natürlich diskriminiert und fordern männliche NetzfeministInnen. Die HerstellerInnen sind sich sicher: „Die Roboter-Netzfemist*innnen werden für einen #Aufschrei sorgen!“

 

 

 

 

 

 

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Ein neuer Konservatismus muss her.

Gestern Abend stand der Spitzenkandidat der AfD in Rheinland-Pfalz Uwe Junge gut gelaunt in den Wahlstudios und feierte seinen Sieg. Uwe Junge ist Oberstleutnant der Bundeswehr und war lange Mitglied der CDU, bis er sich der AfD zuwandte. Junge ist ein Prototyp der AfD, kein Nazi wahrscheinlich, aber sehr konservativ. Zumindest kann man das für Länder wie Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz sagen. Menschen, die jahrelang oder gar Jahrzehnte CDU wählten, entscheiden sich jetzt lieber für die erzkonservative Alternative für Deutschland. So wie früher die CDU mal war: gegen Homo-Ehe, gegen Einwanderung und für manche Deutschtümelei mit braunen Tendenzen. So war das in den 80ern, während die CDU von heute sogar bei Grünen-Wählern beliebt ist. Das hat mit Konservatismus nichts mehr zu tun. Solche Leute wurden früher von der CDU und heute noch teilweise von der CSU abgeholt. Aber die Bindung löst sich auf.

Woher ich das weiß? Ich bin selber in einer Offizier-Familie aufgewachsen. Und ich war selbst einige Jahre in der Bundeswehr und habe strukturellen Konservatismus erlebt. Als ich Offiziersanwärter war, standen dort Autos auf dem Parkplatz mit Aufklebern, die die Umrisse Ostpreußens zeigten. Überschrift (natürlich in Fraktur): „Deutsches Land in Fremder Hand.“ Aufgeregt hat sich darüber niemand. Dabei hatte die Bundesregierung schon in den Ostverträgen auf die ehemaligen deutschen Gebiete wie Ostpreußen verzichtet. Hier durfte aber noch offen von Deutschland in den Grenzen von 1937 geträumt werden. Unvergessen ist mir auch der Appell zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. Der damalige Kommandeur der Panzertruppenschule durfte damals unwidersprochen verkünden: „Heute ist Mitteldeutschland der Bundesrepublik beigetreten, ich betone: Mitteldeutschland.“ Auch hier lebte der Traum vom Deutschen Reich offen und fröhlich weiter.

Solche Menschen gibt es heute immer noch. Ob in Uniform oder ohne. Bis jetzt waren CDU Rechtsaußen wie Erika Steinbach dafür zuständig, diesen Wählern eine Heimat zu geben. Selbst wenn sie aus der vor langer Zeit mal vertrieben wurden. Man kann ihre Dauer-Provokationen in sozialen Netzwerken als verzweifelten Versuch sehen, diesen Zeitgeist in der CDU weiter zu pflegen. Vergeblich natürlich (hoffentlich). Unter einem Helmut Kohl der 80er wäre die CDU von heute wahrscheinlich als linksradikale Vereinigung eingestuft worden. Und für Frau Steinbach und ihre Anhänger muss es unglaublich klingen, wenn Merkel die Grenzen öffnet und es gutheißt, wenn Homosexuelle Lebenspartnerschaften eingehen dürfen. Sodom und Gomorrha in unserem schönen Heimatland.

Vielleicht bin ich ein eher links gerichteter Mensch geworden, weil ich eben so konservativ aufgewachsen bin. Mein Vater flippte aus, als mein älterer Bruder die Grünen wählte. Das gehörte sich nicht, das waren Terroristen und Friedens-Utopisten. Wenn man heute Kretschmann sieht, bringt man das nicht mehr zusammen. Der wirkt ja staatstragender als Julia Klöckner und Reiner Haseloff zusammen und hat mehr Format, als viele konservative Politiker (wobei Kretschmann wahrscheinlich der Prototyp eines liberalen Konservativen ist). Wie gesagt: Konservatismus muss ja nicht gleich schlecht sein. Er darf eben nicht, wie bei der AfD, als Vehikel dienen, um gleichzeitig Fremdenhass zu schüren.

Überhaupt: Früher fand man konservative Meinungen nicht nur in obskur rechten Blättern wie Compact oder Junge Freiheit. Nein, man fand sie zum Beispiel in der Welt am Sonntag. Mein damaliger Professor für politische Philosophie sagte mal: „Lest nicht die Zeitung deren Meinung ihr teilt, lest die Zeitung, deren Meinung ihr nicht teilt.“ Denn Begriff Filter-Bubble gab es zwar noch nicht, aber er holte mich da raus. Viele Jahre kaufte ich sonntags die WamS und ärgerte mich über das konservative Weltbild darin. Nach langer Zeit machte ich das letztens wieder. Und siehe da: die Zeitung war modern, hatte interessante Berichte und regte mich überhaupt nicht mehr auf. Die WamS war der Blatt gewordene moderne Konservatismus. Nervend, aber immer auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung.

Bis jetzt konnte die CDU alle Versuche abwehren, rechts von ihr eine Partei zu etablieren. Ich bin mir sicher, dass die CDU schon bald nach rechts rücken wird. Julia Klöckner gerierte sich ja schon wie Seehofer als AfD-Light: Geschlossene Grenzen ja, Schießbefehl nein. Was der CDU von heute fehlt ist die richtige Balance zwischen Modernität und Konservatismus. Sie steht irgendwo verloren im Niemandsland und hat das, was früher mal konservativ war, Spinnern, Frustrierten und Pseudo-Nazis überlassen. Vielleicht wäre es mal an der Zeit, dass sich die Christdemokaraten dieses Terrain  zurückholen.

Und vielleicht kann man sich sogar irgendwann über die Welt am Sonntag aufregen – und zwar nicht wegen der nächsten dümmlichen Clickbaiting-Headline im Internet.

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The day before the day AfDer.

Morgen ist Superwahlsonntag, ein Tag, der bestimmt alles wird, nur nicht super. Aber wenigstens ist es dann vorbei. Ein Anfang mit Schrecken. So würde ich das ganze bezeichnen. Denn dann ist endlich Schluss mit der wochenlangen Weltuntergangsstimmung im Netz und den Medien, nach jeder Umfrage, bei der die AfD immer stärker wurde. Die AfD wird jetzt mit einer Stimmung in die Parlamente geführt, die vom Zeitgeist dauernder Krisen befeuert wurde und wird. Sie ist nichts weiter, als ein Krisen-Gewinnler.

Denn die AfD ist ein Kind der Finanz- und Griechenlandkrise Ende der 00er Jahre. Und sie veränderte sich von der Euro-skeptischen Professoren-Partei zu einer rechts-populistischen Partei, die Rechtsextreme anzieht, mit der Flüchtlingskrise. Deren Anhänger wähnen unser Land am Abgrund, während es Deutschland wirtschaftlich so gut geht wie nie. Aber Emotionen haben niemals etwas mit Fakten zu tun. Meistens im Gegenteil.

Morgen wir die AfD wahrscheinlich einen großen Triumph feiern, aber im Grunde wird dies der Anfang vom Ende des Hypes sein. Mit etwas Glück (oder eher Pech) wird sie vielleicht noch von der Flüchtlingspolitik profitieren. Das wird auch vom weiteren Zustrom von Flüchtlingen abhängen. Machen andere Staaten die Grenzen dicht, profitiert davon eben auch die Mutter aller Willkommenskultur, Angela Merkel.

Die AfD wird sich aller Wahrscheinlichkeit im parlamentarischen Betrieb schnell entzaubern. Sie wird feststellen, dass kleine Verwaltungsvorschriften größere Hindernisse darstellen, als ein Grenzzaun mit Schießbefehl. Letztlich ist die Flüchtlingskrise für die AfD das, was für die Grünen vor 5 Jahren Fukushima war: ein unglaublicher Push für das jeweilige Kernthema. Und ehrlich gesagt: ich sehe keinen Politiker mit Format, wie der Grüne Kretschmann, der es in der AfD schafft, von dieser günstigen aktuellen Stimmungslage langfristig zu profitieren.

Eher wird es darauf hinauslaufen, dass sich die AfD-Fraktionen über kurz oder lang zerlegen. Dies geschah u.a. schon in Bremen oder Brandenburg, Fällt das gemeinsame Ziel weg, hier die Begrenzung des Zustroms von Flüchtlingen, werden die Zentrifugral-Kräfte bei neuen Parteien schnell sichtbar. Das konnte man in den letzten Jahren bei der Piraten-Partei erleben. Auch hier wurde relativ schnell sichtbar, wie unterschiedlich die Interessen innerhalb dieser Netz-Bewegung waren. Nicht anders wird dies bei der AfD sein.

Die AfD wird nicht gewählt, weil sie für etwas ist, sondern nur, weil sie gegen die Politik Merkels steht und die Ängste vieler Bürger für sich nutzt. Die meisten werden Protestwähler sein oder vorher eben gar nicht gewählt haben. Da heute die Wählerbindung sowieso immer stärker abnimmt, gelingt es zwar Parteien wie der AfD in bestimmten Situationen wie jetzt, viele Anhänger zu mobilisieren, aber eben nicht nachhaltig. Gelingt es in den nächsten 2 Jahren die Flüchtlingsfrage in den Griff zu bekommen, werden viele wieder CDU, SPD oder Linkspartei wählen. Oder eben eine neue Protest-Partei, die dann von der nächsten Krise profitiert.

Politik ist kein 100 Meter Lauf, sondern ein Marathon, heißt es. Und Politik ist etwas anderes, als Forderungen zu stellen, die man nicht durchsetzen kann. Das erleben die meisten Protest-Parteien spätestens, wenn sie im Parlament sitzen. Freuen wir uns also, wenn die AfD endlich in die Landtage einzieht. Sie wird sich dort selbst demaskieren, zeigen wie handlungsunfähig sie ist und sich in ihre parlamentarischen Einzelteile auflösen. Sie wird verdeutlichen, welche Dummköpfe und Laien plötzlich Politiker sind. Und sie wird erfahren, dass man auf dem Rücken von Nazis nachhaltig nicht erfolgreich sein kann. Der morgige Wahlsieg wird die größte Niederlage sein und der Anfang vom Ende des Schreckens der Populisten.

Darum: es gibt keinen Grund morgen frustriert zu sein. Im Gegenteil. In jedem Anfang liegt ein Zauber inne: dieser Zauber ist hier das Ende der Hype-AfD.

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Was ich vom Internet gelernt habe.

Herzlichen Glückwunsch! Mit dem Text auf dieser Seite hat Alf Frommer den jetzt.de-Schreibwett­bewerb gewonnen. Die Preisfrage an die jetzt.de-User lautete: Was hast du vom Internet gelernt?

Ich bin mit drei Fernsehprogrammen und einer Gewissheit aufgewachsen: Zum Überleben braucht man Bild, BamS und die Glotze. Die Erkenntnis ist nicht von mir, sondern von einem Menschen, der sehr reale Macht in diesem Lande hatte: Altbundeskanzler Helmut äh Gerhard Schröder.
Dann. Mitte der 90er-Jahre. In grauer Vorzeit. Da gab es wie aus dem Nichts etwas anderes. Nicht Techno. Aber durchaus etwas Technologisches: die Datenautobahn. Den Cyberspace. Das Weltnetz. Man war so überrascht von diesem neuen Medium, dass man ganz vergessen hatte, einen passenden Namen auszusuchen, bevor das Riesenbaby das Licht der Computerscreens erblickte.
Datenautobahn kam mir persönlich etwas daneben vor. Das lag an meiner ersten Begegnung mit dem Internet. Es war abends in einer Werbeagentur in Hamburg. Damals hatten genau drei Leute einen Internetanschluss. Die Sonne wanderte schnell gen Horizont, während zwei Kollegen und ich seit einer Viertelstunde darauf warteten, dass mal endlich die gewünschte Seite geladen würde. Damals bot das Internet viele Möglichkeiten zum Zeitvertreib: Man konnte mit Freunden telefonieren, Sex haben oder (totaler Wahnsinn) ARBEITEN. Denn in der Zwischenzeit passierte meistens nicht viel (tut es heute oft auch nicht, nur viel, viel schneller). Heutzutage bietet die digitale Welt auch ungeahnte Möglichkeiten des Zeitvertreibs. Aber statt zu vögeln, widmet man sich eher Angry Birds.
Jedenfalls hatten wir gerade Dostojewskis Der Idiot ausgelesen, als wir voller Bewunderung die AOL-Homepage betrachteten. Hammer! Ich gab der Sache damals noch etwa ein halbes Jahr. Spätestens dann würden wir wieder alle am Faxgerät stehen und unsere hübschen Kolleginnen dafür bewundern, dass bei ihnen selbst Faxen eine irgendwie faszinierende Tätigkeit war.

Zum Glück bin ich nicht Visionär geworden (wofür ich mich selbstredend halte), sondern leitender Mitarbeiter einer gut gehenden Werbeagentur. Diese zeichnen sich gemeinhin dadurch aus, dass sie keine Trends setzen, sondern Trends nutzen. In diesem Falle den Trend: Internet. Meine erste Community (die damals natürlich noch nicht so hießen) war: Thema1. Ein Boulevard-Trashmassaker, wie man es nur in den Anfangszeiten des Internets wagen konnte, online zu stellen. Alles war neu. Es war ein endloser Raum voller Möglichkeiten. Digitalluft macht frei. Tief einatmen und ausatmen. Das tat gut.

Mein erster Avatar nannte sich: siegstyle. Den nutze ich nun seit elf Jahren. Mit dem Namen habe ich mir jede Menge Freunde gemacht. Bis heute. Dabei war siegstyle ein diesmal wirklich visionärer Blick in die Zukunft. Den Modediktatoren, die heute durch die Urbanität ziehen, würde man nur zu gern ein fröhliches: „Sieg Style!” entgegenbrüllen. Und gleichzeitig denken: Das Internet hat die Urbanität der Hipster gleichförmiger gemacht, bei größerer Individualität. Wie immer: Der Segen kommt immer mit seinem bösen kleinen Bruder Fluch.
siegstyle war für mich wie das Internet: Freiheit und Möglichkeit in einem. Aber ohne die Angst, die man vor der Freiheit hat. Er war und ist mein Mr. Hyde. Aber ich entscheide, wann er zum Vorschein kommt. Er tut und sagt Dinge, die ich als reale Person niemals sage oder getan hätte. Gutes und Schlechtes, Schlaues und Dummes, Wahres und Falsches. Das binäre System Internet: einmal die 0 im wahren Leben und einmal die Nummer 1 im virtuellen. Aus diesen Spannungsfeldern speiste sich meine Begeisterung für das digitale Leben.
Ohne es zu merken, entwickelte sich meine zweite Persönlichkeit. Es kam zu Treffen mit Menschen, mit denen ich online Kontakt hatte. Aber die sahen nicht mich als Person, sondern mich als siegstyle. Ich war nicht ich. Ich und ich. Das war keine Band, sondern zweierlei. Irgendwann habe ich diese Treffen eingestellt. Denn siegstyle war 100 Prozent online. Er hatte in der realen Welt nichts zu suchen. Ich kam mir vor wie ein verirrter spanischer Conquistador auf der vergeblichen Suche nach dem Eldorado. Immer voller Hoffnung und vielleicht auch Gier. Doch immer begleitet von der Vergeblichkeit.
Ich war nie ein Netzwerker. Trotzdem liebten andere User siegstyle. Seinen Wahnsinn. Seinen Blödsinn. Seinen Unsinn. Denn das Leben gaukelt uns immer mehr Sinn vor. Da tut es gut, den Unsinn bewusst zu suchen. Ich lebte mich aus. Es war wie freie Liebe. Der Sex war der Post, und der Orgasmus kam mit den positiven Kommentaren. Im Grund ist dies auch die Droge, die bis heute die sozialen Netzwerke am Laufen hält: die stete Sucht des Menschen nach Anerkennung. Die Währung ist Aufmerksamkeit. Gezählt wird in virtuellen Freunden, Followern oder Likes. Was das angeht, unterscheidet sich das digitale Leben nicht sehr vom echten. Denn sind wir nicht alle ständig auf der Suche nach ein bisschen Liebe?
Nach 14 Jahren Internet lebe ich heute mit vier Medien­welten und einer Gewissheit: Zum Überleben braucht man bild.de, mindestens ein soziales Netzwerk und eine riesengroße DVD-Sammlung. Und vor allem braucht man: Persönlichkeit. Im wahren Leben wie im wahren Leben im Internet.
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Nicht noch ein schnelleres Pferd.

Henry Ford – der große Autobauer der USA – soll mal gesagt haben: wenn er seine Kunden gefragt hätte, was sie sich wünschen hätten sie gesagt „ein schnelleres Pferd“. Heute fragt man im Internet permanent seine Kunden: per Tracking und diversen anderen Analyse-Tools erfahren Webseiten-Betreiber genau, was ihre Kunden oder Leser, anklicken oder eben nicht. Das Ergebnis sind im Grunde immer neue „schnellere Pferde“, aber keine Webseite, die den Mut hat, Dinge mal anders zu machen, als alle anderen. Denn auch dort machen die Leser alle das gleiche und jeder kommt auf die selben Schlussfolgerungen.

Warum ich das schreibe? Die Jugend-Webseite der Süddeutschen Zeitung, jetzt.de, startet einen umfassenden Relaunch. Dieser war wohl dringend nötig, denn seit der letzten großen Überarbeitung der Seite verlor jetzt.de dramatisch an Mitgliedern in der Community, was man unter http://mehrjetzt.tumblr.com/ nachlesen kann. Ich möchte es gleich vorausschicken: ich bin nicht objektiv. Für mich gehörte das jetzt-Magazin und auch die Webseite jetzt.de zu meiner digitalen Seite im Leben. So wie Dick zu Doof gehört. Oder zu einem Zwerg eben noch sechs weitere. Jetzt.de hat mich im Internet sozialisiert, zum  10-jährigen Bestehen der Seite durfte ich dazu auch eine Kolumne schreiben, die im dem dazu erschienenen Magazin gedruckt wurde. Den Text dazu kann man hier noch einmal nachlesen https://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/528914/Was-ich-vom-Internet-gelernt-habe – diese Seite hat mich viele Jahre begleitet, war Facebook und Twitter in einem für mich. Und mein größter Viral-Erfolg im Netz hängt auch mit jetzt.de zusammen. Als Anfang 2011 die Werbe-Agentur Jung von Matt, Judith Holofernes für die BILD-Kampagne verpflichten wollte, veröffentlichte ich dort einen satirischen Text. Es war eine fiktive Antwort der Werbeagentur auf die Absage der Sängerin. Ich veröffentlichte einen Link auf Twitter und danach explodierte das Netz. Hunderte Kommentare unter dem Beitrag, die Webseite an der Belastungsgrenze und der Chefredakteur musste eine Klarstellung veröffentlichen: dieser Text ist nicht von der Redaktion. Hier noch mal zum Nachlesen:

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/520439/3/Die-Antwort-der-Werbeagentur-Jung-von-Matt-auf-Judith-Holofernes

In seinen besten Zeiten war der sogenannte Kosmos von jetzt.de die inspirierendste Community, die ich je erlebt habe. Tolle, intelligente Menschen. Autoren mit einem Sprachwitz und einer -gewalt, die mich immer auch ein bisschen neidisch machte. Aber ist Neid nicht auch ein wenig das größte Lob, was man jemandem geben kann? Ich denke schon. Einige von denen sind später Schriftsteller oder Journalisten geworden. Alles, was ich an dummen Sprüchen jetzt auf Twitter mache, übte ich jahrelang auf jetzt.de. Ich wurde daher nicht Autor, sondern Werbetexter. Nach vielen Jahren konnte ich daraus dann endlich mal eine nationale Werbe-Kampagne machen. Für Lieferando. Auch das habe ich dieser Seite zu verdanken. Vielen satirischen Texten, die ich geschrieben habe, gab die Redaktion ein Forum und präsentierte sie auf ihrer Startseite. Das war Motivation.

Natürlich wurde ich wie fast jeder bei meiner ersten Bewerbung abgelehnt. Und dann noch mal abgelehnt. Genommen wurde ich, weil ich bei irgendeinem Schreibwettbewerb auf jetzt.de zu den beliebtesten Texten gehörte. Da wurde ich freigeschaltet. Ab da gehörte ich zu den Menschen die Texte veröffentlichen durften. Hört sich heute total wahnsinnig an: nicht jeder durfte dort schreiben, sondern nur die, die einen Auswahlprozess überstanden hatten. Das Gegenteil zu heute, wo jeder meint seine Meinung überall kundtun zu müssen, ohne einen geraden Satz aufs Online-Papier zu bekommen. Jetzt.de war von seiner Idee der Zeit voraus. Wo konnte man schon das tun, was man da machen konnte? Facebook und Co. gab es nicht. Meine einzige andere Community war ein Fußball-Netzwerk, wo sich Soccer-Nerds austauschten. Aber nichts hatte die Anziehungskräfte von jetzt.de.

Ich kenne selbstverständlich nicht die internen Gedankengänge der Redaktion. Aber nach jedem Relaunch wurde die ursprüngliche Idee der Einbindung der Community immer weiter zurückgeschraubt. Das tat mir weh. Irgendwann habe ich mir dann auch nicht mehr die Mühe gemacht, dort wirklich Texte zu veröffentlichen und wich auf mein eigenes Blog und zu „Der Freitag“ aus. Zurück blieben die ganz hartgesottenen, die auch kein Relaunch abschrecken konnte. Die schrieben jeden Tag ihren Tagesticker unbeirrt weiter und diskutierten dort, als wäre nichts geschehen. Als würde die immerwährende Beta-Phase des Webs nur eine Laune der digitalen Natur sein. Manchmal noch klickte ich in den Tagesticker und sah dort die gleiche Skatrunde, wie Jahre zuvor. Einerseits schön, andererseits auch traurig. Es war ja abzusehen, dass sich etwas grundlegendes ändern musste.

Denn anders, als etwa vor 5 oder 10 Jahren gibt es jetzt ernsthafte Konkurrenz im Netz. Mit bento oder zett. Und neon.de gibt es ja auch irgendwie noch. Das Problem am Internet ist sein Hang zur grundlegenden Gleichmacherei. Nach innen, wie oben beschrieben durch die Daten, die niemals lügen. Und nach außen eben auch. Jeder kommt heute an alle Informationen. Das Privileg der Jugend, ein eigenes Geheimwissen zu haben, was Erwachsenen nicht verstehen, verschwindet immer mehr. Man kann die gleichen Klamotten kaufen und die selbe Musik hören. Alles nur einen Klick entfernt. Ist Jugend nicht wirklich nur noch ein Alter? Wenn man heute bento Artikel liest, könnten die genauso gut auch auf spiegel.de gepostet werden. Kein Unterschied. Ich hoffe, jetzt.de wird nicht nur ein weiterer Kanal, um ein Jan Böhmermann Video zu promoten. Denn man Ende ist das dann nicht mehr bento, jetzt oder zett, sondern nur noch Facebook. Es schreiben ja eh alle über das gleiche.

Journalismus an sich ist heute auch ein Show-Geschäft: man braucht Rampensäue mit einer hohen Vernetzung im Internet, um wirklich Aufmerksamkeit zu erzielen. Es wird nicht nur alles schneller, sondern auch schriller. Alle reden über Rant-Journalisten wie Matussek, Martenstein oder deren junge Ausgabe von Rönne. Wahrscheinlich glauben die den Kram selbst nicht, den sie schreiben, aber wie soll man noch Awareness schaffen, wenn alles eine unerträgliche Konsens-Soße geworden ist. Gerade auch im jungen Journalismus. Da gibt es unzählige Lebenshilfe-Artikel, aber keine 100 Zeilen Hass mehr. Wir müssen nicht alles und jeden akzeptieren und lieb haben. Scheiße, ihr seid jung. Ihr müsst auf die Kacke hauen und mir nicht erklären wollen, wie man im Bewerbungsgespräch punktet. Oder wie man einen transsexuellen Veganer im Rollstuhl richtig anspricht. Leute, das langweilt.

Ich wünsche dem neuen jetzt.de alles Gute. Ich wünsche euch, dass ihr als Mutter aller jungen Angebote im Netz (aber immer noch eine attraktive MILF), den jungen Journalismus neu definiert. Jenseits von der Gleichmacherei der Themen durch den Moloch Internet. Diesseits des Konsens-Geschreibsels. Mit einer eigenen Stimme. Wieder mehr Rampensäuen in der Redaktion, die Leser auf die Seite ziehen. Die dann – in welcher Form auch immer – eine neue lebendige Community bilden. Ich werde da nicht mehr dabei sein. Denn selbst die erfolgreichsten Berufsjugendlichen gehen irgendwann in Rente.

Aber bitte denkt daran, trotz allen ausgewerteten Daten: das Internet und der Journalismus warten nicht auf noch ein schnelleres Pferd. Geht euren eigenen Weg, einen auf den die Leser vielleicht warteten.

 

 

 

 

 

 

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